Wie die Carretera Austral einmal war

Es ist schon 18:18 Uhr als wir endlich am Südufer des Río Palena ankommen; mehr als eineinhalb Stunden haben wir für die kurvigen 63 Kilometer gebraucht seit wir in La Junta von der Carretera Austral nach Westen abzweigten. Über den üblichen Pistenstaub können wir uns heute nicht beklagen — es regnete zum Schluss in Strömen. Das tat der Fahrt aber keinen Abbruch, denn sie führt durch üppigste, grüne Vegetation. Die Nalcas sind teilweise über zwei Meter hoch, Wasserfälle wo wir hinschauen.

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Nalca heisst diese Riesenrhabarber

Die kleine orange Autofähre hat am gegenüberliegenden Ufer angelegt, sie operiert täglich bis 18:30. Auf unserer Flussseite gibt es ausser einer Betonrampe nichts. Kein Tickethäuschen (die Fähre ist gratis), keine Glocke oder ähnliches. Nur gut hatte uns ein Einheimischer darauf hingewiesen, dass man einfach warten solle, die Fährleute sähen einen dann schon. Er sollte recht behalten. Das Besondere an diesem Schiff ist, dass es nur am Bug eine Verladerampe besitzt, sodass man entweder rückwärts die Verladerampe hoch- oder runterfährt und in die Ladebucht manövriert.

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Nach dem Übersetzen sind es noch 10 Kilometer bis nach Puerto Raúl Marín Balmaceda — auf den Schildern als “Pto Raúl Marín B.” abgekürzt oder auch einfach als “Raúl Marín”. Google Maps kennt den Ort jedenfalls nicht:

Das Dorf sitzt an der Spitze einer nach Norden verlaufenden Halbinsel. Nördlich des Dorfs ist noch der Fährehafen nach Chiloé, ein Strand und ein Dünenfeld. Raúl Marín und die Piste aus La Junta sind wohl das, was die Carretera Austral und seine Dörfer vor zehn Jahren waren: zwar bereits kein Abenteuer mehr, aber extrem abgelegen, selten besucht und ruhig. «Worth a trip» schreibt Lonely Planet, «worth a trip» sagen jetzt auch wir.

Das Dorf Raúl Marín ist ein kleines Nest, das ausser einer Telefonleitung vom Rest der Welt abgeschnitten ist. Ein Generator sorgt für Strom, das Trinkwasser wird lokal aufbereitet. Es gibt die Bomberos samt Löschfahrzeug, einen Polizeiposten, eine Schule, eine Touristeninformation, einen Spielplatz, eine Flugpiste. Dafür gibt es keinen Meter Asphalt, alles nur Sandpisten. Fast alle Häuser sind aus Holz, oft mit geschindelten Wänden. Eine öffentliche Bibliothek wird in diesen Tagen fertiggestellt. Die Dorfkneipe ist winzig und eben kommt ein nicht mehr ganz nüchterner Señor heraus, der sich nach unserem Befinden erkundigt. Der Almacén (modern als «Supermercado» angeschrieben) scheint auf den ersten Blick geschlossen, doch drinnen brennt Licht — und es hat sogar Kundschaft, als wir eintreten. Die Verkäuferin ist gesprächig, und wir kaufen ein Tetrapak Mangosaft.

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Die Metzgerei «Los Delfines» — für unsere Begriffe wenig einladend
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Die neue Bibliothek
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«Oficina Comité Agua Potable y Luz Rural», wörtlich übersetzt: «Büro des Komitees für Trinkwasser und ländliches Licht» — der Strom wird ja gleich nebenan gemacht
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Supermercado «Don César» — nicht sofort als solcher erkennbar, wäre da nicht das Schild
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Knapp aber aufgeräumt das Angebot im Innern
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Tue Gutes und sprich darüber: Fast 5 Mio. Franken hat die Regierung 2014 in die neue Fährenrampe mit Steg investiert

Es gibt hier etwas Tourismus: vor allem Leute, die der Hektik entfliehen und Meerestiere sehen wollen. Es werden Touren angeboten und Kajaks vermietet. Die Mehrheit der Einwohner dürfte aber von den Lachszuchten im Meer gleich vor der Halbinsel leben.
Unseren Übernachtungsplatz finden wir am Ende einer Piste, die ins Dünenfeld hineinführt und in einem Wendeplatz gleich vor dem Strand endet. Wieder einmal Camping im Sand.

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Das Wetter zeichnet sich vor allem durch seine Launen aus: mal nieselt es aus den tiefhängenden Wolken, mal lugt die Sonne hervor, mal peitscht der Wind den Regen ans Auto. Standheizung sei Dank. Dazwischen schont es ein paar Stunden, wir unternehmen einen wunderbaren Spaziergang durch einen Märchenwald, erkunden mit dem Feldstecher das Ufer und das Meer: ein Seehund, viele Pelikane und Kormorane, ein Motorboot mit Arbeitern aus der Lachszucht, die Fähre von Chiloé. Und während des Zähneputzens zwei Delphine. Grund genug, noch eine Nacht zu bleiben.

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Sehen aus wie Walderbeeren, wachsen auf Sand … und sind Walderdbeeren
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Chiloé-Fähre

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Nützliches Vokabular

el balseo, la balsa, el transbordador, la barcaza — die Fähre
el almacén — der Tante-Emma-Laden
la carnicería — die Metzgerei
los bomberos — die Feuerwehr
la gendarmería — die Polizei von Chile
el muelle — der Steg

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Wou – das saftige grün. Bis jetzt stellte ich mir immer die Frage, ob es landschaftlich nicht langweilig wird – es sah alles immer gleich aus. Das Städtchern Ràul Marin scheint mit „Wild West Pur“. Fehlt nur noch, dass vor dem Salon das Pferd an die Stange gebunden wird und der Sheriff im Stuhl vor dem Office döst.
    Was mir gefällt ist der Supermarkt, der klein aber fein ist und was freut ist: Er ist bedient.
    Weiterhin coole Erlebnisse, damit es noch mehr interessante Reiseberichte gibt.

    Gefällt mir

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