Patagonien, 40 und 100’000

Kurz nach Barrancas wünscht uns ein überdimensional grosses Schild «Auf Wiedersehen». Damit verlassen wir nicht nur die argentinische Provinz Neuquén, sondern auch Patagonien, denn spätestens hier ist dessen nördlicher Rand. Patagonien ist weniger eine präzise abgegrenzte geografische Region als vielmehr ein mystischer Begriff, etwa so wie das Outback in Australien. Beide sind vor allem weit weg von den wirtschaftlichen und kulturellen Zentren und charakterisiert durch eine sehr kleine Dichte an Bewohnern und Infrastruktur. In Balmaceda (Chile) ist zu lesen:

El Sur es un lugar real. Su otro nombre es Patagonia.
(Der Süden ist ein realer Ort. Sein anderer Name ist Patagonien).

Patagonien gibt es nämlich zweimal, einmal links und einmal rechts der südlichen Cordillera. Und die beiden Teile könnten nicht unterschiedlicher sein: auf der chilenischen Seite ist Patagonien ein schmaler, langer Streifen der nach Osten hin dramatisch ansteigt, feucht und grün, voll wilder Wälder, Seen, Flüsse und Vulkane. Auf der argentinischen Seite ein breiter Keil, je weiter östlich umso trockener und flacher, aber im Westen voller tiefblauer Lagunen, voll hundertfarbiger Gipfel und Täler.

Blog Patagonien
Chiles Patagonien (grün) und argentiniens Patagonien (orange)
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Das typisch chilenische Patagonien (im Süden bei Villa O’Higgins)
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Das typische argentinische Patagonien (Meseta im Süden bei Río Gallegos)

Früher wurde im südlichen Teil beider Patagonien sehr, sehr viel Geld mit Schafzucht gemacht. Heute ist es dort fast schon gespenstisch leer. Während Australien und Neuseeland bei stark sinkender Nachfrage nach Wolle ab den 1960er-Jahren  einen Teil ihrer Wollzucht erhalten konnten (Coooo-eeee-Blog), ist diese in Chile und Argentinien praktisch nicht mehr vorhanden. Was bleibt sind oft nur endlose, leere Mesetas (von Flüssen durchschnittene Tafelebenen). Und Wind.

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Es gibt sie doch noch, die traditionellen Gauchos (wenn auch teilweise mit Daunenjacke)

Der Engländer Bruce Chatwin hat 1975 das Kultbuch In Patagonia (Wikipedia) geschrieben, das über mehrere Jahrzehnte eine Art Bibel für viele Patagonienreisende war. Dabei ist In Patagonia gar kein Reiseführer sondern viel mehr eine Sammlung von Storys, in denen Chatwin skurrile Personen und Ortschaften beschreibt, zusammengehalten vom roten Faden seiner eigenen Geschichte um ein Stück Fell eines Fossils. Das Buch ist insbesondere auch darum lesenswert, weil Chatwin bewusst Fakten und Fiktion vermischte und nicht sagte, was wahr ist und was nicht.

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Ein fast schon stereotypisches Teilstück der «40» des Südens

Das argentinische Patagonien wäre nicht dasselbe ohne die legendäre Ruta Nacional 40 (“ruta cuarenta”). Diese führt von Cabo Virgenes über 4666 km nach La Quiaca, vor allem dem östlichen Andenrand entlang, einmal steigt sie auf fast 4900 m (!). Für viele Reisende ist sie Programm, der argentinischer Läufer Rudolfo Rossi hat sie 2015 in acht Monaten durchmessen (Youtube). Auch wir fahren immer mal wieder ein Stück «40», eben zum Beispiel aus Neuquén heraus Richtung Mendoza. Ein paar Kilometer weiter, exakt bei der 2770-ten Distanztafel (gemessen vom südlichen Ende), feiert Kasbah seinen 100’000-sten Kilometer. Wir singen ein «Cumpleaños, feliz, cumpleaños feliz …» und zünden eine Kerze an — es hat gerade keinen Wind.

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Kilometer 2770 resp. 100’000

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Die «40» war früher ein Abenteuer, aber bereits vor 10 Jahren, als wir von Bariloche aus nach Norden radelten, war sie zu 80% asphaltiert. Sie ist teilweise öde und langweilig, teilweise spektakulär und spannend. Leider verlieren viele Teilstrecken an Reiz, wenn Schotter zu Asphalt wird.

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Die Cuesta de Miranda (Provinz La Rioja) 2006 mit dem Velo …
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… und 2015 mit dem Auto auf der neuen Strasse

Um zu erleben, wie die «40» früher einmal war, fahren wir nicht auf der RN144-Schleife über San Raphael nach Mendoza sondern die “Abkürzung” von El Sosneado über die «40». Ein Stück, das wir 2006 in Erwägung gezogen hatten, das uns aber mit dem Velo zu schwierig erschien, weil es in der Halbwüste über 160 km fast gar nichts gibt. Mit dem geeigneten Auto erweist sich die Strecke aber als sehr lohnenswert, speziell um den Río Diamante herum, wo es sogar Kakteen hat.

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In der Bildmitte (klein …) die Brücke über den Río Diamante

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Camping mit Blick auf einen eindrucksvollen Canyon
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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Einmal mehr kann ich nur sagen: Ich seit in einer interessanten und schönen Gegend. So jedenfalls geben es die schönen Bilder wieder. Und auch euer Kasbar hält tapfer mit und die Kerze zum 100’000km ist eine nette Geste des Danks, dass er euch immer begleitet – auch auf den unwegsamsten Wegen. Und auch dem Wind, der dem Strassenschild entsprechend ziemlich stark sein kann, scheint euerm Fahrzeug nichts anzuhaben – höchstens einmal etwas schaukeln, weil der Schwerpunkt hoch liegt. Toll, dass ihr einen so zuverlässigen Wagen habt.
    Ihr entdeckt aber auch immer wieder tolle und interessante Wege, die vom Naturschauspiel etwas bieten, aber auch an die Fahrer etwas an deren Können fordern. Würde mich mega reizen, hier Chauffeur zu sein.
    Hebt sorg und fahred wieterhin guät!

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