In Argentivien

Gefährlich sei es nicht, von unserem hübschen Boutique-Hotel im Südwesten von Santa Cruz, zu Fuss ins Zentrum zu gelangen. Mindestens nicht tags über. Versichert uns Nicole, die quirlige Besitzerin des Casa Patio.

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Zur Abwechslung auf den Komfort von Kasbah verzichtet für ein hübsches Cottage

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Auch das Morgenessen wurde uns serviert im stilvoll eingerichteten Esszimmer

Das Strassennetz in Santa Cruz ist in Ringen organisiert. Busse verkehren auf dem jeweiligen anillo oder in den Verbindungsstrassen zu den Ringen. Das gibt ein einfaches Preismodell. Nicht nur für Busse, auch für Taxis.

Wir marschieren los und stehen schon bald in einem der grössten Märkte der bevölkerungsreichsten Stadt Boliviens (1.6 Mio). «Diese Umgebung ist duftschwanger mit üblen Gerüchen, weil auf dem Mercado Abasto wirklich alles verkauft wird», wurden wir gewarnt. Vielleicht dringen wir zu wenig ins Herz dieses Marktes vor, oder sind zu spät unterwegs, denn wir finden es eindrücklich, aber nicht abstossend. Kartoffeln gibt es hier in dutzenden von Varianten. Die Säcke sind randvoll. Um sie trotzdem transportieren zu können, wird ein Stoffdeckel in groben Stichen von Hand aufgenäht. Die Bauernfamilien verkaufen ihre Ware selbst und kommen zum Teil von weit her. Die Frau bietet die Ware feil, während sich der Mann zwischen den Säcken ausruht und schläft. Er hatte in der Nacht den beladenen Lastwagen nach Santa Cruz gefahren, und die Verkäuferin schlief auf der Ladefläche zwischen den Kartoffelsäcken.

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Kleine Werkstätte am Strassenrand erwecken unsere Aufmerksamkeit. Allen voran die Schuhmacher, die anscheinend gefragt sind hier. Im Gegensatz zu einer argentinischen Stadt, wo es an jeder Ecke einen Lustrabotas hat, geht es hier nicht um blitzblanke Treter, sondern um solche, die ihren Zweck wieder erfüllen sollen. Das zeigt, wo die Bolivianer, gegenüber den wirtschaftlich viel besser gestellten Ländern Argentinien und Chile, stehen.

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Der gut ausgerüstete Schuhflicker mit Dach über dem Kopf …
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… im Gegensatz zu diesen Herren, die sich einfach an den Strassenrand setzen
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Ein Lustrabotas mit seinem Kunden in Argentinien 

Trotzdem sind wir einigermassen erstaunt, dass Santa Cruz in Teilen eine moderne Stadt ist mit vielen teuren und sauber geputzten Fahrzeugen (mit Vorliebe SUVs), Villenquartieren mit Privatschulen hinter grosszügigen Gartenanlagen, Shoppingmalls und Kinokomplexen in nordamerikanischem Stil und einer Auswahl an teuren Restaurants mit noch teureren Weinen im Angebot.
Diese Stadt hat mit Argentinien viel mehr gemeinsam als mit ihren Schwesterstädten in den Anden Boliviens.

Nach einer knappen Stunde in den lebendigen Strassen von Santa Cruz sind wir im Herzen der Stadt angelangt, der Plaza 24 de Septiembre. Ein wunderschöner Platz, mit schattenspendenden Bäumen, einem Denkmal in der Mitte und unzähligen Bänken, die zum Verweilen und Beobachten einladen. Er ist umgeben von meist neu renovierten Gebäuden im Kolonialstil, mit Balkonen und Galerien.

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Eher zufällig, hinter einer geschlossenen Tür, entdecken wir ein Informationsbüro. Zwar ohne Bedienung aber mit wertvollem Material. Dort finden wir unter anderem Material über die Stadt, inklusive eines kostenlosen Führers zu einem Spaziergang im Casco Antiguo. Beschwingt ob dieser neuen, aktuell scheinenden Informationsquelle, starten wir den Spaziergang und lernen dank des guten Faltblattes viel über Geschichte und Architektur der Gebäude.

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Der kleine, historische Kern ist umgeben von Märkten aller Art. Warenhäuser gibt es hier nicht, alles wird auf den entsprechenden Märkten erstanden, in denen das Angebot zwischen den Ständen verblüffend gleich ist. Wir ziehen weiter nach Osten. Das Gedränge auf und in den Strassen wird dichter, die eine oder andere kurlige Person kreuzt unseren Weg. Die teuer gekleideten Damen haben sich in Luft aufgelöst und die sympathischen Strassenverkäufer mit frischem Orangensaft und Kaffee sind auch weg. Unser Bauchgefühl heisst uns umzukehren. «Ja, der mercado de pozos ist nicht empfehlenswert für gringos», bestätigt uns Nicole im Nachhinein und bestellt ein Taxi, das uns in ein schönes Restaurant fährt.

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Da schlägt das Herz jedes Reisenden höher, bei diesem Angebot!
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Schönes Früchteangebot – dem Verkehr ausgesetzt

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Nützliches Vokabular

la casa – Haus
el patio – Innenhof
el anillo – Ring
el abaste – Versorgung / Vorrat
el mercado de abasto – Grossmarkt
el lustrabotas – Schuhputzer
el casco antiguo – Altstadt
el pozo – Brunnen / Schacht
el gringo – Ausländer

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Beat Ambühl sagt:

    wow, ein toller ausflug habt ihr da gemacht – sehr interessant und gedankenanregend…!! weiterhin viel gwunder und wachsame (foto) augen;-)

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  2. Stefan Graber sagt:

    Da habt ihr ja fast schon Luxus gehabt im Vergleich zum Kasbar. Wart ihr es überhaupt noch gewohnt, mit sooo viel Raum umzugehen?
    Erstaunt bin ich darüber, wie eine Grossstadt funktioniert, trotz der Gegensätze. Auf der einen Seite ein offener Markt; alles auf der Strasse ausgebreitet. Auf der anderen Seite wiederum sehr schöne Bauten und Leben wie wir es in unseren Breitengraden kennen.
    Weiterhin so schöne Reiseerlebnisse wünsch ich euch

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    1. otrocachito sagt:

      Stefan, man vergisst schnell, dass wir beim Reisen gar nicht so enge Platzverhältnisse haben, denn unser Garten ist der grösste der Welt und zudem ändert er fast täglich. Pflege braucht er auch keine und somit ist Kasbah auf Reisen einfach das perfekte Haus!
      Mittlerweile haben wir noch einmal 4 Tage in Santa Cruz verbracht, diesmal mit Kasbah und haben noch ein anderes Santa Cruz kennen gelernt. Das Ärmere und chaotischere, aber reizvoll ist es allemal in solche Welten einzutauchen. Weiterhin viel Freude beim Lesen und danke für Deine Treue

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