Die andere Optik

Gastbeitrag von Beat Ambühl (Text und Bilder)

Als langjähriger Freund von Jeannine & Oliver (JO) und Post Office Officer (ich erledige ihre Post während den langen Reisen) packte ich die Gelegenheit beim Schopf, JO partiell durch Patagonien zu begleiten.

Fahrlässig unvorbereitet aber im Wissen darum, dass dies durch den Tiefgang von JO mehr als kompensiert wird, traf ich meine Freunde in Puerto Montt, 1‘000 km südlich von Santiago de Chile. Wir fuhren gemeinsam rund 3‘000 km durch Chile und Argentinien bis Punta Arenas, machten unterschiedlich lange Wanderungen, verschiedene Ausflüge und Besuche.

Meine subjektiven Eindrücke in 12 Bildformaten:

Casa

1
Zelt und Hüsli (mit Küchenwindschutz)

JO residierten in ihrem bewährten und daueroptimierten Kasbah („Hüsli“, wie Jeannine ihn nennt), ich kam in den Genuss vom Zeltschlafen. Dies gefiel mir von Nacht zu Nacht, unabhängig von Wind und Wetter, immer wie besser.

Ich weiss nun, dass jedes Schaf anders blöckt (in der Tat!), das Hundebellen und „Giggeriggiii“ beim Erwachen ein Indikator auf Menschen im erweiterten Umfeld sind, während ein buntes Vogelkonzert auf einen eher wilden Campingstandort und schönes Wetter hinweist. 23 x anderswo erwachen, das gibt Erfahrungswerte…

Movida

2
Jeannine (links) und Oli (rechts), Ruta 40

Wir sassen zu Dritt vorne im Cockpit und wechselten im Rotationsprinzip die Positionen (Bayern München macht’s auch so…). Damit gab es für jeden von uns nach dem Fahrertag einen Ruhetag auf dem Mittelsitz, bevor das Navigieren und Assistieren an der Reihe war.

Da JO eine Vielzahl von Informationen in den iPad-Apps gespeichert hatten, ich eher aus dem Bauch heraus und konventionell die Spur bzw. den Abzweiger suchte, war mir das Fahren mit dem brummigen Dieselchen über Wellen und Dellen am liebsten.

Culinaria

3
Frühstückstisch mit Kulisse FiztRoy

Ein absolutes Highlight der Reise war die Küche von Jeannine. Einfach phantastisch was diese Frau jeden Tag hervorzauberte! Vorausschauende Planung (Einkaufsmöglichkeiten alle paar 100 km!), abwechslungsreich, gesund, schmachkhaft, improvisiert und auch unter erschwerten Bedingungen zubereitet (inkl. Snacks jeweils zum passenden Zeitpunkt).

Ich hoffe sehr dass Sie meinen Rat annimmt und ihre Rezepte, Tips und Tricks in einem handlichen Rezept-Handout publiziert. Dies könnte den Titel haben:
Simply delicious – J9 twenty-niner

Viento y Tiempo

4
Stetiger Begleiter war der Wind

Patagonien ist bekannt für Wind und raues Wetter. Anfangs wurden wir von eher schlechtem Wetter auf der Carretera Austral begleitet. Oli, noch mit den Australientemperaturen in den Knochen, wollte schon fast wieder nordwärts Richtung Bariloche umkehren. Der Himmel lichtete sich dann aber auf der vom Pazifik abgewandten Seite der Anden und es wurde trockener, aber auch windiger. Die letzte Nacht war dann ein veritabler Sturm, dem das Zelt dank acht Heringen sowie vier Abspannungen — und ich durch eine stoische Ruhe und etwas Gottvertrauen — trotzen konnten.

Picos de Granito

5
Cerro Torre (links) und Cerro FitzRoy

Die Wanderung zum Aussichtspunkt „Loma del Pliegue Tumbado“ stellte für mich eine„Mini-Kilimanjaro-Tour“ dar (ich war 2013 auf dem Kili):

Ein langer Aufstieg durch steppenartige Feld-, Wald- und Gerölllandschaften, das Steigungsprofil exponential, die Schneefelder näherkommend …

Auf dem Top ein Blick der Superlative auf die Granitzacken vom FitzRoy sowie die eisbehangenen, bei Bergsteigern berüchtigten, Cerro Torre. Die angegebenen Wanderzeiten waren nicht für wanderlustige Schweizer Berggänger ausgelegt, die Beine abends aber müde.

Glaciar

6
Gletscherfront des Perito Moreno

Die Annäherung und die Wucht des Perito Moreno Gletschers, einer der letzten Gletscher der noch wächst, beeindruckte mich stark. Die Eckgrössen: 254 km2 gross, 30 km lang, eine 4 km breite, 50 m hohe Gletscherabbruchkante die täglich „kalbert“ und auf eine Landzunge trifft. Dadurch staut sich das Wasser, der See wird zweigeteilt bis etwa alle sieben Jahren der Niveauunterschied (mehrere Meter) so gross ist, dass vom Wasserdruck rund 150 m Gletscher weggerissen werden, und das Naturspektakel von Neuem beginnt.

Der Gletschersee liegt auf nur 185 m.ü.M.!

Torres del Paine

7
Zeltausblick am 06.01.16, 22:45 Uhr

Ich war überrascht, wie viele Nationalpärke alleine im südlichen Teil von Chile und Argentinien vorhanden sind. Teilweise riesige Flächen mit Gletschern, Fjorden, Urwald- und Granitlandschaften. Überall mit Wandermöglichkeiten und Miradores.

Einer der bekanntesten ist der Torres del Paine mit entsprechend hoher Frequentierung von Wandertouristen, die oft mehrtägig unterwegs sind.

Für mich weniger stressig als für JO, da ich kürzlich die Taj Mahal (30‘000 Eintritten pro Tag) besucht hatte und “so Schönes” halt von vielen Leuten gesehen werden will!

Gauchos

8
Am Wegrand gesichtet

Zu Südamerika gehören auch die Gauchos (Viehzüchter/Treiber mit iberianischen Wurzeln und landes-/regionenspezifischen Eigenheiten).

Auch wenn mittlerweile Daunenjacken zum Outfit bzw. der funktionaleren Ausrüstung gehören, so stellt doch das Pferd immer noch ein bewährtes Arbeitstier dar, um Rinder, Pferde und Schafe von A nach B zu treiben. Immer wieder und überraschend am Wegrand anzutreffen.

Leider gelang es mir nicht, JO für eine cabalgata (Morgenritt) auf der Bonanza Ranch zu motivieren.

Trabajo Exacto

9
Unterkeilung der Räder

Wir wissen es: JO sind exakte Menschen die wenig dem Zufall überlassen und gerne optimieren. Dies zeigt sich auch bei kleinen Details wie der Ausnivellierung ihres „Hüslis“ jeden Abend beim jeweiligen Camperstandort. Das Fahrzeug wird auf einen oder zwei Keile gefahren, damit

  • eine horizontale Koch- bzw. Essgelegenheit (wenn wetterbedingt drinnen gegessen werden muss) bzw.
  • eine flache Arbeits- und Schlafebene vorhanden ist. Getreu dem Motto:

So wie man sich bettet, so liegt man.

Postales

10
Im Postbüro von Chile Chico

Ich gehöre noch zu jener Gattung Menschen, die gerne Postkarten aus den Ferien schreibt. Während das Kaufen von Ansichtskarten häufig noch recht einfach ist, verlangt der Markenkauf bzw. die Aufgabe der Karten schon etwas mehr Aufmerksamkeit.

Öffentliche Briefkästen sah ich nirgends und so suchte ich das Postbüro (mit dem Holzofen für die kälteren Jahreszeiten) in Chile Chico persönlich auf, um der netten und an Bildaufnahmen nicht abgeneigten Dame meine Karten persönlich in die Hände zu drücken.

Fotografiar

11
Schnellschuss während dem Kochen

Während der Patagonienreise hatte ich Gelegenheit, von Oli neben vielem anderem auch einiges über das Fotografieren zu erfahren bzw. mein altes Wissen etwas aufzufrischen. Auch wenn ich nach dem Knipsen nicht noch jedes Bild manuell bearbeiten möchte, so habe ich nun doch wieder ein paar wesentliche Kriterien präsenter.

Wenig überraschend war, dass viele Besucher in den Nationalparks mit grossen Kameras und Objektiven ausgerüstet waren. Ich beschränkte mich mehr auf Landschafts- und „Hosensackbilder“.

Punto Culminante

12
The Singular Hotel, Puerto Natales

Ein völlig unerwarteter Höhepunkt ergab sich am zweitletzten Tag der Reise. Oli (als Navigator) filterte im Lonely-Planet-Reiseführer für das von mir so geschätzte 10-Uhr-Kaffee eine spezielle Adresse heraus: Das gewählte The Singular Hotel entpuppte sich als gelungene Kombination von Museum einer alten Schaf(-woll)-Verarbeitungsfabrik mit einem eingebauten und erweiterten Hoteltrakt der Extraklasse.

Die Kombination von Alt und Neu, stilvoller Architektur und ein hervorragendes kulinarisches Angebot begeisterte uns alle.

Nachwort

Diese individuellen Bildformate zeigen auf, wie vielfältig eine Reise sein kann, sofern nicht nur „Ferien gemacht“ werden. Reisen ist und bleibt aber eine individuelle Angelegenheit, die völlig unterschiedlich interpretiert werden kann und soll.
Nicht alle haben die Möglichkeit, ein so privilegiertes, modernes Nomadentum zu leben wie die „Overlander“ (Langzeitreisende mit eigenem Fahrzeug). Diese kamen mir zeitweise vor wie eine grosse Gemeinschaft von Individualisten. Jeder bastelt und tüftelt an seinem Mobil rum und ist bedacht, das Optimum bald erreicht zu haben. Im Wissen darum, dass dies wohl nie der Fall sein wird. Man tauscht sich aus, generiert Wissen über Sehenswertes, Einkaufs- und Tankmöglichkeiten, Wechselkurse, Fährverbindungen, Campingmöglichkeiten, etc. Dabei helfen heute die elektronischen Tools und Apps enorm, machen unabhängig und das Reisen einfacher.

Was wird bleiben:

  • wilde Natur pur
  • mucho viento

Sollte nicht vergessen werden:

  • Abfall- und Entsorgungsthema
  • bei Grau/Nass ist’s nirgends „schön“

Noch ein paar Gedanken zum Schluss

  • Ziemlich rasch ist der Mensch mit sehr wenig zufrieden (Maslow-Pyramide, Stufe 1). Schon nur ein Zeltdach über dem Kopf zu haben, etwas zu essen und ein trockener Schlafsack genügen, um sich als glücklicher und zufriedener Mensch zu fühlen.
  • Wind und Wetter machen sich an der geographischen Peripherie der Erdkruste stärker bemerkbar. Rau wird’s am Fin del Mundo, und es ist kaum vorstellbar, was die Seefahrer und Entdecker vor ein paar hundert Jahren alles durchgemacht hatten.
  • Die Selbstverantwortung ist in Südamerika natur- und kulturgegeben.
  • Und last but not least: Cash is King. Es ist nie schlecht, einen Reservestock an USD bei sich zu haben, denn diese Währung wird nach wie vor immer und überall als Zahlungsmittel angenommen.

Mit einem herzlichen Dankeschön an Jeannine und Oliver für die unvergesslich Reise!

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anne sagt:

    Lieber B.E.A.T.
    Hast mich zu Tränen gerührt, die Bilder, deine Worte, deine Lebenseinstellung…
    Thanks for sharing!
    Un beso, A.N.N.E

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  2. Gaby Egli sagt:

    Danke für den Beitrag und die Fotos Beat!!

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  3. Gaby Egli sagt:

    Ich glaube heute ist ein grosser Tag für dich Oliver! Ich denke fest an dich und wünsche dir von Herzen alles Gute für die zweite Halbzeit. Bei mir dauerts zum Glück noch laaaange bis es soweit ist. Geniesst eure Reise! Un beso, Gaby

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  4. Sandrita sagt:

    Cooler Bericht Beat! Habe ihn mit Freude gelesen – so wie natürlich auch alle anderen von JO! Da ich auch schon in dieser Gegend herumgekurvt und geklettert bin, war es natürlich umso lebendiger! Muchas gracias y saludos, Sandrita

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  5. Tirza sagt:

    Thank you Beat. It was an amazing trip and I enjoyed reading your story. Also many thanks for the beautiful postcard you sent me. A big hug and kiss from your friend in the Netherlands, Tirza

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  6. Hallo Beat

    Gratuilere – eine coole Art einen Blog zu verfassen – Bilder aus Ausgangspunkt und dann die Beschreibung – so ist der Leser noch näher dabei. Dein Fazit ist nicht nur für Südamerika gültig – nein auch hier in der Schweiz sollten wir uns diese sehr wesentlichen Erkenntnisse immer wieder bewusst machen, resp. vor Augen und Ohren halten.
    All the best
    Dein Velofreund Isiboy

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