In den Strassen Boliviens

Bolivien ist in allen Aspekten anders als Argentinien, Chile und Brasilien und erst recht im Strassenalltag – muy distinto.

Vor 15 Jahren gab es in Bolivien praktisch noch keine carreteras (Teerstrassen). Heute existieren solche, aber die meisten sind noch im Bau. Wir passieren unzählige Baustellen. Der Maschinenpark scheint oft von Chinesen zur Verfügung gestellt. Dahinter vermuten wir chinesische Absichten, Gebiete mit wertvollem Holz oder Bodenschätzen zu erschliessen. Verkauft wird es jedoch als Entwicklung und Anschluss des campos an die Städte. In der Region Alto Beni (siehe Karte) wird gerade die fürchterlich schlechte Strasse — wir kommen teilweise mit weniger als 20 km/h voran — zwischen Yucumo und La Paz verbessert und stellenweise geteert. Anstatt den Verkehr einspurig zu führen, sind drei Strassenabschnitte zwischen 6 Uhr morgens und 5 Uhr abends gesperrt (ohne Vorankündigung, versteht sich). Dies kostet nicht nur Reisende sondern vor allem die Bolivianer eine Menge Zeit, die aber kaum einen Wert hat in diesem Land. Im Tiefland östlich von hier, im Einzugsgebiet von Santa Cruz, war jede Baustelle, die wir passierten, mindestens einspurig befahrbar. Eine Massnahme des gobiernos, den Unterländern den Zugang nach La Paz zu erschweren und den Fortschritt zu behindern? (Dazu muss man wissen, das Evo Morales seine Gegner vor allem im Tiefland hat).

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Eine neue Brücke wird gebaut
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Alte Brücke, nebenan wird die neue gebaut
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Das weisse Schild informiert über die Strassensperre von 6 Uhr bis 17Uhr. Allerdings muss man bis hierhin kommen, um davon zu erfahren …
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Kurz bevor die Barriere aufgeht, wir auf allen Spuren gedrängelt, was das Zeug hält

Wir sind also gezwungen, in der Dunkelheit zu fahren, was wir sonst tunlichst meiden. Es ist abenteuerlich. Beim Eindunkeln macht kaum einer Licht – wohl um die Lebensdauer der Glühbirnen zu verlängern …
Die Mopeds kommen uns auf der falschen Strassenseite entgegen, Leute ohne Reflektoren marschieren im Dunkeln entlang der Strasse, Lastwagen haben kein Rücklicht, was auf einer staubigen Schotterstrasse besonders gefährlich ist, Familien sitzen im Kreis am Strassenrand oder halb in der Strasse. Und als ob dem nicht genug wäre, hat es auch überall streunende Hunde, Katzen und Rinder. Es braucht vier aufmerksame Augen, um niemanden zu touchieren.

Am Tag gefällt es uns besser. Das typische bolivianische Haus ist aus Brettern gezimmert und hat im Tiefland ein Dach aus Blättern der jatata-Palme, eine Wäscheleine (oder auch einfach einen Zaun), die permanent mit Kleidern behängt ist, Hühner und Schweine. Eine Siedlung wird oft angekündet durch vermehrten Abfall am Strassenrand oder einer „Küderhalde“, in der sich Geier und zum Teil auch Schweine und Pferde gütlich tun. Im Dorfkern ist dann die Strasse gesäumt von einfachen Verkaufsständen. Supermärkte gibt es ausschliesslich in Grossstädten wie Santa Cruz, ansonsten wird auf der Strasse eingekauft und gegessen. Wer sich keinen Verkaufsstand leisten kann, füllt seinen Kombi mit den Mandarinen, die er zu verkaufen hat, oder präsentiert sie in einer Schubkarre am Strassenrand.

Entlang der wichtigen Strassen hat es regelmässig Hinterhofmechaniker und in den Dörfern immer mehrere Gomerías, Schweisser, Stellen für Ölwechsel und jede Menge repuestos. Keiner benutzt eine Werkbank oder andere Hilfsmittel. Geflickt oder geschweisst wird am Boden, ohne Schutzbrille und in Flip Flops.

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Das „25×5“ bedeutet 25 Mandarinen für 5 Bolivianos (=CHF 0.70) – billig und es erst noch erstklassige Qualität

Mit Kasbah in einer Grossstadt unterwegs zu sein, ist kein Vergnügen. Zumindest wird uns an jedem Lichtsignal etwas (an)geboten. Essen und Trinken wird verkauft in einer Form, die es auch einem Fahrer erlaubt, seinen Durst oder Hunger sofort zu stillen: Fermentierte Getränke in einem kleinen Plastiksack mit Strohhalm, extrudierte Mais-Chips, Zuckerrohrstücke, golosinas. Daneben versuchen Strassenkünstler, sich in der Rotphase ein Taschengeld zu verdienen. Sie balancieren Bälle, jonglieren Keulen, und der neuste Trend sind Breakdance-ähnliche Darbietungen. Die meisten jedoch sorgen für saubere Scheiben und erhalten dafür ein paar Centavos.

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Das Angebot am Strassenrand ist vielseitig und wird fleissig genutzt
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Szene am Lichtsignal in Santa Cruz

Mehr als 60% der Autos und motos, die uns entgegen kommen, sind Taxis. Der Rest sind Lastwagen, Firmenautos (meist camionetas wie der Toyota Hilux), wenige Privatautos und Motorräder. Im Tiefland fahren fast alle Autos und Motorräder ohne Nummernschild — und damit ohne Haftpflichtversicherung. Alle Fahrzeuge sind gut besetzt. Auf einem Motorrad sitzen bis zu fünf Personen (falls Kleinkinder dabei sind), in den Autotaxis des Typs Van acht Passagiere (ohne Kinder). In ländlichen Gegenden begegnen uns auch Fahrräder — falls man sie denn sieht in den Staubwolken.

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Dieses Mototaxi hat noch ungenutzte Kapazität …
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Typisches Taxi des bolovianischen Tieflandes (Toyota Ypsum) auf einer typisch staubigen bolivianischen Strasse.
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Kein ungewöhnliches Bild – solche Autos kreuzen oder überholen wir des öfteren

 

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Etwa einmal monatlich bekommt Kasbah eine professionelle Wäsche – ist definitiv kein Luxus bei den Strassenbedingungen in Bolivien

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Nützliches Vokabular

muy distinto – sehr verschieden / anders
el campo – Land (im Gegensatz zur Stadt)
el gobierno – Regierung
la gomería – Reifenflicker
las golosinas – Süssigkeiten
los repuestos – Ersatzteile
el moto – Motorrad
la camioneta – Lieferwagen

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