Schmid, Roth & Co.

Santa Ana de Velasco ist bereits die vierte ehemalige Jesuitenmission, die wir in der bolivianischen Region Chiquitania (früher: Chiquitos) besuchen. Luis Rocha Peña («soy el custodio del templo (ich bin der Tempelwächter)») steigt vor uns die Holztreppe zum Chor der Missionskirche empor, schliesst die Türe auf und tritt ins Dunkel hinein. Wir folgen ihm, sehen aber nichts, bis er die grossen Fensterläden öffnet, und das Licht durch die Hauptfassade in diese Galerie über dem Hauptschiff dringt. Neben dem Fenster steht ein uralter, grosser, bemalter Holzschrank. Luis öffnet zwei Türchen — und erst da merken wir, dass der “Schrank” eine Orgel ist. Der Jesuitenpater Martin Schmid habe diese Orgel 1751 in Potosí eigenhändig gebaut und mit Maultieren über 1000 km in den Osten Boliviens transportiert.

Luis startet den heute elektrisch betriebenen Blasebalg und spielt exklusiv für uns ein barockes Orgelstück.

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Die Orgel hatte original zwei manuell betriebene Blasebälge (rechts unten im Bild). Heute übernimmt eine kleine Elektroturbine die Blasarbeit.

Die Jesuiten gründeten in Bolivien zwischen 1691 und 1760 elf Missionen in einheitlichem Stil, in welchen sie die Indios vor Sklaverei und Ausbeutung beschützten, sie ausbildeten und ihnen “Kultur beibrachten”, um sie zu evangelisieren.

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Die Missionen waren nach demselben Muster und in derselben Bauweise angelegt
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Die bis heute erhaltenen Missionskirchen im Osten Boliviens
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Strasse in Kolonialarchitektur in Conceptión

Das Jesuitennetzwerk war wirtschaftlich so erfolgreich, dass es dem spanischen König ein Dorn im Auge wurde, und er die Jesuiten 1767 per Dekret aus Südamerika auswies. Die Indios in den Missionen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits viel Handwerkskunst und Kultur angeeignet. Dennoch ist es äusserst erstaunlich, dass sie weiterhin die Kirchen auch ohne die Missionare unterhielten — ja sogar neue im selben Stil bauten; dass sie die Zeremonien pflegten und Musik auf selbst gebauten Streich- und Holzblasinstrumenten, auf Orgeln und Harfen spielten. Bis in die heutige Zeit! 1990 erklärte die UNESCO sechs der Missionskirchen zum Weltkulturerbe, darunter die Kirche von Santa Ana, in der wir gerade dem Orgelspiel von Luis Rocha lauschen. Seit 1996 gibt es in den Kirchen und auf den Plazas der ehemaligen Missionen alle zwei Jahre ein Festival für Barock- und Renaissance-Musik “Chiquitos-Style”.

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Missionskirche in Santa Ana de Velasco
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Originalmalerei. Alle Baustoffe und Farben wurden aus lokalen Rohstoffen gewonnen

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Missionskirche in Conceptión

Wir entdecken hier aber nicht nur faszinierende Bauten mit eigenständiger Architektur, sondern reisen auch auf den Spuren von Schweizern, ohne die es hier kein UNESCO Kulturerbe gäbe. Der Jesuitenpater Martin Schmid (1694–1772) stammte nämlich aus Baar, ist der Architekt von mindestens drei der Missionskirchen; hat massgeblich deren Architekturstil geprägt; hat die Indios den Bau und das Spiel von klassischen Musikinstrumenten gelehrt; hat Chöre und Orchester gegründet; und hat Musikstücke komponiert, die heute noch gespielt werden.

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Beichtstuhl
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Das Portal der ersten von Schmids Kirchen in San Xavier im von Schmid begründeten Stil

 

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Heute ist man Stolz auf die mehr als 300 Jahre alte Musiktradition

1957 reiste der Churer Jesuit Felix Plattner mit seinem Landrover entlang den ehemaligen Jesuitenmissionen Südamerikas. Im Osten Boliviens stellte er mit grossem Erstaunen fest, dass es gut erhaltene Originalkirchen aus dem 18. Jht gibt, während die meisten Jesuitenkirchen in den anderen Regionen nicht mehr existierten. Plattner motivierte den Architekten, Philosophen und Theologen Hans Roth (1934–1999, aus Zürich), 1972 für sechs Monate in die Chiquitania zu reisen, um die Kirche in San Raphael de Velasco zu restaurieren. Roth blieb 27 Jahre; restaurierte sämtliche Chiquitos-Jesuitenkirchen; baute über 100 neue Gebäude in der Region; gründete handwerkliche Lehrstätten für die Einheimischen (Holz-, Metall- und Steinbearbeitung, Malen, etc.); und förderte die musikalische Ausbildung im traditionellen Stil. Santa Ana de Velasco war die letzte Kirche, deren Restauration er 1997 begann. Luis Rocha war einer seiner Mitarbeiter.

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Die Kirche von Conceptión vor der Renovation
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Die typischen gedrehten Säulen (San Xavier)
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San Rafael de Velasco
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Ein Detailmodell von Hans Roth
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Die typischen Innenhöfe und Glockentürme (San Xavier)
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Decke der Sakristei von San Miguel
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Ornament (San Miguel)
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In San Miguel trägt San Paulus den Kopf von Hans Roth 🙂

Nachdem Luiz zu Ende gespielt hat, führt er uns durch die Kirche, von der er jedes Restaurationsdetail kennt. Dabei erzählt er uns Anekdoten zu Hans Roth.

Mehr über die Jesuitenmissionen in Chiquitos findest Du in diesem ausgezeichneten Wikipedia-Eintrag (englisch).

Nachtrag vom 12.8.2016: Die NZZ hat gestern zwei ausführliche Beiträge — sozusagen in Ergänzung zu diesem Blog-Eintrag — veröffentlicht: hier und hier.
Danke für den Hinweis, Hubert!

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Einmal mehr ist zu sehen, wie die Menschen, die wenig haben, am Glauben und damit verbunden an einer Kirche hängen. Das Gebäude ist sehr gut unterhalten und so wie es aussieht, wird auch einiges investiert.

    Gefällt mir

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