Tatort Urwald

Dieser Geier hier vorne, den wir durch unsere Gegenwart vertreiben, ist untypisch, meint Noé, unser noch nicht 30-jähriger Führer durch den Urwald Boliviens. Es ist derselbe Noé, der uns im letzten Blogeintrag durch sein Dorf San José de Uchupiamonas geführt hat.

Der 108 Millionen Hektaren grosse Nationalpark Madidi bietet verschiedene Habitate. Vom schwül-heissen Tiefland bis zu 5500 m.ü.M. hohen Bergen in den Anden. Wir sind im Tiefland, an den Ufern des Río Tuichi, welcher den ganzjährigen Zugang in den Park gewährleistet.

OR_2016-07-17_02680
Die Bootsfahrt auf dem Rio Tuichi ist nicht immer ein Sonntagsspaziergang. Bei Hochwasser sehr gefährlich, und bei tiefem Wasserstand ist es ein Kunststück, das Boot nicht auf den Steinen festzusetzen. In kritischen Situationen hilft Oli mit!

Zurück zum Geier: der macht sich aus dem Staub, und Noés Detektivgeist ist geweckt — unserer auch, obwohl wir noch nicht verstehen, was für ein Krimi hier abläuft. Es ist nämlich ein Königsgeier, der sich nicht mit kleiner Beute wie Mäusen abgibt, sondern mit grosser wie Wildschweine. Noés Spürnase vernimmt einen leichten Verwesungsgeruch. Diesem folgt er. Mit Hilfe der Machete bahnt er uns einen Weg durchs Unterholz, und schon bald müssen wir uns die Nase zuhalten, um nicht ohnmächtig zu werden ob dem Gestank. Da liegt doch tatsächlich, kaum noch erkennbar, der Schädel eines Wildschweins mit wenigen Anhängen. Auch das Fell ist grösstenteils weg.

OR_2016-07-18_02714
Da gehts ins Unterholz
OR_2016-07-18_02717
Kratzspuren des Jaguars am Baum
OR_2016-07-18_02718
Was vom Wildschwein noch übrig ist …

Jetzt beginnt Noé mit seiner Kombinatorik und seiner langen Jagderfahrung, den Fall zu rekonstruieren. Heute Morgen sind wir einem frischen, grossen Fussabdruck eines Jaguars begegnet. Der treibt wohl sein Unheil hier!

OR_2016-07-21_02875
Noé ist erstaunt: noch selten hat er eine so grosse Pranke gesehen …

Aber dieser Kadaver ist eher von vorgestern. In der Umgebung entdeckt Noé junge Bäume, deren Kronen geknickt sind. «Vom Jaguar»? wundern wir uns. Ja, das macht er, um seine Beute besser zu sehen, denn er lauert in den Ästen eines grösseren Baums und springt sein Opfer gerne von oben an. Die andere Strategie ist die Hetzjagd, aber davon ist hier nichts zu sehen. Wohl aber von seinen Krallen am Stamm eines grösseren Baumes. So hat er wohl das hinterste Tier der Wildschweinherde angefallen und getötet. Er frisst sich dann als erster satt, teilt den „Braten“ mit seiner Familie, und erst am Schluss kommen die Raubvögel, Würmer und Insekten.

OR_2016-07-19_02786
Diesen Beweis finden wir später auf unserem Spaziergang. Kot eines Jaguars mit vielen unverdauten Wildschweinhaaren und -klauen …

Nach dieser Entdeckung haben wir auch eine Erklärung dafür, wieso wir bisher eher wenig grössere Tiere gesehen haben. Seit zwei Tagen sind wir in der Berraco-Lodge und machen täglich mindestens zwei lange Spaziergänge mit unserem Führer durch den Urwald*. Es ist normal, dass nicht an jedem Baum ein Affe hängt: alle Tiere sind sehr scheu und sehr schwer zu sehen, so dass man sich leise und mit weit offenen Augen und Ohren anpirschen muss. Zudem kann ein Führer z.B. Rufe der Affen nachahmen und kennt dieses Habitat wie seine Hosentasche.

OR_2016-07-21_02877
Noé ruft die Affen
OR_2016-07-18_02704
Wir Touristen sind auf die Hilfe des Experten angewiesen, um Tiere zu sichten
OR_2016-07-17_02687
Primärer Urwald*
OR_2016-07-18_02710
Eine Lianenart, die Teufelsleiter heisst

Sobald ein König wie der Jaguar sein Unwesen treibt, verziehen sich die meisten Tiere und kommen erst nach fünf oder mehr Tagen in der Hoffnung wieder zurück, der Feind sei in seinem Bedürfnis nach Nahrung weiter gezogen.

Nach diesem aufschlussreichen Morgenspaziergang wird uns bewusst, wie nah die Jaguare (vermutlich eine Familie mit Jungen) an unserem Camp leben: wir übernachten im Zelt, und nachts werden die leisen Jäger wohl um uns herumpirschen. Wir finden ganz frische Spuren weniger als 100 m von unserem Nachtplatz entfernt. Gottlob wird uns auch gesagt, dass Menschen in einem Zelt noch nie angefallen wurden. Aber den nächtlichen Gang zur Toilette versuchen wir ab sofort zu vermeiden.

OR_2016-07-19_02777
Unser Zelt mitten in der Natur …
OR_2016-07-18_02709
Der Gemeinsamspavillon in der Berraco-Lodge

Dank Noé sehen wir in den fünf Tagen, trotz der Präsenz des Jaguars, Brüll- und Kapuzineraffen, einen Ameisenbären, einen Tapir (dafür verbrachten wir eine Nacht von 2 bis 6 Uhr auf einer ungemütlichen Holzplattform!), viele Insekten, Spuren von Gürteltieren. Und dann, vom Boot aus, sogar zweimal einen Jaguar.

OR_2016-07-19_02781OR_2016-07-18_02695OR_2016-07-18_02712OR_2016-07-21_02882OR_2016-07-19_02787OR_2016-07-19_02779

OR_2016-07-20_02867
Was für eine hübsche Wildkatze der Jaguar doch ist
OR_2016-07-18_02701
Der Urwald bietet unglaublichen Reichtum. Wir haben, gemäss Tradition der Urbevölkerung, grüne Blätter in den Händen verrieben und nach wenig Wasserzugabe ergab sich diese Farbe, mit welcher wir unser Gesicht schminkten. Das bringt Glück um Tiere zu sehen.

*Urwald: es handelt sich um einen Primärwald des Typs tropischer Regenwald, ohne Zeichen der menschlichen Übernutzung durch Abholzung o.ä., welcher sich durch besondere Artenvielfalt auszeichnet.

Advertisements

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Beat Ambühl sagt:

    Danke für die Mitnahme in den Urwald und die echt tollen Bilder! Ja, so grosse Raubkatzen in der Nähe zu wissen lassen einem schon etwas kribelig werden…

    Gefällt mir

  2. wow, toll so im Urwald, tarzan&jane 😉 die Hände voll fast wie wir, nur haben wir ovo drann haha lbg markus

    Gefällt mir

  3. Stefan Graber sagt:

    Wunderschön der Urwald wenn auch ein wenig suspekt. Toll das wir etwas daran teilhaben dürfen, wenn auch nur optisch. Die Stimmung, die Gerüche und das flaue Magengefühl fehlen. War sicher in super Erlebnis mit vielen schönen und spannenden Eindrücken. Und es zeigt sich auch hier, dass Tarnung (Gesichtsbemalung) ein und alles ist.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s