Ein bisschen Paris in Mendoza

«Sie kreiert unglaubliche Desserts und bewirtet auch Tafeln mit 50 Leuten», berichtet uns unsere mamá, Delia, in Mendoza. Als wir hier vor 10 Jahren eine Sprachschule besuchten, buchten wir das programa de inmersión (Intensivkurs), welches das Wohnen in einer argentinischen Familie beinhaltete. Die geschickte Anfrage von Oliver und etwas Glück führte uns zu Delia, die zu dieser Zeit mit ihrer Mutter in einem grossen Haus lebte, das durch die fast täglichen Besuche ihrer drei Söhne mit Familien sehr lebendig war. Wir hatten eine wunderbare Zeit damals und durften jetzt als Freunde in dieses Haus zurückkehren.

Nun aber mehr zum Dessert: Lorena ist Delias Schwiegertochter und anscheinend eine leidenschaftliche Konditorin. Leicht ignorant bereitet Jeannine — neben einem reichhaltigen Salat — ein Schoggimousse zu, um nicht mit leeren Händen bei der sehr geschätzten Einladung zum typischen Familien-Asado zu erscheinen. Auch in Argentinien weiss man, dass wir aus einem „Schoggiland“ kommen — und das verpflichtet.

Obwohl wir in Mendoza auf die Schnelle keine schwarze Toblerone finden können (vor 10 Jahren war die noch einfach zu kaufen gewesen), gelingt das Schoggimousse für einmal mit argentinischer Schokolade. Die jüngste Enkelin von Delia, Valentina, konnte jedenfalls kaum genug kriegen davon:

OR_2016-04-03_09771Lorena freut sich über das Mitgebrachte und meint, sie würde das noch ein wenig ergänzen, da wir ja so viele Leute sind. Bei diesem wundervollen Anblick dämmert es uns, dass wir es hier mit einem Profi zu tun haben …

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… und beim Essen wird dieser Eindruck noch bestätigt

«Mit 10 Jahren habe ich mit kochen und backen begonnen, weil ich Spass daran hatte», erzählt uns Lorena am nächsten Tag. Auch ihre Mutter sei eine begeisterte Küchenfee und liess ihrer Tochter viel Freiheit zum Experimentieren. «Irgendwann wollte ich genau wissen, wie man kunstvolle Torten und französische „Luxemburgerli“ zubereitet und startete die Ausbildung zur Konditorin in Buenos Aires, wo wir zum Teil französische Lehrmeister hatten. Daher rührt wohl meine Begeisterung für Paris, welches ich endlich vor fünf Jahren, im Rahmen einer zweimonatigen Europareise, besuchte.» All das erfahren wir, während wir zuschauen, wie Lorena gekonnt drei gestern gebackene Torten garniert, die für den Abend bestellt wurden. Mit einfachen Hilfsmitteln bastelt sie gebogene Schokoladenplättchen aus Couverture, dressiert in Windeseile die luftigen Schokokugeln auf die Passionsfruchttorte und bereitet daneben, ihren geheimen Rezepturen im iPad folgend, Backcreme und Konditorcrème zu. Im Wasserbad, das zum Schmelzen der Couverture und Schokolade gebraucht wird, kocht sie gleichzeitig Randen und Eier fürs Mittagessen.

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Die Künstlerin Lorena am Werk

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Vorher …
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… nachher

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Sie hat keine Website, sondern erledigt alles über Facebook. Das ist billig, schnell und modern. Sie macht keine Werbung, sondern wird fleissig von zufriedenen Kunden weiter empfohlen und so steigt ihr Auftragsumfang stetig. Wie lange sie das noch in der relativ kleinen Küche erledigen kann, lässt sie offen. Obwohl das nun ein bisschen handgestrickt tönt, arbeitet sie professionell und hält sorgfältig sowohl die GMP (Good manufacturing practice) wie auch Hygienevorschriften ein. So muss zum Beispiel Adrian, ihr Mann, der fürs Mittagessen köstliche Empanadas vorbereitet, ein grünes Schneidebrett verwenden, denn die weissen sind für Schokolade und die roten fürs Gemüse bestimmt.

OR_2016-04-03_09784OR_2016-04-03_09786

Aus der Einladung zum Asado am Samstagabend (als Ausländer ist es eine Ehre zu einem Asado oder einem Mate eingeladen zu werden), wurde ein wochenendfüllendes Programm, weil wir es um halb vier morgens und mit viel gutem Wein intus vorzogen, in unserem „Haus“ im schönen Park (O-Ton Adrian) zu übernachten, als noch zu Delia zu fahren. Dass wir dann den Sonntag am selben Ort verbrachten, war für die Gastgeber selbstverständlich. Das Pariser Flair mit argentinischer Gastfreundschaft gepaart war ein einmaliges Erlebnis für uns Globetrotter.

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Von links: Oliver, Jeannine, Lorena, Adrian, Valentina, Delia (der Sohn Juanjo fehlt auf dem Bild, er zog das Traktor-Fahren dem Fototermin vor …)

Nützliches Vokabular

el asado – argentinisches Grillfleisch, in kunstvoller Manier zubereitet
la pastelera – Zuckerbäckerin / Konditorin
la pastelería / repostería – Konditorei
la hospitalidad – Gastfreundschaft

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Sieht wirklich lecker aus, was die Profi-Bäckerin da herzaubert. Da läuft einem ja das Wasser im Munde zusammen – aber auch für die Augen eine Freude. Und das anscheinend ohne grosse Hilfsmittel und ohne Betty Bossi hergestellt. Und so wie ihr schreibt, hat sie auch einen originellen Weg zur Vermarktung gefunden – Mundpropaganda (nur von zufriedenen Kunden zu erhalten)! Etwas was bei den hiesigen Gastronomen und Unternehmer etwas in Vergessenheit geriet – Profit ist wichtiger.
    Jedenfalls viel Spass beim Schlemmen und beim Pfunde abbauen ….

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