Wintereinbruch

Wir glauben es erst, als uns der Zöllner am Paso Sico (Sicopass) die Schranke öffnet: endlich können wir die Cordillera nach Chile überqueren. Vor gut zwei Wochen hatten wir Mendoza mit dem Plan verlassen, über den Paso Agua Negra nach La Serena in Chile zu reisen. Mit 4789 m ist der Agua Negra einer der höchsten Andenpässe — und soll auch einer der schönsten sein.

Pässe

Bereits am Tag nach unserer Regenfahrt aus Mendoza trafen wir einen Schweizer Geologen, der seit 12 Jahren aus Santiago (Chile) operiert. Er warnte uns vor einer Kaltfront, die in den nächsten Tagen vom Pazifik her auf die Anden zusteuern würde und viel Schnee geben könnte. So gaben wir Kasbah die Sporen und erreichten bereits am nächsten Tag um 12 Uhr die argentinische Zollstelle in Las Flores. Der Gendarme schien erstaunt, dass wir so zielstrebig gefahren kamen. «Está cerrado el paso (der Pass ist geschlossen)», beschied er uns. So ein Pech: nachdem der Pass eine Woche unpassierbar gewesen war, war er an jenem Morgen um 8 Uhr geöffnet aber wegen eines Erdrutsches bereits um 11 Uhr wieder geschlossen worden.

So installierten wir uns in Rodeo auf einem schönen Campingplatz und prüften am nächsten Morgen erneut die Lage: der Pass sei vielleicht am folgenden Tag wieder passierbar. Ein Einheimischer zweifelte jedoch, dass die Strasse vor dem Winter überhaupt nochmals aufgehen würde. Also: nächste Station Paso San Francisco.

Wir liessen uns ein paar Tage Zeit für die Fahrt nach Fiambalá und nahmen von dort die 200 km zum argentinischen Zollamt kurz vor der Passhöhe unter die Räder. Die Kulisse war einmal mehr spektakulär.

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Auf 4000 m Höhe angekommen, erneut die Auskunft, «Está cerrado el paso». Die argentinische Seite sei frei, aber in Chile hätte es zu viel Schnee. «Die Chilenen entscheiden morgen Mittag neu». So tranken wir zuerst einmal einen Mate und installierten uns dann. Am nächsten Morgen sah es zuerst wenig ermutigend aus, aber dann erstrahlte die Sonne in voller Kraft. Es hatte Vicuñas und Flamingos in der Umgebung. Laufend kamen neue Fahrzeuge an, die überrascht waren, dass der Pass gesperrt war. Einige hatten grosse Umwege gemacht, weil aktuell alle Pässe südlich von hier auch geschlossen waren. Doch dann: «Immer noch zu viel Schnee und Wind in Chile».

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Überraschend ist die Barriere mit einem Vorhängschloss gesichert …
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Der Schnee während der ersten Nacht liess nichts Gutes erahnen

Wir warteten noch eine Nacht — nur um gegen Mittag den Rückzug nach Fiambalá anzutreten. Das nächste Ziel: der Sicopass. Wieder liessen wir uns mehrere Tage Zeit. Als wir schliesslich beim argentinischen Zollamt ankommen, treffen wir ein drittes Mal auf eine geschlossene Schranke … jedoch ist es nur wegen der nächtlichen Schliessung. Am Morgen werden wir als erste abgefertigt, die Schranke öffnet sich. Und die Fahrt über den Sicopass (gut 4700 m) entschädigt uns für all die “verwarteten” Stunden und “verfahrenen” Kilometer, und San Pedro de Atacama (Chile) lädt zum verweilen ein.

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Genau auf der Landesgrenze angetroffen: Stéphane aus dem Elsass ist schon fast 3 Jahre unterwegs und will jetzt noch nach Feuerland (autsch!)
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Eine der vielen spektakulären Lagunen, umringt von Vulkanen (Sicopass, chilenische Seite)
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San Pedro ist zwar voll Touristen, aber das Städtchen ist äusserst angenehm und hat mindestens drei ausgezeichnete Restaurants
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Die Geysire El Tatio bei Sonnenaufgang (100 km von San Pedro)
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Das Valle de la Luna bei Sonnenuntergang (15 km von San Pedro)

Wohl ist uns jetzt die nördliche Küste Chiles entgangen, aber was hätten wir auf der argentinischen Seite alles verpasst, wenn wir direkt über den Paso Agua Negra gefahren wären?

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Cuesta de Huaco (bereits 2006 und 2008 mit dem Velo ein Highlight)
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Cuesta de Miranda mit vielen Kandalaberkakteen
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Ockerbach auf der Zufahrt zur ehemaligen Silber- und Goldmine La Mexicana (4603 m)
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Verlassene Gebäude der Mine
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Bergstation der über hundertjährigen, 34 km langen Seilbahn La Mejicana, mit der das Erz über 3500 Höhenmeter nach Chilecito hinunter transportiert wurde
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Mut, Ingenieurskunst und Anstrengung, diesen cablecarril zu bauen, können es mit der Jungfrau-Bahn aufnehmen; hier quert sie den höchsten Grat bei knapp 5000 m.ü.M.
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Eine Zwischenstation (siehe nächstes Bild), in den Grat hineingeschnitten
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Das gesamte Baumaterial wurden mit 600 Maultieren und 900 Eseln transportiert; 1600 Personen waren am Bau beteiligt, zum Schluss noch die Armee.
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6 Stunden Geländeuntersätzung zur Mine und zurück — hier im Ockerbach. Die letzte Steigung (18° steil … auf 4000 m) erkletterte Kasbah in der ersten Geländeuntersetzung bei 3000 rpm 🙂
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Gold ? — Leider nur Narrengold

Details zu La Mejicana (leider nur in Spanisch, aber die Zahlen sind ja international)

Plus:

  • den Nachmittag bei Dora und die Sanddünen von Fiambalá
  • die beiden typisch argentinischen Kleinstädte Tinogasta und Belén, in denen das wahre Leben erst erwacht, wenn es dunkel wird; wo die ganze Dorfjugend mit dem Roller um die Plaza fährt; und wo man kaum wegen Taschendieben auf der Hut sein muss
  • ein weiteres Stück argentinisches Outback
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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Einmal mehr: Superschöne Bilder! Wer aber keinen Geländewagen hat, kann nie über einen Pass oder wählt ihr extra Wege ab von der Zivilisation?
    Weiterhin eine gute Reise und wenig Schnee, damits immer mit Sommerdiesel geht.

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    1. uncachito sagt:

      Salut Stefan

      An dieser Stelle wieder einmal herzlichen Dank für Deine zahlreichen, geschätzten Kommentare zu unserem Blog. Es freut uns, dass Dir die Beiträge gefallen — und vielleicht sogar inspirieren, auch eine Reise zu unternehmen.

      Natürlich kann man auch ohne Geländewagen die Anden überqueren: die Argentinier, Chilenen und Bolivian zeigen uns fast täglich, das ein gewöhnliches Auto auch ein Geländewagen sein kann; einer sagte uns einmal, «mentalmente es un cuatro-por-cuatro» (ich denke mir einfach, es sei ein 4×4). Zudem gibt es mehrere Grenzübergänge, die durchgängig asphaltiert sind, so z.B. der Paso El Libertador zwischen Mendoza und Santiago, oder der Paso Jama zwischen San Pedro de Atacama und Salta. Aber wir suchen uns halt die weniger befahrenen Strecken und die ungeteerten Strassen, weil die Landschaft dort intensiver wirkt, als wenn eine breites Teerband sie durchschneidet. Zudem wird die Vegetation beim Asphaltieren der Strassen links und rechts meist 10-20 m breit gestört oder gar verwüstet.

      Ganz herzliche Grüsse aus Santa Cruz, Bolivien (Du siehst, wir sind mit unseren Einträgen wieder einmal hoffnungslos hintendrein, aber das wird sich in den nächsten Tagen bessern, versprochen!)

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