Tanz auf dem Vulkan, Teil 2

Die Amsel aus dem iPhone weckt uns. Es ist 05:15 Uhr und immer noch dunkel. Das Müesli hat Jeannine gestern Abend schon angesetzt, die Sandwiches sind gestrichen, die Rucksäcke gepackt.

Punkt 06:00 kommen Claudia und Peider (gute Freunde aus der Schweiz) aus dem Haus: sie haben eine B&B-Perle hoch über Pucón gefunden und den sehr freundlichen belgischen Besitzer gefragt, ob wir vielleicht mit Kasbah auf dem kleinen Parkplatz übernachten dürften. Mit dem Mietauto der beiden fahren wir zum Tourveranstalter in die Stadt hinunter.

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Der Inifinity-Pool der Lake Lodge

06:15 Das Einkleiden beginnt: Tourenhose, Tourenjacke, Schneegamaschen. Die Bergschuhe hatten wir bereits gestern anprobiert — kein leichtes Unterfangen: es sind zwar alles italienische Boreal-Markenschuhe, haben aber ihre Lebensdauer längst überschritten. Der Rest der Ausrüstung ist auch nicht neu, aber tauglich: Helm, Steigeisen, Pickel, Rucksack, Gasmaske. Zudem zwei uns fremde Gegenstände: ein dickes, rechteckiges Stück Cordura-Stoff mit sechs Klick-Fix-Schnallen und eine sehr grosse, flache „Bratpfanne“ aus Plastik. Wieder ein Ausrüstungscheck: zwei Liter Wasser pro Person, Sonnenbrille, Sonnencrème, Verpflegung, Kamera, etc.

07:05 In einem weissen KIA-Van fahren wir los: Pedro, unser sympathischer Bergführer am Steuer; Samuel, der Hilfsführer, auf dem Beifahrersitz; wir vier einzeln in je einer Sitzreihe, da der KIA in seinem ersten Leben wohl Kindergärtner transportiert hat.

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Im Sonnenaufgang wirft der Vulkankegel seinen Schatten auf den Morgennebel

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¡Listos! — Jetzt gibt’s kein Halten mehr!

08:20 Am Ende des Sessellifts (ohne Sicherungsbügel!) stehen zwei Herren der CONAF, die Behörde, die u.a. für die Nationalparks zuständig ist, und überprüfen, ob jede Gruppe von akkreditierten Bergführern in genügender Zahl begleitet wird. Vor dem letzten Ausbruch des Villarica-Vulkans bestiegen täglich bis zu 300 Berggänger den Krater des 2840 m hohen Kegels. Nun dürfen max. 150 Leute auf den Gipfel, pro drei Personen ein Führer, jede Gruppe mit höchstens 12 Teilnehmern. Pedro erhält das O.K. des Kontrolleurs, und wir sind unterwegs.

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Checkpoint „CONAF“

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Während der Lanín-Vulkan (Teil 1) seit langer Zeit inaktiv ist, spuckt der Villarica in unregelmässigen Abständen. Vor genau einem Jahr gab es um 3 Uhr morgens ein 30-minütiges Feuerspektakel, die Lava schmolz Gletschereis am Krater, was weiter unten eine Schlammlawine auslöste. Personen kamen keine zu Schaden.

Nach 45 Minuten Aufstieg durch Lava-Brocken — begleitet von Pedros sehr interessanten Erläuterungen zur jüngeren chilenischen Geschichte — kommen wir zum Firn-Schnee. Der Hang ist 30° steil, und es ist Steigeisenzeit. Da wir nur zu sechst sind, kommen wir schneller voran als die grossen Gruppen. Um die Spitze zu halten, werden uns die Steigeisen ruck-zuck angezogen.

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11:30 Wir sind am oberen Rand des Gletschers, von hier geht es ohne Steigeisen über Lava-Geröll zum Gipfel. Kaum am Kraterrand angekommen, schlägt uns beissender Rauch entgegen. Die Gasmaske ist griffbereit und tut guten Dienst. Vorsichtig gehen wir zum Kessel vor. Es brodelt und zischt. Lava spritzt in die Höhe. Pedro bangt, dass die Touren bei soviel Vulkanaktivität bereits ab morgen ausgesetzt werden könnten. Fast zehn Minuten haben wir den Krater für uns, bevor andere Gruppen ankommen. Das Erlebnis ist phänomenal.

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Schwefel und andere Elemente haben den Krater koloriert

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Die Lava spritzt 20 bis 30 Meter hoch
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Die zwei Damen in ungewohnter Aufmachung

Noch fünf Minuten dann heisst es Abstieg: die Sonne schmelzt zunehmend den Schnee, was zu gefährlichem Steinschlag führt. Zurück im Schnee erwartet uns der spassige Teil der Tour: statt die 1400 m zu Fuss abzusteigen, rutschen wir mithilfe der beiden zuvor unbekannten Artikeln auf dem Cordura-Hosenboden (resp. der “Plastikbratpfanne”) in bis 30° steilen Känneln 1000 m in die Tiefe. Eine Stunde später nehmen wir die verbleibenden 400 Höhenmeter unter die ausgetretenen Bergschuhe. Wow!

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Pedro erläutert, worauf es beim „methodo chileno“ ankommt
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Peider zeigt’s vor — das Plastikteil wird benutzt, wenn der Hosenboden zu langsam ist
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So schnell sind wir auf einer Wanderung noch nie 1000 Meter abgestiegen!
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Am nächsten Tag, um 14:43 Uhr, hustet der Villarica zweimal kräftig

Nützliches Vokabular

el grampón — Steigeisen
la piqueta, el piolet – Eispickel
el casco —Helm
listo — bereit
¡adelante! — vorwärts!
la ceniza — Asche
toser — husten

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Louis Perrochon sagt:

    Congrats. You had great weather.

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  2. Stefan Graber sagt:

    Das ist sicher ein spannendes und unvergessliches Erlebnis; so auf einem Vulkan zu gehen. Erstaunt war ich, dass Vulkangestein und Schnee so nahe beieinander sein können.
    Weiterhin wünsch ich euch solch spezielle Erlebnisse und eine gute Reisezeit.

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