Tanz auf dem Vulkan, Teil 1

«¿Tenés bastones?» – Gleich beim ersten Punkt des Ausrüstungschecks fallen wir durch: Nein, Jeannine hat keine. Auf die Rückfrage, warum Wanderstöcke mitzuführen seien, erhalten wir einen langatmigen Verweis auf eine internationals Richtlinie für Bergwanderungen. Oliver lässt nicht locker. Die Rangerin zickt und flüchtet sich schliesslich in diffuse Sicherheitsrisiken. Immerhin bietet sie eine Kollektion von verschieden langen alten Skistöcken zur kostenlosen Benutzung an.

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Weil es am Vulkan Lanín in der Vergangenheit immer wieder zu unnötigen Unfällen und teuren Rettungsaktionen kam, wurden recht strenge Vorschriften erlassen. Wir müssen unser Tagesziel und unsere persönlichen Daten in ein Register eintragen (inkl. Notfallkontakt in der Schweiz). Dann folgen eine Instruktion und eben ein Ausrüstungscheck.

Erneut wird unsere Wetter-Geduld belohnt: hatte sich der Bergriese gestern noch in dicke Wolken gehüllt und mit Nieselregen besprüht, so strahlt er heute in der wolkenlosen, klaren Morgenluft. Eine Woche zuvor waren wir etwas zu optimistisch gewesen, zogen noch vor Sonnenaufgang los … und konnten im Nebel das “Gipfelkreuz” des Piltriquitrón (2260 m.ü.M.) erst aus einer Distanz von unter 5 Metern erkennen. Umsonst war der Aufstieg aber nicht — wir haben ihn als Konditionstraining verbucht.

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Nicht nur sahen wir vom Pitriquitrón nichts, es war auch noch kalt und windig

Genau dieses Training soll uns heute am Lanín beim 1500-Meter-Aufstieg zum zweiten Refugio (2600 m.ü.M) zugute kommen. Der Gipfel (3776 m) liegt für uns ausser Reichweite, da er nur über einen Gletscher mit entsprechender Ausrüstung und Erfahrung zu erreichen ist; aber das strahlende Wetter ist uns Motivation genug.

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Unnötigerweise haben die bekannten argentinischen Nationalparks einen deutlichen Überbestand an Parkwächtern (ob dies eine direkte Folge der fehlgeleiteten Arbeitslosenpolitik der früheren Präsidentin, Cristina Fernandes de Kirchner, ist, wissen wir nicht, aber irgendwo müssen die zusätzlichen 1.5 Mio Staatsangestellten aus ihrer Amtszeit ja sein. Es soll nicht wenige Leute geben, die ein Staatssalär beziehen, ohne sich je bei der Arbeit zu zeigen). Zudem scheint es leider ein Merkmal der Nationalparks in Chile und Argentinien zu sein, dass sich das Aktivitätsrayon der Guardaparques auf die Amtsstuben beschränkt. Das ist schade, denn es ist nicht etwa so, dass es auf den Trails und Campingplätzen keine Arbeit gäbe, ganz im Gegenteil: Als wir um 08:30 den Pavillon der Guardaparques betraten, standen diese für uns Spalier: einer steht vor dem Eingang und drückt auf seinem Telefon herum, drei stehen rechts an der Wand und scheinen gerade keinen Auftrag zu haben, die Frau hinter der Theke nahm sich uns an und schritt gleich zum geschilderten Ausrüstungscheck.

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Das Guardaparques-Büro
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Wer zur Spitze des Lanín will, muss eine lange Ausrüstungsliste erfüllen

Da wir kein Funkgerät besitzen, werden wir uns im Refugio beim diensthabenden Soldaten an- und abmelden müssen. Ob es denn eine Notfallnummer für Anrufe über Satelittentelefon gibt? — «Argentinien ist so gross, da können wir unmöglich eine landesweite Notfallzentrale betreiben!» — Nun, ja … Trotzdem findet sich am Ende eine lokale Notfallnummer.

Weiter werden überprüft: Apotheke, Taschenlampe, Abfallsack. Letzteren haben wir zwar, aber die Rangerin zückt vorbildlich eine Rolle Zip-Loc-Beutel, um nötigenfalls einen solchen abzugeben.

Obwohl wir uns etwas über diese neue Bevormundung in Argentinien ereifern, müssen wir zugeben, dass sich Wanderstöcke im Vulkansand durchaus als nützlich — wenn auch nicht als unentbehrlich — erweisen. Und: in diesem Sektor des Nationalparks werden erstaunlicherweise keine Gebühren erhoben.

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Die Spitze des Lanín-Vulkans erscheint durch die Araukarienbäume
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Oliver mit neuem Rucksack und Jeannine mit geliehenem Skistock
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Das erste Refugio. Die permanenten Kuppelzelte werden hier „domos“ genannt
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Zur Spitze wären es vom zweiten Refugio aus noch gut 1000 Höhenmeter; das Gehen im Vulkangeröll und -sand ist streng
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Jemand hat beim zweiten Refugio eine Miniaturheilige hingeklebt

Ob sich die Wanderung “nur” bis zum zweiten Refugio gelohnt hat? — Die Aussicht war spektakulär!

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Lago Tromen von nahe

Nützliches Vokabular

el refugio — Berghütte oder Unterstand
el guardaparque — Parkwächter
el ñoqui – Staatsangestellter, der Lohn bezieht aber nie am Arbeitsplatz erscheint (von ital. gnocchi)
el bastón — Wanderstock
la linterna — Taschenlampe
la cumbre — Gipfel (Berg, nicht Gebäck)

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Spannend, was man da so über den Vulkan erfährt. Ich war immer der Meinung, dass ein Vulkan aus Sicherheitsgründen nicht bestiegen werden kann.
    Hebed sorg und nöd zviel Lavastaub …

    Gefällt mir

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