Outback Südamerika, Teil 1

Heute ist wieder einmal ein Fahrtag. Wir Fahren zwar an den meisten Tagen, aber manchmal ist bereits abzusehen, dass es viele Stunden im Cockpit sein werden. Entlang der Provinzgrenze zwischen Neuquén und Mendoza wollen wir Barrancas erreichen, total 170 km. Die ganze nordwestliche Ecke der Provinz Neuquén ist touristisch kaum erschlossen aber äusserst lohnenswert. Nur eben: nicht ganz einfach zu bereisen.

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Die Fahrstrecke ist hellgrün markiert (Uhrmachersinn)

Wir sind schon auf bevor die Sonne hinter dem Hügel hervortritt und sanft unser kaum zu überbietendes Camp an der Laguna Varvarco Tapia (1950 m.ü.M). bescheint. Jeannine macht Pancakes — zusammen mit dulce de leche und frischen Früchten ist das ein exzellenter Start in den Tag 🙂 Es ist extrem trocken hier, die relative Luftfeuchtigkeit steigt auch nachts nicht über 30%.

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Wir wissen noch nicht, was der Weg bringen wird. Auf die Frage, ob wir über Aguas Calientes und die beiden Lagunen Varvarco nach Barrancas fahren könnten (ebenfalls ein Vorschlag des Herrn, der uns die Laguna Vaca Lauquen empfahl), winkte die Señora im kleinen Büro Informes Touristicos in Las Ovejas vehement ab. «Auf gar keinen Fall! Das ist ein nicht unterhaltener Weg. Fahren Sie bis Aguas Calientes, dort gibt es schöne, natürliche Thermalbecken, und kehren Sie wieder um.» Das machte die Strecke erst recht interessant, wir fragten andere Leute: es schien machbar.

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Heisse Quellen bei Aguas Calientes

Natürlich fuhren wir zu den Termas Aguas Calientes — und lernten dort Javier Mas kennen (nein, nicht den Sänger aus Spanien, sondern einen Reiseführer aus Chos Malal, der in seinem dunkelgrünen Land Rover Defender ein älteres Ehepaar herumchauffierte). «¡Claro, se puede! Es pura aventura. ¡Pero vayan despacio! (Natürlich kann man. Abenteuer pur! Aber fahrt langsam!)» Allerdings sei die Strecke nördlich von Aguas Calientes unbefahrbar, wir müssten zurück und westlich über Manzano Amargo fahren.

Gesagt, getan. Bereits das Stück zwischen Manzano Amargo und der Lagune Varvarco Tapia war wunderbar. Das Tal war eng, der Río Neuquén wurde zunehmend kleiner, bis er schliesslich ganz verschwand. Überall Kühe, Ziegenherden, puesteros. Dieses Tal wird nur im Sommer bewirtschaftet, die Leute leben extrem einfach. Einige Wiesen wurden mit Flusswasser bewässert, wodurch es immer wieder sattgrüne Flecken mit Vieh gibt. Wir genossen die Fahrt, die soweit auch in einem normalen Auto mit etwas Bodenfreiheit zu bewältigen gewesen wäre.

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Bewässerungskanal

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Hirtenhütte: extrem einfach

Anders die Weiterfahrt Richtung Barrancas. Bereits nach der ersten Brücke ist es nur noch eine huella. Nach einer halben Stunde Fahrt — der Weg steigt am Ende des Tals im Zickzack auf — schalten wir in die Geländeuntersetzung. Kasbah kraxelt unbeschwert Richtung Himmel. Bei 2840 m erreichen wir den höchsten Punkt. Statt besser ist der Weg nun mit noch mehr Steinen verblockt. Obwohl er auf der 4×4-Skala wohl als einfach bezeichnet würde, besteht laufend das Risiko, die Reifen zu beschädigen. Also laaaaangsam. Immer wieder überqueren wir denselben Bach. Nach 3.5 Stunden und 42 km erreichen wir den Río Barrancas. Mittagspause. Die Bergflanken und -zacken leuchten in den schönsten Farben. Genau um solche Ecken erreichen zu können, sind wir nicht mit einem konventionellen Wohnmobil unterwegs (Wie alles begann). Auch für die nächsten 42 km brauchen wir fast zwei Stunden. Ein Feuerwerk aus grün, blau, dunkelrot, dunkelgelb, eisblau, grau, weiss.

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Ganz hinten im Tal geht es in Haarnadelkehren auf den Pass

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Río Barrancas

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Spektakuläres Geologiepanorama

Immer wieder müssen wir anhalten, um noch ein Bild zu schiessen. Das erste Auto kreuzen wir nach 70 km. Dann ist der Weg wieder eine normale Piste. Barrancas erreichen wir heute nicht mehr, dafür geniessen wir auf einem hoch über dem Tal gelegenen Bergrücken den Sonnenuntergang. Was für ein Tag! Dank dem spontanen Herrn in Andacollo!

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Nützliches Vokabular

el dulce de leche — aus Milch und Zucker gekochte argentinische Delikatesse; in der Westschweiz confiture de lait genannt, in England toffee
el informe — Bericht (engl. report); die Argentinier hätten hier ein Missverständnis (wie Olivers Spanischlehrer in Mendoza erklärte) und nennen ihre Touristeninformation nicht etwa información turística sondern eben informes tourísticos
la terma — Thermalbad
el puesto — wortlich: der Posten; hier: eine Hirtenhütte
el puestero — Hirte
la huella — die Spur (hier: zwei Radspuren im Gelände)

P.S. Dieser Eintrag heisst «Outback Südamerika» in Anlehnung an das Australische Outback. Unsere informelle Definition für Outback lautet ja, wenn hier etwas passiert, dann kommt Hilfe eher nach Tage als nach Stunden. Weiteren Teile «Outback Südamerika» folgen zu späteren Zeitpunkten.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Muss mich mal melden um euch zu kommunizieren, dass ich alle eure Beiträge immer mit grossem Interesse verfolge und sehr happy bin, dass ich zunehmend mehr Realität über den südlichsten Zipfel Lateinamerikas erhalte. Wie gewohnt sind alle Beiträge immer sehr informativ und akribisch recherchiert und perfekt illustriert (eine Commendation an den Fotografen!) Ihr seid richtige professionelle Explorer und Abenteurer und ich bewundere euren Mut, Strecken zu befahren und in Gebiete vorzudringen wo man nicht genau weiss was man antrifft und ob man überhaupt durchkommt.
    Aber euer Kasbah ist ja inzwischen ein erprobter Weggefährte!

    Freue mich also zu vernehmen wie’s weitergeht und wünsche euch weiterhin all the best!
    Felix

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  2. Stefan Graber sagt:

    da hätte es mir auch gefallen, vor allem die Anforderungen an die Fahrt. Solche langen Fahrten im Gelände würde ich gerne machen. Einziges Problem ist vermutlich ein Problem in dieser Gegend. Ich stelle mir vor, dass er eine das Fahrzeug hütet, während der Andere 3 – 5 Tage marschiert.
    Davon ausgehend, dass alles rund lief wünsche ich euch weiterhin gute und schöne Fahrt mit interessanten Strassen.

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    1. uncachito sagt:

      Ja, eine Panne in diesen Gegenden wäre eine Herausforderung. Allerdings ist man im Zeitalter der Satellitentelefonie auch nicht mehr ganz so verloren wie vorher. So können wir uns bei technischen Problemen mindestens mit einem Spezialisten austauschen und sind nicht auf die Buschmechanik-Kenntnisse des nächsten Hirten angewiesen. Wenn allerdings wirklich etwas in die Brüche geht, das man nicht mit Rat sondern mit Ersatzteilen beheben muss, dann würde einer von uns beiden eher mit dem Velo als zu Fuss losziehen. Da steigert den Aktionsradius dann doch erheblich 🙂

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