Durch die zweite Schweiz

Der Lastwagen vor uns bremst ab, schliesslich hält er und schaltet die Warnblinker ein. Auf der Gegenspur kommt uns ein Sattelschlepper nach dem anderen entgegen. Wir warten einige Minuten und wundern uns, dass immer wieder Personenwagen rechts an uns vorbeifahren. Jeannine schert ebenfalls auf den Randstreifen aus, und wir sehen, was los ist: Lastwagen so weit das Auge reicht. Wir folgen den Autos, die nach ein paar hundert Metern in einen Feldweg einbiegen. Diesem holpern wir mehrere Kilometer entlang und sehen den Grund für den Stau: die zweispurige Strasse wird zu einer vierspurigen erweitert — ein Bild, das wir über die nächsten 600 km noch oft sehen werden. Just als unser Feldweg wieder in die Strasse einmündet, endet der Gegenverkehr, und wir können in die Lücke schlüpfen. Dann rollen die Brummis von hinten an. Ufff, dieser Schleichweg hat uns wohl mindestens eine Stunde Stau-Stehen erspart!

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Schon wieder Stau: hier an der Grenze zu Mato Grosso do Sul

Wir sind im brasilianischen Gliedstaat Mato Grosso (ausgesprochen “matu grossu”) unterwegs von Cuiabá nach Campo Grande (“campu graanschi”) auf der ausgezeichnet unterhaltenen Landstrasse, die bis in die 20-Mio-Metropole São Paulo führt.

Die Landschaft ist grosszügig, rollende Hügel, dazwischen sind Fazendas (Höfe) eingestreut. Die Mais- und Sojafelder reichen bis zum Horizont. Alle 5 bis 10 km stehen riesige Silo- oder Verarbeitungsanlagen. Ab und zu hat es ebenso weitläufige Rinderweiden oder Baumwollplantagen.

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Soja bis zum Horizont
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Soja hinter der entstehenden 3. und 4. neuen Spur. In der Distanz eine Verarbeitungsanlage.
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Mais. In der Distanz die Silos.

Die meisten Lastwagen transportieren denn auch Schüttgut: Mais- und Sojaprodukte Richtung São Paulo; Saatgut, Dünger und Herbizide auf dem Rückweg. Noch nirgends auf der Welt haben wir so viele Lastwagen gesehen! Es sind in der Regel Sattelzugmaschinen mit einem Auflieger und einem Anhänger und insgesamt sieben Achsen, aber wir sehen auch Gespanne mit bis zu 10 Achsen. Fast alles moderne europäische Zugfahrzeuge. Volvo und MAN sind sehr beliebt, aber Scania macht wohl mehr als die Hälfte aus. Das ist kein Zufall, denn Scania (seit 2008 Teil der Volkswagen-Gruppe) produziert schon seit 1962 in São Paulo, aktuell gegen 20’000 Fahrzeuge pro Jahr.

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Scania dominiert

Alle 50 bis 100 km stoppt uns eine Zahlstelle. Anders als in Bolivien sind hier die Preise und Kriterien transparent. Unser Bremach fällt in die Kategorie “leicht”, wie die Autos. Es kostet jeweils so um 5 Reais (CHF 1.30). Die Lastwagen bezahlen denselben Preis — pro Achse. Meist befindet sich gleich neben der Mautstelle eine SAU: ein “User Helpdesk” der Landstrasse, der über Toiletten, ein Ambulanzfahrzeug und einen Abschlepplastwagen verfügt. Rastplätze gibt es keine, diese Funktion übernehmen die Tankstellen.

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Moderne Zahlstellen inkl. automatischer Abwicklung (rechteste Spur)
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SAU — Serviço de Atendimento ao Usuário
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Hier wird unser Nachtplatz sein, …
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… und gleich weiter, sobald es hell ist — die Tage sind kurz genug.

Wie wir so pro Minute mehrere Lastzüge kreuzen, ab und zu einen überholen oder von einem überholt werden, fragen wir uns, wohin denn all die Agrarerzeugnisse hingehen. Da erinnern wir uns an einen exzellenten und augenöffnenden Artikel in der NZZ am Sontag, der mit Die zweite Schweiz betitelt war.

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Bild: NZZ am Sonntag

Darin erklärt der Autor die wichtigsten Merkmale und Probleme der Sojaproduktion in genau der Region, die wir im Moment durchfahren: Mato Grosso. Als Kernaussage ist uns in Erinnerung geblieben, dass allein für das Soja, das in der Schweiz an Tiere verfüttert wird, in Brasilien eine Fläche benötigt wird, die ebenso gross ist wie die gesamte Schweizer Ackerfläche.

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In der nächsten Steigung haben wir einen schwer beladenen Truck vor uns, der mit 30 km/h den Hügel hochkriecht. Die Chancen stehen gut, dass die Soja-Ladung unter seiner Plane dereinst in der Schweiz von Kühen oder Hühnern gefressen wird. Nicht gerade eine erbauliche Feststellung, aber immerhin eine zum Drüber-Nachdenken.

P.S. Für unsere Leser, die die neuen Blogeinträge als Email erhalten: die Version auf unserer Website enthält jeweils zusätzlich ein Titelbild und (fast immer) eine Google-Karte, auf der der Eintrag geografisch verortet ist. Auch kann man dort Kommentare zu unseren Einträgen hinterlassen 😉

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Das Mähen von Soja ist nicht so wie in der Schweiz, dafür aber der Lastwagenstau (Gotthard lässt grüssen).
    Geniesst Eure Reise und hebet sorg!

    Gefällt mir

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