Don’t cry for me …

Der Himmel hängt tief und verbreitet eine melancholische Stimmung, als wir um 16 Uhr über die Avenida Gobernador Ricardo Videla aus dem Zentrum von Mendoza herausfahren. Auf der Höhe des Flughafens biegen wir in die Calle Dorego ein, die uns nach Westen zur Avenida San Martin bringen soll. Wir sind im Vorort Las Heras.

Las Heras hatten wir schon im Februar 2006, als wir während sechs Wochen in Mendoza unser Spanisch verbesserten, mit den Velos durchfahren. Es war augenfällig, dass dies nicht ein Nobelquartier Mendozas war. Die Leute wohnten extrem einfach, zumeist waren es aus Adobe-Ziegeln gebaute, eingeschossige Häuser. Doch stellten wir bewundernd fest, dass das Strassenbild aufgeräumt daherkam, dass kein Müll herumlag und keine Schrottautos herumstanden.

Beim Einbiegen in die Calle Dorego ist diesmal aber sofort klar, dass wir nicht den Joker gezogen haben. Die Strasse ist zwar breit und asphaltiert, doch führt sie mitten in ein Armenquartier hinein. Mit Plastik gedeckte Hütten, überall Müll, ein dreckiger Tümpel. Ein Pferd mit Wagen kommt uns entgegen. Und wir: mit einem frisch gewaschenen Hallo-wir-haben-viel-Geld-Mobil. Mit einer gewissen Erleichterung erreichen wir die Avenida San Martin und biegen nach Norden ab. Der Müll am Strassenrand begleitet uns noch eine Weile.

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Staatliche viviendas zur Sicherung eines Minimalstandards

OR_2016-04-11_09853Im Cockpit ist es jetzt auch etwas melancholisch. Wir hatten Mendoza 2006 als lebensfrohe Stadt mit hoher Lebensqualität kennengelernt. Wohl war uns am Busterminal mit einem Ablenktrick eine Velotasche geklaut worden, aber wir bewegten uns mindestens tags ziemlich unbeschwert durch die Stadt.

Mendoza by Night
Das Zentrum von Mendoza by Night

Je mehr wir uns von der Stadt entfernen, umso tiefer hängen die Wolken. Es nieselt.

Als wir vor zwei Wochen bei unserer damaligen Gastgeberin Delia vorfuhren, stellten wir sofort fest, dass der Zaun um ihr grosses Haus nun um eine Stacheldrahtrolle höher ist; dass eine Gittertüre die Eingangstüre aus Holz schützt; dass Delia nachts vor und hinter dem Haus helles Licht brennen lässt. Als wir die Velos ausluden, erteilte uns ihre Nichte den dringenden Rat, diese nicht während der Siesta-Zeit und schon gar nicht nachts zu verwenden. Im Quartier sind viele Häuser vergittert, einige despensas bedienen ihre Kunden auch tags nur über eine Durchreiche im Gitter. Fahrer beliebter Automodelle werden zum Aussteigen gezwungen, dann ist ihr Auto weg. Mendoza ist nicht mehr sicher.

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Delias Haus

Nach 50 km steigt unsere Strasse abrupt an. Kurz darauf fahren wir in den Nebel hinein, aus Niesel wird Regen.

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Mendoza wurde in eine Halbwüste hineingebaut, das Klima ist extrem trocken. Aber die Bewässerung mit Gletscherwasser schafft ideale Bedingungen für den Weinbau — hier ist das grösste Weinanbaugebiet Südamerikas. Die Wertschöpfung ist gross. Im Stadtzentrum sind die Strassen und Trottoirs breit, die Plätze gross, alles ist von hohen Platanen beschattet. Durch die Trockenheit halten die Autos ewig.

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Das Zentrum von Mendoza aus der Luft (2008)
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Luxus-Mittagessen Mitten im Weinberg, hier bei Zucchardi

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Der Nebel lichtet sich, wir sehen links und rechts grüne Talseiten. Weiter oben wartet eine zweite Wolkenschicht.

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Aber während viele Autos vor 10 Jahren schon uralt waren, so verkehren sie heute immer noch. Den Leuten ist das Geld ausgegangen, viele sind verarmt. Die Regierungen Kirchner haben die gesunden Provinzen geplündert und damit ihren Populismus finanziert. Haben Unsummen Geld in ihre Heimat Patagonien “investiert”; der regulären Wirtschaft Milliarden entzogen und kofferweise ins Ausland “in Sicherheit” gebracht; Korruption und Kriminalität toleriert; Schulen und Strassen verwahrlosen lassen; das Land wirtschaftlich abgeschottet und damit wichtige Auslandinvestitionen verhindert; die Ungebildeten mit Geldgeschenken bei Laune gehalten und Wahlstimmen gekauft. In Delias Stadtteil Guaymallén funktionieren von 28 Müllabfuhrlastwagen noch zwei. Wer vier Kinder hatte, kriegte über Kinderzulagen mehr Geld als für einen gut bezahlten Mittelstandsjob. Man nennt dieses Regierungsprinzip hier bereits Kirchnerismo.

Der Asphalt ist zu Ende. Über viele Haarnadelkehren steigen wir in die Höhe. Unser Camp liegt heute auf ziemlich genau 3000 m.ü.M. Kurz bevor wir ankommen, können wir durch die Wolken kurz die Umrisse der Sonne sehen. Dann wird es allmählich dunkel.

Die im November neu gewählte Regierung von Mauricio Macri hat eine Herkulesaufgabe zu lösen. Sie hat bereits den Peso liberalisiert (die Argentinier dürfen jetzt wieder legal Auslandwährungen kaufen) und die Auslandschulden getilgt. Das Leben ist dadurch sprunghaft 30% teuerer geworden, was noch mehr Leute an den Rand der Armut treibt, aber ein notwendiger Schritt zurück zu einer offenen Wirtschaft ist. Hoffentlich kann sich Macri halten!

Am nächsten Morgen jedoch keine Sonne. Um 11 Uhr peitscht eine Regenschauer heran. Die Standheizung läuft. Dann Ruhe. Dann plötzlich Sonne, in der Distanz der frisch verschneite Aconcagua (6962 m). Die Melancholie ist verflogen, alles wird gut.

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Gleich mehrere Sechstausender am Horizont

Nützliches Vokabular

el adobe — luftgetrocknete Ziegelsteine aus Lehm + Stroh + Dung + Wasser (isolieren gut, widerstehen aber der Feuchtigkeit schlecht)
la vivienda — einfachstes Reihenhaus
la despensa — ganz kleiner Lebensmittelladen, oft kaum als solcher erkennbar, zumeist mit handgepinseltem Schild “DESPENSA” und Pfeil

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Typische Despensa
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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Danke für den wieder sehr interessanten und hautnah geschriebenen Blogg. Besonders interessant ist es, wie Gegensätze so nah zusammen sind und natürlich auch Probleme (Kriminalität, Armut, Korruption usw.) mit sich bringen. Eine Spirale, aus der man nie mehr rauskommt. Schade eigentlich für ein solch spannendes und schönes Land.
    Weiterhin viel Freude bei eurer Reise und eine gute Zeit

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    1. uncachito sagt:

      Ja, das ist eine üble Spirale. Aber es gibt einen Ausweg, und der heisst Ausbildung. Damit finden die Leute dann einen Job, der es ihnen ermöglicht, auch ohne zu klauen zu überleben. Aber wenn die Eltern den Wert von Schule und Ausbildung nicht verstanden haben, dann sehen sie auch nicht ein, warum sie ihre Kinder dorthin statt zum klauen senden sollen. Somit ist es nicht damit getan, eine neue Schule zu bauen und Lehrer anzustellen, man muss dann auch noch dafür sorgen, dass die Kinder zur Schule kommen. Ein einfaches Mittel ist, dass sie dort auch noch verpflegt werden, was den Eltern tatsächlich etwas abnimmt und einen Wert generiert, für den es sich für die Eltern lohnt, die Kinder für die Schule „freizustellen“.

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  2. Vincenz sagt:

    Sehr informative, faszinierende Beschreibung der Tage nach Mendoza. Man ahnt wie komplex, wie schwierig das Leben dort sein muss und wieviel von der Regierung abhängt, die am Ruder ist. Und Ihr habt auf 3000 m Euer Nachtlager eingerichtet, auch so eine Gegebenheit, die einen verblüfft. Mit grossem Interesse und Vergnügen gelesen, Irma (und mutig seid Ihr, mit Euerem vergleichsweise luxuriösen, exotischen Auto unterwegs zu sein)

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    1. uncachito sagt:

      Vielen Dank für den Kommentar, der uns sehr gefreut hat!

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