Zum hängenden Gletscher

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Noch 200 Meter bis zum Mirador und dann wird sich zeigen, ob sich der Aufstieg gelohnt hat. Als wir vor fast eineinhalb Stunden im Tal die Hängebrücke überquerten, war der Ventisquero Colgante fast vollständig in den Wolken gehüllt gewesen.

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Blick von der Hängebrücke hinauf ins Tal

Das Wetter ist seit zwei Tagen unbeständig, weil wir im Einfluss eines riesigen Tiefdruckgebiets über dem Südpazifik stehen. Davor war schon eine Störung über Mittel-Chile gefegt, gefolgt von einem Schönwetterfenster von etwa 4 Tagen. Dieses Fenster hatten wir genutzt, um von Puerto Montt die Carretera Austral in Angriff zu nehmen.
Das war auch die ursprüngliche Idee (“Plan A”) gewesen, aber als Beats Gepäck am folgenden Morgen nicht lokalisierbar war, beschlossen wir wegen des zweitägigen LAN-Chile-Streiks, die Insel Chiloë, etwa 70 km südwestlich von Puerto Montt, zu besuchen (“Plan B”). Beat kaufte sich eine Ersatzzahnbürste, den Rest konnten wir ihm so lange ausleihen. Weil der (echte!) Flughafen von Puerto Montt praktisch auf dem Weg nach Chiloë lag, schauten wir trotz Streik beim Gepäck-Schalter vorbei. Und siehe da: es war doch jemand aufzutreiben, der für uns nachschaute, ob die Tasche inzwischen angekommen war. Überraschung: sie war! Damit wurde eben “Plan A” wieder aktuell.
Auf die mühsam übers Internet gebuchte Fähre von Hornopirén nach Caleta Gonzalo reichte es zwar nicht mehr, aber ein Anruf an die richtige Stelle reichte (ganz herzlichen Dank dem Angestellten der Fähre in La Arena, der uns dafür sogar sein Mobiltelefon lieh), und wir wurden kostenlos auf die erste Fähre am nächsten Morgen umgebucht. Damit beschränkte sich der Kollateralschaden wegen der nicht eingetroffenen Reisetasche auf die vorsorglich gekaufte Zahnbürste. Die Überfahrt auf der Fähre dauerte gut fünf Stunden und war ein würdiger Einstieg in unsere gemeinsame Reise.

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Von Hornopirén nach Caleta Gonzalo
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Kurz nach dem Ablegen gesellten sich mehrere Delphine zu uns

Und nun steigen wir also zusammen durch einen wunderbaren, dichten, grünen Regenwald zum Aussichtspunk auf. Natürlich ist es im Queulat-Nationalpark nicht umsonst so grün: es regnet hier oft und viel (ca. 4000 mm/Jahr). Der Wanderweg ist teilweise matschig, an einer Stelle wurde er vor einiger Zeit von einem kleinen Erdrutsch verschüttet, aber die vielen Besucher haben rasch einen Umweg gefunden, dem auch wir folgen.

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Schau, wo du hintritts, Wanderer!

Schon am Vortag waren wir zweimal dem Wort ventisquero begegnet, konnten aber nichts damit anfangen. Es ist ein altes spanisches Wort für Gletscher. (Die Chilenen sagen harto als Verstärkungswort für sehr oder viel oder für etwas, was sie gut finden; die Argentinier rufen ¡barbaro!. Die Chilenen sagen ventisquero, die Argentinier glaciar.) Und plötzlich treten wir aus dem Wald auf die Aussichtsplattform, und da hängt er, der Ventisquero Colgante, gerade unterhalb der Wolken. Das Eis schimmert bläulich, und gleich mehrere Wasserfälle stürzen daraus in die Tiefe. Schöner wäre es bei Sonnenschein, aber wir sind froh, müssen wir nicht im Regen wandern. Sí o sí ist das Schauspiel grandios — erst recht als ein kleines Stück Gletscher abbricht und in die Tiefe prasselt.

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Ventisquero Colgante — Hängender Gletscher (in Zentraleuropa kennen wir fast nur solche, aber nahe an den Polkappen gibt es auch Gletscher, die fast im Flachen dahinfliessen)

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Nützliches Vokabular

el mirador — der Aussichtspunkt
el paro, la huelga — der Streik
el ventisquero, el glaciar — der Gletscher
colgante — hängend
sí o sí — so oder so

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. alpentrex sagt:

    Ihr weckt schöne Erinnerungen bei mir. Ich hoffe, ihr habt genügend Zeit und Sprit, damit ihr bis Villa O’higgins kommt. Wenn das Wetter passt – himmlisch, wenn nicht – dann wächst fast Moos hinter den Ohren ;-).

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    1. uncachito sagt:

      Das beschriebene Sturmtief (und keine Aussicht auf Besserung …) hat uns bei der Hacienda Tres Lagos Richtung Chile Chico abdrehen lassen, wo wir dann auch gutes Wetter vorfanden. Wir werden auf der Reise nach Norden über das Valle Chacabuco nach Chile einreisen und nochmals einen Anlauf nach Villa O’Higgins unternehmen.

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