Reisealltag – Bezahlen

Aufgrund unserer Reiseerfahrungen in Südamerika und zahlreichen Warnungen in Reiseführern, bewegen wir uns seit nunmehr 6 Monaten ohne Portemonnaie. Das
Geld ist verteilt an den verschiedensten Orten und den Tagesbedarf tragen wir in unseren praktischen Hosenbeintaschen, die diversen Karten in einer diskreten Lenden- resp. Gurttasche. Wir führen eine Geldbörse mit, welche ein paar US-Dollarnoten, Geld in der jeweiligen Landeswährung und alte, ungültige Kreditkarten enthält. Wir nennen es das Überfallportemonnaie, das wir in einem Notfall zücken würden. Bisher kam es gottlob noch nicht zum Einsatz.

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Momentan können wir die Zahlungsprozesse in Chile und Argentinien beurteilen. In diesen beiden Ländern wird in grösseren Geschäften oder auch Metzgereien oft das Einkassieren von einer speziellen Person erledigt, welche nicht bedient und beratet (siehe auch Wieso einfach …?).
In Argentinien ist es an der Tagesordnung, dass das Wechselgeld fehlt, das sind insbesondere kleine Noten (2, 5, 10, 20 und 50 Pesos). Die kleinste Papier-Einheit sind zwei Pesos (entspricht aktuell 14 Rappen) und dann gibt es auch noch Münzen von 1 Peso und 50 Centavos. Davon sind aber definitiv zu wenig im Umlauf, und das Problem wird sehr verschieden gelöst.

Bei einem Metzger in Tinogasta: «¿No tenés el total correcto (hast Du es nicht passend) ?», wird Jeannine gefragt, was sie verneinen muss. «Te doy dos caramelos porque ahorita no tengo dos pesos». Dieser kreativen Lösung, für zwei fehlende Pesos zwei Bonbons zu erhalten, ist natürlich nichts entgegen zu setzen.
In einem Café in Uspallata warten wir fünf Minuten auf die 10 Peso-Note Rückgeld (die Kosten von 89 Pesos bezahlten wir mit einer 100er Note). In einem solchen Fall (es war nicht das einzige Mal), nimmt die Kassiererin das Geld, entschuldigt sich für einen Moment und eilt aus dem Geschäft. In den Nachbarläden hofft sie auf das entsprechende Kleingeld und kehrt damit zurück.
Nicht schlecht staunen wir in einem Supermarkt in Chilecito. Beim Einkauf im Wert von 73.50 Pesos, werden uns 3.50 Pesos geschenkt, weil wir nicht mit einer 5 Peso Note aushelfen können und der Kassierer kein passendes Wechselgeld zur Hand hatte. Wenn man solche Differenzen hochrechnet, sind die Tagesverluste durch fehlendes Wechselgeld signifikant.

Ganz nebenbei wäre es in Argentinien ohnehin an der Zeit, neues Geld zu drucken. Es ist in einem fürchterlichen Zustand. Von den 100er-Noten sind zwei Typen im Umlauf, und der neuere, welcher den Kopf von Evita Perón zeigt, ist akzeptabel. Die grosse Mehrheit der kleineren Noten sind oft „z’Hudle und z’Fätze“. Der Geruch zeugt von jahrzehntelangem, mehrfach täglichem Besitzerwechsel. Zudem wird das Geld nicht selten auch als Notizpapier verwendet.

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Nicht nur Wechselgeld ist schwer zu bekommen in Argentinien. Als Tourist ist die Beschaffung von Pesos immer eine längere Prozedur. Man würde denken, dass das Wechseln von US-Dollars zu Pesos eine einfache Angelegenheit sei. Ist es zum Teil in Wechselstuben, aber die offerieren oft einen schlechten Kurs, und die Chance, Falschgeld zu bekommen, scheint dort grösser. Macht man dies auf einer Bank, wie wir an einem Freitagmorgen in Puerto San Julián, muss man sich erst einen Überblick verschaffen, wieviele verschiedene Schlangen es gibt — und ja nicht vergessen, eine „Ansteh-Nummer“ zu ziehen! Da wir den aktuellen Wechselkurs nicht kannten, und Jeannine ein langes Anstehen für Nichts verhindern wollte, drängte sie sich an einen Schalter vor, um den Kurs zu erfragen. Sehr nett gab die Dame Auskunft, und Jeannine wartete 40 Minuten bis die Nummer aufgerufen wurde. Leider war es aber die Nummer der falschen Schlange, und die Warterei begann von vorne.

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Argentinien: 100-Peso-Note (entspricht etwa 7 CHF) ist die grösste Noteneinheit im Land

Diesmal in der richtigen Schlange, aber ohne Nummer und somit Positionswarten physisch in der Schlange. Dabei ist es üblich, dass man mit den Personen vor oder hinter einem zu sprechen beginnt. Von Diskretion keine Spur, die ganze Schlange spitzt die Ohren, folgt dem Gespräch und weiss zum Schluss ein paar Einzelheiten zu unserer Reise. Endlich am Schalter, legt Jeannine die 200 Dollar auf die Theke und möchte diese zum versprochenen Kurs in Pesos wechseln. Von der Aushändigung sind wir aber noch zehn Minuten entfernt. Muss doch der Bankangestellte den Originalpass in Händen haben, davon 2 Kopien erstellen, in seinen Computer alles „eintöggeln“ und mit den Angaben zum Zivilstand, Beruf und Wohnadresse ergänzen. Da denkt man unausweichlich an das Wechseln von zwei verschiedenen Fremdwährungen am SBB-Schalter im Berner Hauptbahnhof, wo wir mit einer Debitkarte bezahlen (nicht mit Bargeld!) und das Geschäft in 2 Minuten abgewickelt ist … Trotzdem dürfen wir hier anfügen, dass wir heute schneller und einfacher zu Bargeld kommen als noch 2006. Damals hatten wir, trotz anderweitigen Empfehlungen, insbesondere Travellercheques dabei, deren Einlösung ein noch aufwändigeres Unterfangen war. Oft mussten wir in einer Bank in die obere Etage, z.T. musste ein Konto eröffnet werden, um dieses Geschäft zu tätigen — nur um das Konto danach gleich wieder zu schliessen. Damals kostete uns Geldwechseln regelmässig einen halben Tag!

Geldbezug an cajeros automáticos ist in Chile äusserst praktisch. Der Automat spuckt pro Bezug bis zu 400’000 pesos (entspricht CHF 560) aus. In Argentinien haben wir das nie gemacht, weil pro Bezug höchstens Pesos im Wert von 100 CHF bezogen werden können, die Automaten aber längst nicht immer Geld enthalten und die Kommissionen höher sind.

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Chile: Wir haben bis zu 20’000er-Noten gesehen (entspricht etwa 28 CHF). Die 1-Peso-Münze hat jedoch einen Wert fast gleich Null

Von wegen Schlange stehen: In Argentinien hat es überall, wo Geld ein- oder ausbezahlt wird (Post/Banken), sehr lange Schlangen. Das scheint die Leute wenig zu kümmern, denn sie warten geduldig und bringen manchmal extra einen Freund mit, um die Wartezeit mit Gesprächen zu überbrücken. Die Rechnungen (z.B. Gas, Elektrizität …) werden an Schaltern (Rapipago) im Eingangsbereich von Supermärkten bezahlt, Online Banking scheint wenig verbreitet zu sein.

Beim Einkauf im Supermarkt dauert der Zahlungsprozess auch immer sehr lange. Wenn man endlich an der Reihe ist, den Inhalt des Einkaufswagens aufs Band zu legen, läuft das folgendermassen ab: Der Kunde bestückt das Förderband (mit Glück ist es eines das automatisch läuft, sonst muss munter nachgeschoben werden), die Kassiererin packt die Einkäufe in viel zu viele, hauchdünne Plastiksäcke (in grösseren Zentren macht dies eine zusätzliche Person und erhält dafür das kleine Wechselgeld). Dass wir unsere eigenen Taschen mitführen und diese auch noch selber packen, wird als eher komisch empfunden, selten aber auch gelobt. Oft ist dann das Bezahlen mit Kreditkarte möglich, aber nebst der PIN-Eingabe, muss auch noch ein Ausweis gezeigt und der Ausdruck unterschrieben werden. Falls die Karte nicht auf Anhieb funktioniert, wird ihr ein Plastiksack übergestülpt, und diese, so eingepackt, erneut durch den Magnetstreifenleser gezogen — bisher ohne einen Schaden anzurichten, aber wir haben jedes Mal ein schlechtes Gefühl dabei.

Falls dies auch nicht erfolgreich ist, zücken wir die nächste Kreditkarte. Wir führen eine Visa und eine Mastercard mit und sind sehr froh darum. Noch immer hat eine der beiden funktioniert, aber uns ist schleierhaft, wo welche akzeptiert wird. Erst nach 5 Monaten kam Oliver auf die Idee, dass wir die Debitkarten aus Australien auch in Südamerika ausprobieren könnten, und zu unserem Erstaunen geht der Zahlungsvorgang reibungslos, sogar in Argentinien! Die Kreditkarten können wir in beiden Ländern in grossen Supermärkten, an Tankstellen und zum Teil in Restaurants einsetzen, der Rest muss mit efectivo beglichen werden.

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Alles eine Schlange. Beginnt links, geht am fernen Ende um die Kurve und auf der rechten Bildseite ist man der Kasse schon recht nah …
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Lange Wartezeiten sollen dem Konsumenten nicht mehr zugemutet werden – falls jemand länger als 30 min anstehen muss, darf er sich beschweren bei der unten aufgeführten Telefonnummer

Ein Novum erleben wir im Carrefour in Mendoza, als wir zum ersten Mal ein elektrisches Gerät erstatten in Südamerika – einen Wasserkocher für unsere Gastgeberin Delia. Nach dem Zahlungsprozess bittet mich ein Mitarbeiter höflich, das Kaufobjekt auszupacken. Er kontrolliert die Quittung und schreibt einige Kennzahlen von Hand in seine Liste, prüft den Wasserkocher auf Transportschäden und segnet damit den Kauf ab. Mag sein, dass die Daten seiner Liste von einer weiteren Person in einen Computer eingetippt werden; und erneut wurden zwei Arbeitsplätze geschaffen.

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Nützliches Vokabular

el caramelo – „Täfeli“ oder„Zältli“, je nach Dialekt
ahorita – südamerikanische Form für: in diesem Moment, jetzt
tener – haben; argentinisch ist die 2. Person Einzahl tenés statt tienes
el cajero automático – Bankomat
el efectivo – Bargeld
cancelar – lustiger Begriff.: wird zum Teil gebraucht zum bezahlen, heisst aber eigentlich eine Rechnung oder Schuld löschen.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Andere Länder, andere Sitten. Und wenn ich das so lese, dann merke ich einmal mehr, dass wir hier zu Lande einfach verwöhnt sind und manchmal auf hohem Nivea reklamieren. Uns ist es schon schleierhaft, wenn wir ein Hotel buchen und nichts von WLan steht – das setzen wir voraus, vor allem, dass es einwandfrei funktioniert.
    Dass ihr so viel erlebt, und dass auch immer lebhaft schildern könnt, macht das Lesen eurer Blogg mega interessant. Ich freu mich schon auf das nächste Erlebnis …. was hatten wir noch nicht?
    Macheds guät und hebed sorg !

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