Hallo, Taxi!

Der Taxifahrer bittet uns, auf der linken Fahrzeugseite einzusteigen, weil rechts eine Riesenpfütze ist. Losfahren wird er, sobald sich fünf Passagiere gefunden haben. Nach drei Minuten setzt sich ein Jüngling zu uns auf die Rückbank, der Fahrer telefoniert draussen, dann steigt er ein, «¡Vamos!, wir laden später noch zwei Personen ein».

Die Stadt Santa Cruz hat 1.6 Mio Einwohner, ist der Wirtschaftsmotor und soll ganz anders sein als die anderen Städte Boliviens. Speziell sei in Santa Cruz nichts von der vermeintlichen Altiplano-Romantik Boliviens zu sehen, zu der das Land von Besuchern gerne reduziert wird, die aber in Wirklichkeit Armut und täglicher Überlebenskampf der Hochlandbauern ist. Evo Morales hat in Santa Cruz wenig Unterstützung, und eigentlich möchte sich die ganze Provinz lieber von Bolivien abspalten.

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Verunstaltete Wahlpropaganda: „Evo taugt nichts“

Auf der anderen Seite ist die Stadt nicht mit Touristenattraktionen gesegnet und wird entsprechend wenig besucht. Grund genug für uns, Santa Cruz einen Besuch abzustatten. Und da ein Camper in einer grossen Stadt ein hinderliches Utensil ist, nehmen wir das Taxi und lassen Kasbah in Samaipata bei Susanne und Werner stehen, Schweizer Auswanderer im Pensionierungsalter, die vor zehn Jahren nach Bolivien kamen.

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Camping auf der Finca La Vispera, links oben das Haus von Susanne und Werner

Taxis und Busse sind in Bolivien die am häufigsten verwendeten Transportmittel. Die Mehrheit der Bolivianer kann sich kein Auto leisten; wer eines hat, nimmt so viele Passagiere mit, wie hineinpassen. Unser Sammeltaxi ist in durchschnittlichem Zustand, die Automarke kennen wir nicht.

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Wahrscheinlich handelt es sich um einen Occasionsimport aus Japan, denn nachträglich wurde von Recht- auf Linkslenkung umgebaut. Auch die Pedalerie wurde verschoben, doch die Instrumenteneinheit blieb rechts. Das spielt keine Rolle, denn ausser Tankuhr und Blinkeranzeige funktionieren keine Instrumente mehr. Auch nicht der Tacho.

Ausgangs Samaipata halten wir bei einem Haus, der Fahrer hupt. Die eher rundliche Frau mit ihrem eher rundlichen, ca. 12-jährigen Sohn hat einiges an Gepäck. Im Arm trägt sie eine zusammengefaltete, synthetische Wolldecke, die sogleich zum Einsatz kommt: die beiden teilen sich nämlich den Beifahrersitz, die dunkelblaue Wolldecke kommt als Kissen auf den Handbremshebel. Als nächstes bittet die Frau den Fahrer um einen 12-Volt-Adapter und steckt ihr Handy an, das uns zuerst mit Volksmusik und später mit Latino-Rhythmen beschallt.

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Wir fahren los. Der Fahrersitz lehnt nach hinten, der Fahrer nach vorne. Der obere Teil der Windschutzscheibe ist mit einer Sonnenschutzfolie zugeklebt. Am Rückspiegel baumelt ein Rosenkranz. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Zierteppich mit Fransen und Möchte-gern-Aufdruck “TOYOTA”, der aber vor allem die Schlitze der Windschutzscheibenbelüftung verdeckt, sodass nun, wegen des Nieselregens, die Scheibe anläuft. Auf der Aussenseite müht sich im Zeitlupentempo ein Scheibenwischer ab, doch bis der Fahrer durch das Seitenfenster aus einer PET-Flasche etwas auf die Scheibe giesst, hilft auch das nicht viel. Schalten fällt schwer, weil die Beine der Frau im Weg sind.

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Ein Lautsprecher, wo einst das Steuerrad war

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Die Strasse — im Prinzip durchgängig geteert — ist stellenweise in einem fürchterlichen Zustand, wir bewegen uns oft in Slalomfahrt oder ganz auf der Gegenspur. Das ist aber weniger gefährlich als es tönt, denn der Gegenverkehr kommt auch nicht schneller voran als wir. Gurten trägt auch keiner.

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Auf den Hauptstrassen hat es oft alle paar hundert Meter einen rompemuelle (Federnkiller)

Unterwegs halten wir zweimal an, damit sich zuerst der Fahrer und später die Frau mit Essen eindecken können, das am Strassenrand verkauft wird. Nach gut drei Stunden (120 km) erreichen wir Santa Cruz und bezahlen 30 Bolivianos pro Person (gut 4 Franken). Eigenartig: Fahrten innerhalb der Stadt kosten nie weniger als 15 Bolivianos.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klaus Loosli sagt:

    Hola amigos

    Geniesst die Taxi Fahrt zurück nach Samaipata, den Ort habe ich in guter Erinnerung. Dort war ich das letzte Mal für lange Zeit im Wald, machte eine schöne Tour mit Guide zu den helechos gigantes… Auch El Fuerte war sehr spannend, bin schon gespannt was ihr noch rausfindet und auf eurem Blog postet… Vielleicht ist ja mittlerweile wieder ein UFO auf der Landepiste gelandet 😉 Ich fuhr dann nicht zur letzten Wirkungsstätte vom Che, alle haben mir gesagt es wäre demasiado difficil, weil ich noch nicht an die Höhe akklimatisiert war und auch sonst noch nicht in „Bergform“, habe ich dann eine andere Route nach Sucre gewählt, über Aquile wars sehr schön.

    Saludos Klaus >

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    1. otrocachito sagt:

      Claudio, wir sind immer wieder erstaunt wo Du überall warst mit Deinem Condor und natürlich Monki und wie Du Dich an jeden Kilometer zurück erinnerst. Das ist wohl das Glück der Radfahrer! Es ist wirklich schade, hatten wir in der Region um Samaipata viel schlechtes Wetter und sahen den Parque Nacional Amboró nur im Nieselregen und Nebel. Pero bueno, was darf man von einem Nebelwald erwarten …? Tolle Biketouren im Ländle wünsche wir Dir

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  2. Stefan Graber sagt:

    Einmal mehr kann ich nur sagen – andere Länder andere Sitten. Für uns kaum vorstellbar, aber es funktioniert. Und so wie es scheint, sind die Gefahren gar nicht so gross. Aber für den Kasbar wäre das wirklich nichts. Sehr erlebnisreich eure Ausflüge; bin gespannt, was als nächstes kommt.

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