¡Buena la Jineteada!

«Ding-ding!», das ist das erste Glockenzeichen. Der Gaucho rutsch erneut auf dem Pferd zurecht, das Scheuklappen trägt, festigt abermals den Griff mit der linken Hand, streckt beide Beine nach vorne. Steigbügel hat er keine, und der Sattel ist nur ein dickes Kissen, das ihn vor dem Nach-vorne-Rutschen bewahrt. Man reicht dem Reiter seine Peitsche. Ein Betreuer hält das Pferd mit einem geflochtenen Gurt am palenque fest, ein anderer Betreuer krault dem Pferd den Nacken. Auf einer riesengrossen Bühne beginnt ein anderer Gaucho mit Gitarre und heiserer Stimme ein traditionelles Folkorestück im Chacarera-Stil, während ein Sprecher den Reiter ansagt.

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«Ding-ding!», das zweite Glockenzeichen. Alle Nerven sind zum Zerreissen gespannt. Eine Sekunde … zwei … Jetzt saust die Peitsche auf den Hintern des Pferds, der Helfer zieht blitzschnell den Gurt und die Scheuklappen weg, und das Schauspiel nimmt seinen Lauf. Mit einem gewaltigen Sprung schnellt der Bronco vorwärts, rennt davon, macht Bocksprünge, windet sich nach links und rechts, stoppt unvermittelt und stellt sich auf die Hinterbeine. Macht wieder einen Sprung und stellt sich erneut auf die Hinterbeine, derweil der Reiter sich an seinen Griff klammert, die Peitsche schwingt, um das Gleichgewicht zu halten, jede Bewegung des Pferds ausgleichend. Der Sänger ist jetzt zum Sprechgesang übergegangen, zelebriert auf seiner Gitarre ein dramatisches Staccato nach dem andern, kommentiert die Geschicke des Reiters, seine Stimme wird rauer und rauer. Der Reiter hält sich auf dem Pferd. Nun mischt auch der Sprecher wieder mit, «¡Está buena la jineteada, está buena … buena … buena!». Zwei Reiter mit Pferd preschen von hinten auf den Gaucho zu, der sich so tapfer auf seinem Bronco hält.

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«Ding-ding!», das dritte Glockenzeichen, der Sprecher ruft, «tiempo … tiempo» — die 14 Sekunden sind um. Die beiden Reiter nehmen den Bronco ins Sandwich und ermöglichen dem Gaucho den Ausstieg von seinem Schleudersitz. Die drei Kampfrichter notieren ihre Wertung.

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Gaucho mit boina (Béret) und festen Stiefeln
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Der „Tätschmeister“; die Lederschürzen halten Dorne und Äste von den Beinen des Reiters fern

Das Rodeo ist als Turnier organisiert, in dem die Sieger in drei Kategorien erkoren werden:

  • ohne Sattel und Zaumzeug
  • Zügel und “Kissen” aber keine Steigbügel
  • Zügel, Sattel und Steigbügel.

In der ersten Kategorie können sich die Reiter bestenfalls 5 Sekunden auf dem Pferd halten. Aber bereits in der zweiten Kategorie bleiben die meisten die vollen 14 Sekunden oben. Die gefährlichste Kategorie ist aber die dritte, weil bei einem Sturz das Risiko besteht, dass der Reiter in den traditionellen, kreisrunden Steigbügeln hängen bleibt und mitgeschleift wird.

Dass wir hier in El Carril sind, haben wir Gabrielle und Robert aus Hongkong (mit Zweitwohnsitz in Grächen und unterwegs mit einem umgebautem 6×6-Duro) zu verdanken, die am Vortag einen Flyer von der Touristeninformation von Salta mitbrachten. Wir schnappten uns zu viert ein Taxi, um zu sehen, was die Argentinier unter Rodeo verstehen*. Das Festival entpuppt sich als 1A-Folklore-Anlass, zu dem viele Männer in verschiedenen, traditionellen Gaucho-Trachten erscheinen. Dank auch an unseren Freund Klaus, der uns schon im November ermuntert hatte, eine Jineteada zu besuchen.

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Je nach Art der Tracht ist das Schuhwerk sehr unterschiedlich
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Der Corral mit den wilden Broncos

Im Final der drei Besten jeder Kategorie kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem das Pferd sich gleich in der ersten Sekunde auf den Rücken schmeisst und den jungen Gaucho unter sich begräbt. Er bleibt liegen und wird mit der Ambulanz abtransportiert. Der Sänger improvisiert abermals heiser, «salió mal por el jinete (der Reiter hatte Pech)» und «pronto volverá a montar el caballo (bald wird er zurück sein)». Wer weiss … es sah schlimm aus.

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* ein australisches Rodeo hatten wir in Bedourie besucht

Nützliches Vokabular

el jinete — Reiter (das “j” wird in Spanisch als Schweizer-“ch” ausgesprochen)
la jineteada — Reitkunst, Pferdebeherrschung
el caballo — Pferd
el palenque — Pfahl, Pfosten
el chóripan — Wurst und Brot als Sandwich (el chorrizo: Wurst, el pan: Brot), auch hier typisch an Anlässen entsprechend “Bratwurst mit Brot”

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gaby Egli sagt:

    Hola Cachitos, das war ein Beitrag für mich! Hatte grad ein wenig Heimweh nach meinen Gaucho Zeiten in Argentinien 😉 Mit Sattel und Zaumzeug natürlich, aber völlig ungefährlich.
    Tolle Bilder und Eindrücke, muchas gracias!

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    1. uncachito sagt:

      Hoi Gaby
      Dein Kommentar freut uns sehr, und wir hatten uns auch schon mehrfach an Deine „Gaucho-Zeit“ 2008 erinnert :-). Merci viumau.

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