Stau am Berg

«Señor, no haga camino nuevo! (Bitte halten Sie sich an den Wanderweg)», ruft die nach der neusten Outdoormode gekleidete, Wanderführerin Oliver nach. Er klettert behende, nach Schweizer Manier, neben dem Weg den steinigen Moränehügel hoch, um endlich an ihrer zwanzig Personen zählenden Gruppe vorbei zu kommen.

«Habt ihr die auf dem Stein sitzende Asiatin auch gesehen, welche quasi im Weg, mitten im Aufstieg durch den Wald ihre Nase gepudert hat?», fragt Jeannine ihre beiden Begleiter. — «Ouff, die! Das ist mir jetzt doch noch nie untergekommen», kommt es zurück von Oliver. — «Mir ist die Anzahl von parfümierten Wanderern besonders schräg eingefahren», meint Beat. — «Und erst die Damen mit den perfekt geschminkten Lippen».

Es ist Hauptsaison in Patagonien, und wir erfahren, was dies  für den Parque Nacional Torres del Paine bedeutet, welcher Wanderlustige und Abenteurer aus aller Welt anzieht. Gleich mehrere Leute hatten uns erzählt, sie hätten Europäer getroffen, die für 11 Tage nach „Südamerika“ fliegen, um entweder den fünf oder sieben Tage dauernden Rundweg um diese einzigartige Bergkette zu erwandern. Die Infrastruktur kann mit dem Popularitätsgewinn nicht mithalten, und das Image des reinen Naturerlebnisses verliert an Glaubwürdigkeit. Wir sehen Zelte von Wanderern in den Steinen des Bachbetts, weil anderswo bereits alles überstellt ist. Toiletten sind keine in Sicht oder weit weg und in geringer Zahl. Gleichzeitig wird das Flusswasser als Trinkwasser, welches nicht behandelt werden müsse, angeboten.

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Der Parque Nacional Torres del Paine ist Opfer seines eigenen Erfolgs. Es ist fraglich, wo das relativ hohe Eintrittsgeld in den Park (pro Person 18’000 Pesos, CHF 25) hinfliesst, denn zusätzliche Toiletten und ein adäquater Unterhalt der Wege wären in diesem Land nicht teuer. Es scheint aber, dass sich die Guardaparques lieber in grösserer Zahl im Besucherzentrum aufhalten, wo es geheizt und windstill ist. Als Preisvergleich: wir haben alle einen Nationalparkspass für Chile erstanden für 12’000 Pesos. Dieser ist ein Jahr gültig und erlaubt uns freien Eintritt in alle Nationalparks des Landes, mit drei Ausnahmen, zu denen Torres del Paine gehört. Die Einzeleintritte in andere Parks sind für Ausländer normalerweise 5000 Pesos (Chilenen zahlen deutlich weniger).

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Mehrere hundert Wanderer pro Tag überqueren diese Brücke, doch scheint sie nicht erst seit heute defekt

Die tadelnde Wanderführerin verdient ihr Geld damit, nordamerikanische oder europäische Touristen mässiger Fitness zum wunderbaren Mirador de los Torres zu „führen“. Eine der möglichen Tageswanderungen im Nationalpark, welcher genau für diese Torres Weltruhm erreicht hat. Die letzte Stunde dieser für uns 6 stündigen Wanderung, führt über eine kahle, steile Moräne im Gänsemarsch zum atemberaubenden Aussichtspunkt mit Gletschersee. Vermutlich fühlt sich die Dame nicht nur für ihre Gruppe, sondern auch für die Umsetzung der Regeln im Park verantwortlich, wogegen nichts einzuwenden ist. Allerdings wäre es für alle hilfreicher, wenn sie ihre Gäste in kleinere Gruppen nach Stärkeklassen aufteilen und einen Codex bekannt geben würde, wie schnellere Wanderer (und von denen gibt es viele) vorbeigelassen werden sollen, anstatt die schleppend vorankommende Karawane zum Hindernis zu machen.

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Im Refugio El Chileno war das Wetter für diesen Tag beschreiben als «best day ever»

Am Mirador die fantastische Aussicht geniessend, stock uns dreien der Atem, als wir beobachten, wie sich eine Unerschrockene unter den vielen Menschen auszieht bis auf die Unterwäsche; langsam barfuss über die Steine zum Gletschersee balanciert und ohne zu zögern; trip-trap ins Wasser spaziert und kurz darauf ganz eintaucht; ruhig ein paar Züge schwimmt; und dann, unter Applaus, wieder raussteigt und sich genüsslich ablichten lässt mit dieser bezaubernden Kulisse. Beat spricht Stunden später noch ehrfürchtig von der unerschrockenen Schwimmerin.

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Die Torres aus einem anderen Winkel

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Morgenstimmung vom Übernachtunsplatz mit Sicht auf die Cuernos del Paine

Nützliches Vokabular

el guardaparque – Parkwächter oder Park Beauftragter
el camino – Pfad / Weg (fahrbar)
el sendero – Wanderweg
nuevo – neu
la torre – Turm

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Elsbeth Huggenberger sagt:

    Hej, danke ihr Beiden, also das Glöif ist ja fast so wie in der Aareschlucht an einem Juli-Nachmittag aber: seeeeehr attraktiv! Danke euch Beiden, der Beat muss jetzt hat in der Schweiz umegropple ; ) Ich sehe, Ihr seid wissensdurstig und fit und das ist prima!

    Grüessli usem Winterland eure Elsbeth

    >

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  2. wunderschön, aber ausser den Torres dem schweizerischen Nationalpark nicht unähnlich…

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  3. hallo zusammen, tolle gegend, lasst es euch gut gehen u häbet sorg lbg

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