Grenzerfahrung

Ob es Übereifer ist oder Neugier wissen wir nicht, sind aber erstaunt ob der Gründlichkeit, mit der der junge Zollbeamte durch alle Schubladen im Innern unseres mobilen Heims geht. Dabei stellt er ab und zu Fragen («Sie lesen gerne?») oder lässt sich einen Gegenstand erläutern («Das ist ein Brillenetui»). Wir wollen wieder einmal von Argentinien nach Chile einreisen, und haben offenbar den Neuling erwischt, der den Kollegen im Nebenraum fragen musste, wie er unser Fahrzeugpapiere zu behandeln habe. Der Schlagbaum war demonstrativ gesenkt gewesen.

Wahrscheinlich ist es die Langeweile, die ihn antreibt, denn sein Posten ist fernab der Zivilisation, der Kundenstrom überschaubar. Der nächste Ort, Baja Caracoles, ist gut 100 km kurvige Schotterpiste entfernt und bestenfalls als Dorf zu bezeichnen. Es sind dann weitere 127 km bis zur nächsten Stadt, Perito Moreno, die etwa so lebhaft ist wie Langnau am einem Regensonntag. Immerhin gibt es dort unter anderem einen richtigen Supermarkt und gleich mehrere Bäcker. Die 100 km Piste im weichen Morgenlicht hinauf zu diesem kleinen Zollhäuschen am Paso Roballos auf 756 m.ü.M. waren eines der Highlights aller bisherigen Strecken in Argentinien gewesen. Zweieinhalb Stunden Live-Kino in Farbe: rot, rosa, gelb, braun, violett die Bergkulisse; türkis der Lago Ghia; leuchtend gelb die Gräser; satt grün die Weiden und Pappeln, die von weitem die Estancias anzeigen.

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Übernachtungsplatz in der Steppe um Baja Caracoles

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Schwarzhalsschwäne auf einer Lagune

Bei der Kühlbox angekommen, greift der Zöllner verschiedene Gegenstände heraus, denn nach Chile kann man keine frischen Früchte, Gemüse oder Tierprodukte einführen. Das wussten wir, sind aber jetzt umso mehr erstaunt, dass eine geöffnete UHT-Milch, ein angebrochenes Mödeli Butter, unser geliebtes Dulce de Leche (lange gekochte Milch und Zucker) nicht passieren dürfen, dass aber die Schachtel Eier, vakuumierter Schinken, ein Tupperware mit den Resten von Jeannines Linsen-Kürbis-Gericht und unsere Joghurt-Kultur («Guárdenla bién (passt gut auf die auf)!») durchgehen. «Ihr könnt die Sachen jetzt hier verzehren oder in den Eimer werfen, weil es Euch der chilenische Zöllner sonst ohnehin abnimmt. Ruft mich, wenn Ihr fertig seid, dann werde ich den Schlagbaum öffnen.» — Der hier spricht ist nämlich der argentinische Beamte, der unsere Ausreise abfertigt, nicht etwa der chilenische, der 11 km weiter unsere Einreise abwickeln wird. Das haben wir noch nie erlebt. Ist der Kerl bloss nett und will uns helfen, damit der Chilene nichts findet? Oder ist er nur unsicher und will nichts falsch machen? Sollen wir jetzt 100 Gramm Butter mit 100 Gramm Dulce de Leche aufs Brot streichen und essen? Oder sagen wir ihm, das gehe ihn nichts an, und er solle uns endlich ausreisen lassen? Wir entscheiden uns für ein zweites Frühstück.

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Die Kühlbox war wirklich fast leer
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Papeln und Weiden schützen die Estancias vor Wind und Sonne

Auf der chilenischen Seite werden wir freundlich empfangen. Auch dieser Herr geht durch praktisch alle unsere Schubladen. Und auch er findet unsere Kühlbox besonders interessant. Wir staunen erneut: «Nein, Eier sind natürlich tierische Produkte, die Ihr nicht einführen dürft». Und: «Selbstgekochtes (casero) geht auch nicht, nur industriell Verpacktes». Als wir aber die Reste für die Entsorgung aus der Kühlbox nehmen, winkt er ab und meint, wir sollten sie einfach vor dem nächsten Ort (80 km) noch essen.

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Das Valle de Chacabuco (Chile) ist bekannt für die vielen Guanacos

Entweder sind die Einfuhrvorschriften ziemlich unscharf, oder es besteht eine erhebliche Interpretationspraxis. Nur gut haben sowohl der Argentinier wie der Chilene unsere Velogarage übersehen … Die Barriere öffnet sich, «¡Bienvenidos a Chile!».

Nützliches Vokabular

la aduana — der Zoll
el aduanero — der Zollbeamte
PDI (policía de investigation) — Immigrationsbehörde (Chile)
la trámite [Betonung auf dem “a”] — die Formalität
ingresar — einreisen
casero — hausgemacht

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. alpentrex sagt:

    Die Lebensmittelkontrollen sind ein Thema für sich. Mir haben die Grenzer in Argentinien auch schon eine von zwei Würsten abgenommen, die eine durfte ich behalten. Vermutlich mussten sie ihr Znüni-Körbli gerade auffüllen :-).

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  2. Stefan Graber sagt:

    Man(n) wollte euch einfach aufzeigen, dass das Einreisen in Chile nicht so ganz einfach ist. Das macht doch das Reisen interessant. Zollvorschriften – sofern es diese gibt – sind manchmal etwas undurchsichtig. Die Landschaft entschädigt dann die Wartezeit.
    Geniesst eure Reise und hebet sorg, auch wenn’s mal etwas schwieriger wird.

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