Reisealltag – Einkaufen

Mit diesem Eintrag starten wir eine neue Serie von Dos-Cachitos-Einträgen, in denen wir von Zeit zu Zeit ein bisschen über unseren Reisealltag plaudern. Feedback und Anregungen dazu nehmen wir — wie immer — sehr gern entgegen.

Heute ist wieder einmal einkaufen angesagt, wir haben uns im Navigationssystem einen Líder in Los Angeles (Chile) ausgesucht. Die Routine beginnt damit, dass wir nicht sicher sind, ob wir das Auto auf dem Parkplatz allein stehen lassen können. In Bariloche hat uns ein Einheimischer davor gewarnt, das Auto auch nur 5 min unbeaufsichtigt zu lassen. Es gäbe Banden, die auf den Einbruch in Wohnmobile spezialisiert seien und nur Minuten brauchen, um das Wichtigste auszuräumen. Wo der Bauch nicht stimmt, bleibt also jeweils einer von uns im Auto, der andere füllt den Einkaufswagen. Das ist aber wirklich die Ausnahme!

OR_2016-03-15_09518
Ein Schild auf dem Supermarktparkplatz warnt die Kunden vor Diebstählen („keine Wertgegenstände im Auto lassen“)

Auf unserer bisherigen Reise haben wir meistens in Supermärkten eingekauft, und in Australien war die Produktauswahl berauschend. Das Einkaufen in Südamerika gestaltet sich sehr anders, aber nicht minder interessant. Im Süden Chiles und Argentiniens ist die Abdeckung mit Supermärkten nicht allzu dicht, dafür hat es in fast jeder Ortschaft mehrere almacenes  (Tante-Emma-Läden). In Chile sind diese meist düster und unübersichtlich, das Angebot ist knapp; in Argentinien kommen sie vorwiegend freundlich und aufgeräumt daher. Ein argentinisches Lädeli bietet oft in einer sauberen Vitrine eine kleine Auswahl an fiambres  (Käse und Aufschnitt), manchmal auch Frischfleisch. In Chile liegt die Wurst zum Aufschneiden, sofern vorhanden, hinter oder unter der Butter versteckt – zumindest gekühlt – aber wenig „gluschtig“; das Frischfleisch findet man in riesigen Plastiksäcken unverschweisst im Tiefkühler; und an den Pouletschenkeln bedienen sich dann die Kunden selbst, indem sie die Stücke einzeln von Hand in einen Plastiksack legen. Wir essen also oft vegetarisch.

In den Almacenes hat es immer ein kleines Angebot an Früchten und Gemüse, aber oft in lamentablem Zustand, weil die Ware von sehr weit her kommt, auf schlechten Strassen transportiert wird und keinerlei Transportschutz erhält. Im Laden macht sich dann auch niemand die Mühe, die Sachen auszusortieren. Wie wichtig eine gute Transportlagerung dieser Naturprodukte ist, wissen wir aus eigener Erfahrung und transportieren diese ungekühlt aber sorgfältig mit Luftkissen gepolstert. Das verlängert die Lebensdauer enorm!

OR_2016-03-19_09591
Eine toll ausgestattete Almacen in Argentinien …
OR_2016-03-19_09590
… mit gutem Frischfleischangebot

In grösseren Ortschaften, wo es Metzgereien gibt, ist es für uns in beiden Ländern schwierig, das richtige Fleisch zu bekommen. Insbesondere weil wir nicht immer Filet kaufen möchten, und weil die Kühe hier anders zerlegt werden. Das meiste Fleisch ist zum Grillen geeignet, was bei uns selten auf dem Speisezettel steht. Wir erklären dem Metzger jeweils, was wir mit dem Fleisch beabsichtigen, aber viele scheinen hier keine Kocherfahrung zu haben, sodass wir beim Essen oft feststellen müssen, dass es wohl das falsche Stück war.

Zurück zu unserem Einkauf in einem chilenischen Supermarkt. Wie so oft können wir keinen Einkaufswagen finden. Es hat viel zu wenige davon und schon gar keine Rückgabestellen auf dem Parkplatz. Darum stehen die Wagen wild in einem Umkreis von 100 m um den Supermarkt. Es kam auch schon vor, dass wir zu Fuss einen Kunden mit vollem Wagen in die Tiefgarage begleiteten und auf den leeren chango warteten.

OR_2016-03-05_09326
Ein Líder Express, die Wägeli wild verstreut

Die Logik, wie die Gestelle eingeräumt sind, können wir oft nicht nachvollziehen und irren mehrfach durch das unübersichtliche Areal (aber das war in Australien auch nicht anders). Eine Eigenheit in Südamerika scheint zu sein, dass man in Supermärkten weniger Lebensmittel als Kleider, Haushaltgeräte, Papeteriebedarf, Kosmetik, Autozubehör und billiges Werkzeug kauft. So müssen wir uns erst durch all diese Bereiche kämpfen, bis wir endlich zu den gesuchten Lebensmitteln kommen.

OR_2016-03-05_09316
Putzmittel (Dutzende von Javelwassern) sind ein wichtiger Teil jedes Supermarktes …
OR_2016-03-05_09319
… und der Wein natürlich auch
OR_2016-03-05_09317
Die Auswahl an Milch ist beinruckend, jedoch gibt es ausschliesslich UHT-Qualität
OR_2016-03-05_09320
Schon eine solche Auswahl an Würstchen (Typ Wienerli) gesehen? In Chile standard
OR_2016-03-05_09318
Aktionen sind wichtig! In Argentinien kaufen die Leute oft mit dem Aktionsheftli der jeweiligen Supermarktkette in der Hand durch die Gestelle

Ganz nach südamerikanischer Manier ist sowohl der Chilene wie der Argentinier wenig organisiert (eine „Poschtilischte“ führen hier wenige) und verbringt Stunden im Geschäft. Da wohl oft ein Einkaufsbudget besteht, hat sich ein Volkssport entwickelt, der ein chaotisches Sortiment zurücklässt: Die plötzlich nicht mehr gewünschte Ware, wird wahllos deponiert (bevorzugt rund um die Kasse), und es scheint nicht zu den Aufgaben des Personals zu gehören, diese wieder an den entsprechenden Ort zurück zu legen.

OR_2016-01-13_0314OR_2016-01-13_0313OR_2016-01-13_0312OR_2016-01-13_0311

OR_2016-02-09_0319
Diese „Deponie“ schlägt alles bisher Gesehene gesehene

Ein tolles Einkaufserlebnis sind die Märkte, welche es in grösseren Städten eigentlich immer gibt. Hier spielt die Konkurrenz, und keiner denkt daran, welkes Gemüse feil zu bieten. Auch gibt es die meisten Artikel wie Reis, Gewürze, Kakao, Samen und andere exotischere Lebensmittel im Offenverkauf. Sogar hier hat sich aber das System des Nummern-Ziehens durchgesetzt, beim Bäcker wie beim Metzger oder in der Apotheke.

Das Einkaufen nimmt hier also viel mehr Zeit in Anspruch als in Australien und viel, viel mehr Zeit als in der Migros Köniz. Aber wir sind flexibel und essen am Ende immer gut!

OR_2016-02-25_09040
Wunderbares Einkaufen in einem neuen Bioladen in San Martin de los Andes (eine Touristenhochburg)
OR_2016-03-30_09753
Das Einkaufen in einem Quartier von Mendoza tätigt sich durchs Gitter – auch mitten im Tag. Das sagt einiges über die Sicherheit in dieser Stadt

Zum Schluss noch eine lustige Einkaufsepisode, die uns kürzlich widerfahren ist. In einer Almacen wollten wir Koriander kaufen, und ein Bund war viel zu gross. Trotz guter Begründung unsererseits wollte uns die Dame nicht die halbe Menge verkaufen, schickte uns aber zur nächsten Strassenkreuzung, wo es einen huerto habe. Den fanden wir auch, aber er gehörte ganz offensichtlich zu einem Wohnhaus, das nicht nach Laden aussah. Jeannine inspizierte zögerlich den Garten und wurde sofort von einem auf der Veranda sitzenden alten Herrn begrüsst. Sie schilderte ihm das Anliegen, und er verwies auf die beiden Damen in der Küche, aus der es hervorragend duftete. Sehr unkompliziert händigten diese die gewünschte Menge des Krautes aus, das sie, notabene, ebenfalls in der Almacen gekauft hatten, weil derjenige im Garten noch nicht erntebereit war …

Nützliches Vokabular

los fiambres – Wurstwaren
el chango – Einkaufswagen
el huerto – Garten

 

Advertisements

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gaby Egli sagt:

    Immer schön, von euch zu hören und der Einkaufbeitrag war lustig zu lesen – vor allem die Deponien Fotos natürlich. Danke auch für die News und Bilder von Fernando aus Mendoza!
    Hier ist es wunderschöner Frühling. Der Magnolienbaum ausserhalb unseres Küchenfensters steht in voller Blüte, der Wald ist voller Bärlauch und es wird langsam gefährlich im Wald, da die Bäume kräftig ausschlagen. Ich liebe diese Zeit! Jogi und ich fahren am Freitag für eine Woche nach Massa Vecchia. Frühlingstrainingslager! Ich freue mich sehr. War bis jetzt noch nicht grad viel auf dem Bike und muss noch ein wenig das Füdli einfahren 😉
    Heute habe ich mir schon mal die Schienbeine augerissen (Faltpedals sei dank…) die Saison hat begonnen.
    Ich denke immer wieder an euch und wünsche euch gute Fahrt! Trinkt einen Schluck Malbec für mich mit.

    Gefällt mir

  2. Stefan Graber sagt:

    Andere Länder – andere Sitten oder Lidel und Aldi lassen grüssen. Wir schaffen halt so viele Gesetzte, dass bereits der Produktehersteller seine Waren so verpacken muss, dass kein andere die Lebensmittel berührten kann. Das verteuert zwar die Waren, macht aber aus mir keinen Vegetarier hihi.
    Ich wünsche Euch noch viele Einkaufserlebnisse und lese gerne darüber. Vor allem aber wünsch ich euch einbruchsfreie Einkäufe und Aufenthalte. Wenn sogar öffentlich gewarnt wird, dann scheint es wirklich ein Problem zu sein.
    Weiterhin gute Reise und ich freu mich auf den nächsten Blogg.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s