Am Río Grande

Fragt man in der Schweiz, «Wie ist der Weg nach X?», erhält man eine Charakterisierung der Landschaft, während die Frage, «Wie ist die Strasse nach X?» einen Strassenzustand zur Antwort hat. In Südamerika bedeutet die Antwort «Lindo (schön)» auf die Frage nach dem Weg, dass die Strasse geteert und in gutem Zustand ist, und nicht, dass die Landschaft schön ist. In Chile hatten wir gelernt, dass wir ausdrücklich auch nach Toren oder Barrieren fragen müssen, für die man einen Schlüssel benötigt, weil sonst selbst ein Ranger dieses kleine Detail vergisst … Heute werden wir eine weitere Lektion lernen.

Die Hauptstrasse F9 seit dem Grenzübertritt von Argentinien war bisher nicht besonders reizvoll, sodass wir entscheiden, diese nach 341 km in Ipitá zu verlassen, um über die Nebenstrasse 22 nach Vallegrande zu fahren (wo 1967 Che Guevara umkam). Die Strecke nach Vallegrande ist zwar 200 km lang, aber unterwegs gibt es (gemäss unserer detaillierten topografischen Karte) aber nur eine einzige Verzweigung mit Anschluss an das übrige Strassennetz.

Jetzt sollte also jeden Moment die Abzweigung in die “22” kommen. Da wir unserem Navigationssystem mehr vertrauen als der offiziellen Beschilderung, biegen wir links in die breite Schotterstrasse ein, auch ohne das erwartete Schild erspäht zu haben. Nach 200 m fragen wir eine Frau am Wegrand, ob wir auf der richtigen Strasse sind, und ob diese bis Vallegrande befahrbar ist. Sie bejaht und fügt an, die Strasse sei ziemlich regular (schlecht). Nach gut 10 km treffen wir auf eine Equipe von gelb gekleideten Männern, die mit Macheten und Mähern den Wegrand säubern. «Zum Fluss sind es 60 km, die sind sicher fahrbar, dann müsst Ihr den Fährmann fragen!». Aha, es gibt also einen Fluss, den man mit einer Fähre überqueren muss!

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Aus der Schotterstrasse wird ein Waldweg, dann sind es noch zwei Weggeleise, wir fahren kaum noch 20 km/h. Immer wieder arbeiten Gruppen von “Gelben”, und alle sagen, ja, man kann bis Vallegrande fahren. Wir durchqueren einen breiten Fluss, das Wasser ist kaum 40 cm tief, das Bett ist fest und die Strömung gering. Die Ausfahrt ist steiles, loses Geröll, aber Kasbah geht ja bekanntlich über und durch alles. 3 km weiter folgen wir einer kaum sichtbaren Radspur entlang einer Sandbank. Dann Endstation: die Spur endet am Wasser in einer rudimentären Fährstelle (auf Google Maps, weiter oben, ist die aktuelle Wegführung der „22“ nicht korrekt verzeichnet; der Marker bezeichnet die tatsächliche Fährstelle). Das ist der Río Grande, und er hat ziemliche Strömung. . Am anderen Flussufer steht etwas wie ein Zelt. Wir hupen — es regt sich nichts. Wir warten. Durch den Fluss zu fahren scheint unmöglich. Auch sehen wir keine Fähre. Zwar liegt am andern Ufer ein aus Brettern gezimmertes Floss, jedoch ohne Motor. Hier kommen wir also nicht rüber — umkehren?

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Das letzte Stück auf der Sandbank
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Die Fährstelle

Nach etwa 15 Minuten des Werweissens nähert sich gegenüber ein Taxi der ebenfalls primitiven Fährstelle. Ein Taxi, hier?? Es ist ein Taxifahrer mit Passagier und pontonero (Fährmann), der 12 km nördlich wohnt  — und im voraus avisiert werden muss! Letzterer zieht Stiefel und Hose aus, bindet das Holzfloss los, schiebt es im Wasser zur Fährstelle, bindet es wieder fest und legt dicke Bretter ans Ufer. Nun beginnt ein unglaubliches Schauspiel: der Toyota fährt mit viel Mühe aufs Floss, der Pontonero bindet dieses los und schiebt es im Widerwasser 20 m flussaufwärts. Dann dreht er es in einen 45°-Winkel zur Strömung; schiebt an, so fest er kann; springt auf; rennt zum Bug; ergreift ein zum Paddel gesägtes Holzbrett und macht ein Dutzend kräftige Stösse. Die Strömung ergreift das Floss, doch es nähert sich stetig unserem Ufer. Schliesslich erreicht es das diesseitige Widerwasser und trifft 5 m oberhalb der Fährstelle aufs Ufer. Der Fährmann springt ins Wasser und schubst das Floss in Position, bindet es fest, legt die Bretter zu Rampen aus. Voilà. Wir reiben uns die Augen.

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Hau ruck!
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Mal kräftig gepaddelt …
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… und fast punktgenau gelandet.

Er hätte auch schon Lastwagen grösser als unseren camioncito übersetzt, sagt der Pontonero nicht ohne Stolz. Oliver schreitet das Floss ab und beginnt zu rechnen: gut 3 m breit und 8 m lang sind gut 24 m2 Fläche. Kasbah ist aktuell maximal 3.6 Tonnen schwer, nach Archimedes sind das 3.6 m3 Wasserverdrängung, d.h. das Floss würde maximal 15 cm tiefer sinken. Seine Seitenwände sind gut 30 cm hoch — das müsste reichen! Trotzdem sind 3.6 Tonnen fast dreimal das Gewicht des Toyotas … Sollte das Floss auseinanderbrechen, würde Kasbah wohl noch eine zeitlang schwimmen und dann irgendwo stranden, wo man ihn kaum wieder aus dem Dreck herauskriegen würde. Der Pontonero würde und könnte keinerlei Verantwortung übernehmen … Und nun beginnt es auch noch zu nieseln.

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Vorne trägt es schon mal — und ist noch nicht auseinandergebrochen!
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Das Paddel ist so krud wie das Floss.
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Ein Mann schiebt locker 3.5 Tonnen Auto plus 2 Tonnen Floss!
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¡Llegado! (angekommen)

Wahrscheinlich haben wir den Pontonero für sein beeindruckendes Kunststück überzahlt, aber er hat uns sicher ans andere Ufer gebracht und uns ein Abenteuer beschert, von dem wir noch in 10 Jahren erzählen werden.

Am Ende werden wir für die 200 km fast zwei Tage brauchen und auf dem Schulhof eines klitzekleinen Weilers übernachten. Und in Zukunft werden wir also auch noch explizit nach Fähren und der Verfügbarkeit des Fährmanns fragen müssen.

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Nördlich des Río Grande ist es deutlich nässer
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Naiverweise glaubten wir, es sei bloss der Fussballplatz — am nächsten Morgen kommen die Lehrerin und die Schüler …

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Das ganze Tal ist extrem grün …
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… und die Leute ziemlich arm.
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Links des Wegs geht es genau so steil runter
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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Jeannine, Lieber Oliver

    Schon über ein Jahr ist es her, seit wir euch an der australischen Westküste kennengelernt haben… Und seit fast einem Jahr sind wir wieder fest in der Hand des Schweizer Alltags.
    Euer spannender, abenteuerliche und aussergewöhnliche Blog führt uns für einen Augenblick raus in die weite Welt, wo ihr euren Reisealltag mit völlig anderen „Baustellen“ zu bewältigen habt. Wahnsinn was ihr alles erlebt!
    Geniesst eure Reise weiterhin in vollen Zügen, allzeit gute Fahrt und nette Menschen die euch wohlgesinnt sind.

    Viele Grüsse aus der Innerschweiz
    Andrea und Ueli

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    1. otrocachito sagt:

      Salut zäme. Toll von Euch zu lesen. Natürlich erinnern wir uns sehr gut an Euch und unsere Begegnung. Es war die Zeit des Fliegenalarms in WA …
      Wie Ihr schreibt, bewirken unsere Beiträge bei Euch genau das, was wir möchten; dass die Leser für einen Moment mitreisen und den Alltag vergessen können. MERCI. Wie sieht es mit Eurem Südafrikaprojekt aus?
      Lieber Gruss und Sonnenschein wünschen Euch J&O

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      1. Ui, ich habe gar nicht bemerkt das ihr da noch auf eine Antwort wartet. Exgüsi. 🙂 Das Südafrikaprojekt ist inzwischen bereits wieder Geschichte. Wir waren im Juli für 3.5 Wochen mit einem 4×4 Toyota Hilux Camper in Namibia unterwegs. Vor allem die fantastischen Tierbegegnungen bleiben in unseren Erinnerungen. Auch die vielfältige Landschaft hat uns gefallen. Wir haben nicht gezählt wie oft wir gesagt haben „das gsehd us wiä in Westaustraliä, nur d‘ Fleugä fählid…“ 😉

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  2. Stefan Graber sagt:

    Das das alles funktionierte ist ja schon super. Braucht aber ein bisschen Mut das Ganze.

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    1. otrocachito sagt:

      Salut Stefan
      Ja das war sehr abenteuerlich und wird wohl als eines der Action-Highlights in unser Reisetagebuch eingehen.

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