Geheimnisvolle Nüsse

Um von den übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen auf Wanderungen im Parque Nacional Lanín abzulenken ( Tanz auf dem Vulkan, Teil 1), richten wir den Fokus unserer Fragen auf die Flora und Fauna, was dem Guardaparque mit Mapuche-Blut offensichtlich gelegen kommt. Er legt nämlich sein Spielzeug (ein Mobiltelefon) aus den Händen, und seine Augen leuchten, als er von den uralten Araukarien spricht, die in diesen Breitengraden endemisch sind und sowohl links wie rechts der Andenkette zu finden sind.

Bereits auf diversen Fahrten durch patagonische Wälder kamen wir immer wieder an geparkten Autos vorbei, wo es weder Wanderweg, noch Rastplatz gab, was das Parken erklärt hätte. Bei genauem Hinschauen entdeckten wir Personen, die emsig etwas vom Waldboden in Plastiksäcke füllten. Für Pilze war es eigentlich noch zu früh und definitiv zu trocken. Erst nach diversen Wanderungen durch Mischwälder machten wir uns langsam einen Reim aus diesen Beobachtungen, lagen doch auf und neben dem Weg grosse, längliche Samen. Der Blick nach oben verriet uns, dass diese von den Araukarien „fielen“ — sie schienen aber in dieser Form weder schäl- noch essbar zu sein.

OR_2016-03-09_09408OR_2016-03-09_09419

Der junge Mapuche-Parkwächter im Nationalpark holt uns einen ganzen Plastikbeutel Araukariensamen in roher Form und liefert uns auch gleich noch die Anleitung, wie man sie essbar macht: entweder über dem Feuer rösten, in einer Art Lochpfanne, oder aber für 1.5 bis 2 Stunden in Wasser kochen. Dadurch springen die Schalen auf, und die essbaren Kerne können herausgelöst werden. Aus praktischen Gründen wählt Jeannine die zweite Variante. Die ersten Kerne werden sofort gekostet … und das Resultat? Die Riesen-Pinienkerne sind geschmacklich und in ihrer Textur unseren Marronis (Edelkastanien) recht ähnlich.

OR_2016-03-09_09427OR_2016-02-27_09065

Auf unserem Campingplatz, der ebenfalls von Mapuche unterhalten wird, beobachten wir, dass einer der Herren täglich für eine gute Stunde verschwindet, um dann mit vollen Taschen zurückzukehren. Diese sind gefüllt mit piñones, so heissen die leckeren Araukariensamen auf Spanisch. Von ihm erfahren wir, wie breit deren Verwendung in ihrer traditionellen Küche ist. Als Snack direkt vom Feuer, gehackt als Zugabe in Saucen oder Füllung von Empanadas, in Eintöpfen, als Mehl in Brot und in Süssigkeiten.

Nicht nur die leckeren Samen machen die Pflanze Araucaria araucana attraktiv, sondern auch ihre Krone, die ähnlich wie ein Regenschirm, mit Höhen von bis zu 50 m andere Baumkronen überragt. Die immergrünen, dunklen, derben Blätter sind schuppenartig um die Äste angeordnet, dick und vorne zugespitzt. Die Pflanze ist zweihäusig, die männlichen Zapfen sind länglich und 8-12 cm lang, die weiblichen Zapfen rund und 14-20 cm im Durchmesser. Nach der Bestäubung und Reifung der Frucht während 1-2 Jahren, enthält diese bis zu 200 piñones.
Zudem ist die Araukarie winterhart und bedingt feuertolerant, wächst auf vulkanischem und tonhaltigem Boden und in Regionen von 800-1700 m.ü.M.

OR_2016-03-11_09484

OR_2016-03-10_09431
Die Araucaria Madre steht im zauberhaften Parque Nacional Conguíllio, ist 50m hoch, der Stamm hat einen Durchmesser von 2.1 m und ihr Alter wird auf 1800 Jahre geschätzt

OR_2016-02-29_09098

OR_2016-03-09_09423
Ein schönes Exemplar einer Araucaria mit vielen cabezas. Im Hintergrund der Vulkan Llaíma

Nach vielen Begegnungen mit der Pflanze werden wir nun selbst zu Piñones-Jägern und möchten nicht nur die gefallenen Samen auf dem Boden zusammen lesen, sondern frische direkt vom Baum ergattern. Das gestaltet sich als schwierig; wir finden keinen genügend langen Stecken, denn die Früchte sind immer hoch über dem Boden. Eine gefüllte PET-Flasche haben wir nicht zur Hand (sie wurde uns als Geschoss empfohlen), doch Oliver bedient sich bei einem ungewöhnlich niedrig hängenden Zapfen seines Wanderstocks, und der dritte Schlag lässt piñones regnen … Mampf!

OR_2016-03-09_09426

Nützliches Vokabular

Mapuche – indigener Stamm im Süden Chiles und Argentiniens, übersetzt Araukaner
el piñon – der Pinienkern
los piñones – Samen der Araukarien
la cabeza – der Kopf, aber auch die Frucht der Araukarien

Advertisements

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Nebst vielen Erlebnissen in der Natur und mit Menschen kommt ihr auch noch in den Genuss eines „Einheimischen-Kochkurses“. En guätä und ä guäti Reis wünscht Stefan

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s