Unsere Hermès-Taschen

Zusammen mit Morella warten wir an der Strasse vor ihrem Haus und versuchen, ein Taxi zu ergattern. (Bei Morella und ihrer Familie hatten wir eine Woche im home stay — die Chilenen sprechen das eher als „choom-stee“ aus — verbracht, während wir in Santiago unsere Spanisch-Kenntnisse auffrischten.) Zwei Taxis hatten bereits gehalten, doch die Fahrer hatten jeweils kurz geschaut, den Kopf geschüttelt und wieder aufs Gas gedrückt. Wir schauen uns verwundert an. Sehen wir verdächtig oder zahlungsunfähig aus? Oder denken die, dass wir zu dritt mit unseren drei Reisetaschen einsteigen möchten? Dazu muss man sagen, dass die chilenischen, schwarz-gelben Taxis kleine Stufenheck-Limousinen sind, in die eine solche Ladung nicht ohne weiteres passen würde.

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Frühstück in Morellas Patio

Schliesslich hält doch noch ein Taxi und nimmt uns mit. Unsere Destination José Arrieta 83 im Stadtteil La Providencia kennt der Taxifahrer nicht, dafür kann er  auf seinem Android-Telefon Google Maps bedienen. Dann fährt er los. Wir schauen uns an: sagst Du es ihm, oder sage ich es? «Señor, puede prender el taxímetro, por favor.» — Taxifahrer verrechnen am Ende der Fahrt lieber einen Phantasiepreis als das Taximeter einzuschalten. Aber im Moment, als wir den Satz beginnen, hebt er die Hand und schaltet das Gerätchen ein. Wir waren gerade etwas zu ungeduldig gewesen.

Am Ziel öffnet sich die eindrucksvolle Eingangstüre, noch bevor wir richtig ausgestiegen sind. Und unser zukünftiger Gastgeber, Cristian, fragt sogleich, wie viel uns der Taxifahrer für die Fahrt berechnet hat. Auch er ist darum besorgt, dass seine Gäste nicht über den Tisch gezogen werden. Wir geben Entwarnung, 4’600 Pesos plus Trinkgeld ist der Preis. Cristian bestätigt. Sofort hilft er uns mit den drei Reisetaschen, stellt sie bei der Reception ab, schaut die Taschen an, dann uns, dann wieder die Taschen: «Ja, aber habt Ihr denn keine Koffer wie normale Leute?» (sinngemässe Übersetzung aus dem Spanischen). Wir verstehen seine Verwunderung, denn zwei unserer Taschen — wir geben vor, sie bei Hermès gekauft zu haben — sind in Tat und Wahrheit aus dem Türkenshop in Suhr bei Aarau und haben ganze 3.50 Fr. pro Stück gekostet.

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Am Colca Canyon, Peru, 2006

Diese typischerweise rot-weiss-blau karierten Taschen (mit Reissverschluss!) sind aus einem Gewebe aus rezykliertem Plastik gefertigt und werden auch in Südamerika vor allem von Leuten verwendet, die sich keine „richtigen“ Taschen oder Koffern leisten können. Wir verwenden sie aus einem anderen Grund: zwar haben wir jetzt ziemlich viel Gepäck aus der Schweiz dabei (u.a. Ersatzteile, wärmere Kleider, Schuhe), aber wenn ihr Inhalt mal in unserem Reisefahrzeug verstaut sein wird, dann haben wir nicht auch noch Platz für grosse Sporttaschen oder Rucksäcke, ausser der einen blauen Ortlieb-Sporttasche, unser Gepäckstück Nummer 3.

Cristian zeigt sich befriedigt von unserer Antwort, heisst uns herzlich willkommen in seinem B&B und zeigt uns das Zimmer. Wir glauben, gut ausgewählt zu haben, denn hier werden wir die letzte der drei Wochen Santiago verbringen, bis unser Auto aus Australien im Containerhafen eintrifft.

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Wo sind die drei Taschen?

Nützliches Vokabular

el taxímetro — das Taximeter
la propina — das Trinkgeld
la maleta — der Koffer, die Reisetasche
bonito — schön, gut

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