The Singular Hotel

Ob es Olivers Intuition war oder nur Glück, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, aber auf alle Fälle wissen wir noch nicht, was uns wartet, als wir kurz vor Puerto Natales in den überraschend schlechten Kiesweg einbiegen. Immerhin zeichnet unser Lonely-Planet-Führer The Singular Hotel mit einem Stern aus – und gleich auch noch The Singular Restaurant, das zudem ab 08:00 Uhr offen sein soll.

Wir sind nämlich heute Morgen ohne Frühstück von unserem Aussichtspodest an der Laguna Sofía gestartet, in der Hoffnung, in Puerto Natales mal eine Abwechslung zu unseren eigenen Zmorge-Varianten zu finden.

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Laguna Sofía

Wir parken auf dem Kiesplatz und nähern uns zu Fuss der grossen, weissen früheren Lagerhalle, auf der «Reception» angeschrieben steht. Sie ist Teil der ehemaligen Hafenanlage von Puerto Bories, wo seit 1900 unter anderem Schafe geschlachtet, Fleisch im grossen Stil eingefroren, Schafpelze verarbeitet und Schiffe beladen wurden. Die Lagerhalle ist heute das Parkhaus der weissen Hotelbusse, der Miet-Mountain-Bikes und -Kajaks für die Hotelgäste. Und sie beherbergt im hinteren Teil auch den riesigen Glaskubus, in dem die Rezeption untergebracht ist.

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Trotz unseres Wandertenus werden wir vom Rezeptzionisten sehr höflich begrüsst, und auf unser Nachfragen, «¿Ya está abierto el restorán para tomar un café? (Gibt es im Restaurant Kaffee?)», entgegnet er, dass die Hotelbar selbstverständlich schon offen sei. Er ruft den Liftoperateur, der uns in der 60 Meter langen Standseilkabine ins Restaurant runterfährt, uns an die Bar begleitet und die Räumlichkeiten erklärt. In spektakulärer Weise wurden hier die Elemente der alten Anlagen und Hallen bewahrt und mit moderner Architektur verbunden (Architekt: Pedro Kovacic). Der Eintritt in den Restaurant- und Bartrakt aus dem ersten Stock ist ein totales Wow-Erlebnis (Innenarchitekt: Enrique Concha).

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«Damit etwas gut herauskommt, braucht es: erstens Liebe, zweitens die richtige Technik», Antoni Gaudí

Die Preise für den hervorragenden Kaffee und für die exzellenten Club-Sandwiches sind absolut im Rahmen, und wir verweilen fast eine Stunde in den Lounge-Sesseln, bevor wir uns aufmachen, die teilweise zum Museum umfunktionierten Hallen zu durchstreifen.

Der Dampferzeuger, die zwei Dampfmaschinen, die die Kompressoren für die damals mit Ammoniak betriebene Kälteanlage antrieben, etc. wurden im Rohzustand belassen und der Hotelbetrieb darum herum organisiert. Alles frei zugänglich und mit erklärenden Tafeln in spanisch und englisch ausgestattet. Im zweiten Stock befindet sich eine riesige Galerie für Kunstausstellungen, in der aktuell neben ein paar Skulpturen ein Dutzend Fotografien vom ursprünglichen Schlachthof und Hafen ausgestellt sind. 1971 wurde der Betrieb der Kühlhäuser stillgelegt und die Anlage geschlossen. Das Hotel wurde 2011 eröffnet.

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Die unerwartete Entdeckung solcher Kulturperlen ist ein gerne erlebter Kontrast zum Standardprogramm in dieser von Wind und Gletschern geformten Ecke der Erde. Letzteres war freilich spektakulär und von big-ticket sights wie Cerro Torre und Cerro FitzRoy, Perito Moreno Gletscher und die Torres del Paine geprägt, die zur Weltklasse der touristischen Sehenswürdigkeiten gehören. Aber im Vorfeld ist man den Bildern dieser Naturmonumente so oft und von so vielen Winkeln und in so tollem Licht fotografiert begegnet, dass es dem Live-Erlebnis dann fast etwas den Ohhh-Ahhh-Faktor nimmt. Beim Singular Hotel war es umgekehrt: ohne klare Vorstellung hineingestolpert und mit einer singulären Überraschung belohnt worden.

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Jeannine versendet mit dem Satellitentelefon Neujahrs-SMS; im Hintergrund der Cerro Torre und Cerro FitzRoy (von links)
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Gletscher so weit das Auge reicht: Perito Moreno
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Laguna Pehoe und Cuernos del Paine (mit schwarzen „Kappen“) im Parque Nacional Torres del Paine

Nützliches Vokabular

el matadero — das Schlachthaus
el frigorífico — der Kühlschrank, der Kühlraum

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. André Grubauer sagt:

    Wow! Das Hotel wäre was für mich zum umeschnöigge. Finde ich ein schlichtweg geniales Konzept. Liebe Gruess, Ändu

    PS: die Blogeinträge sind süffig geschrieben und kurzweilig zum lesen – mehr davon!

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    1. uncachito sagt:

      Merci, das freut uns 🙂

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