Im Vogelparadies von Sadiri

Das grosse Manfrotto-Stativ geschultert, steigt Ricardo vor uns sicheren Schrittes den steilen Pfad hinab.

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Plötzlich bleibt er stehen, spitzt die Ohren. Jetzt hören wir es auch, «kau-kau-kau-kau-kau … kau-kau-kau-kau-kau». — «Black-tailed Trogon», flüstert Ricardo etwas aufgeregt und zeigt in die Baumkronen. «Kau-kau-kau-kau-kau … kau-kau-kau-kau-kau», tönt es erneut. Erfolglos versuchen wir den Vogel im Laub zu orten. Ricardo sucht jetzt mit dem Fernglas. «Kau-kau-kau-kau-kau … kau-kau-kau-kau-kau». – «¡Ahí, ahí! … sí … Black-tailed Trogon … macho (dort, ja, ein Männchen)». Wir wissen noch immer nicht genau, wohin im Laub wir unsere Feldstecher richten müssen. «¡Ahí!», flüstert unser Führer, und nun tanzt sein grüner Laserpunkt über die Blätter. Endlich erkennen wir den wunderschönen, rot-grünen Trogon mit langem schwarzem Schwanz, der ganz oben in der Baumkrone sitzt, und bewundern ihn durchs Fernglas. Doch schon hat Ricardo das Zeiss-Teleskop eingerichtet, und jetzt gibt es den Trogon leuchtend hell und 40-fach vergrössert. «¡Wow, qué maravilla!», ruft Jeannine aus.

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Neben dem Feldstecher das zweite unentbehrliche Hilfsmittel bei der Vogelbeobachtung: das Vogellexikon. Der erwähnte Black-tailed Trogon ist oben rechts gezeigt (Weibchen, Männchen)

Nachdem wir schon in Australien Vögel beobachtet hatten und einmal sogar um sechs in der Früh mit einem Guide ausgerückt waren, um den begehrten Gouldian Finch zu finden, lernen wir bei Ricardo, wie bird-watching wirklich geht.

Erneut sind wir im Madidi-Nationalpark, diesmal in der — neben Chalalán — zweiten von San José de Uchupiamonas aufgebauten und betriebenen Lodge,  Sadiri, die auf 900 m.ü.M. liegt. Hier, an den Hängen der Sadiri-Kette, ist eines der vogelreichsten Gebiete Südamerikas. Die Lodge liegt an dem bereits beschriebenen Weg von Tumupasa nach San José. Wir wurden von Tumupasa aus  mit einem 4×4-Taxi chauffiert (7 km), während Ricardo und die beiden Köchinnen aus San José kamen (28 km) … zu Fuss! Wir sind die einzigen Gäste.

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Unser Bungalow. Ganz aus lokalem Holz und mit Jatata-Blättern gedeckt. Mit Bad und warmer Dusche!
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Exklusives Frühstücksbuffet für die beiden Gäste. Ricardo isst immer mit uns am Tisch, die beiden scheuen Köchinnen halten sich in der Küche im Hintergrund
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Auf der Veranda der Lodge sind Behälter mit Zuckerwasser aufgehängt, und wir können im Minutentakt fünf Kolibri-Arten beobachten

Ricardo ist etwa 40 Jahre alt und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Hört oder sieht er einen Vogel, nennt er innert drei Sekunden dessen Namen in Englisch, gibt uns das “Stockwerk” an, in das wir denn schauen müssen: am Boden, im Gebüsch, in den Zweigen der kleinen Bäume, in den Kronen der grossen Bäume. Bis wir den gefiederten Freund gefunden haben, hat Ricardo schon gesehen, ob es Männchen, Weibchen oder Jungtier ist. Er weiss, zu welcher Jahreszeit die Art nach Sadiri kommt, was sie frisst, welche Nester sie baut.

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Black-throated Tucan (durch Ricardos Telekop fotografiert)
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Wenn der Regenwald zum Nebelwald wird, dann wird es ganz still

Fünf Tage lang durchstreifen wir mit ihm die mehr oder weniger dichten Regenwaldhänge. Am Ende haben wir von den 405 Vogelarten, die bisher in Sadiri registriert wurden, 122 gesichtet, nur 15% davon zweimal. Einmal fahren wir zur Abwechslung in die Savanne hinunter und sehen neben farbigen Aras innert 20 Minuten drei verschiedene Affenarten — auch diese hätten wir ohne Ricardos Adlerauge verpasst.

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In der Savanne — leider wird hier abgeholzt was das Zeug hält, um Weideland für Kühe zu gewinnen

Sein Paradestück leistet er am vierten Tag: Ricardo zückt einen iPod Mini, der über Bluetooth einen Lautsprecher an seinem Gürtel ansteuert, und spielt den Ruf der Amazonian Pygmy Owl (Zwergeule) ab, von der er weiss, dass sie sich oft an diesem Ort aufhält. Nun ist die Eule ja ein Nachttier, doch nachdem er den Ruf dreimal abgespielt hat, kommt prompt eine Antwort, jedoch von weit weg. Doch dann: «¡Ahí, ahí!» — wir haben nur etwas fliegen sehen, aber Ricardo hat es als Eule erkannt, und prompt antwortet sie jetzt aus einem Baum in der Nähe. Leider finden wir sie nicht. Er entfernt sich 20 m und lockt sie mit dem iPod auf einen Baum, der etwas weniger dicht belaubt ist. Fünf Minuten später können wir die Minieule durchs Fernrohr bestaunen. Was für ein echtes Privileg, mit einem solchen Meister unterwegs zu sein!

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Ricardo „ruft“ mit iPod und Lautsprecher (an seinem Gürtel) die Eule herbei
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Amazonian Pygmy Owl, ca. 15 cm gross (durch Ricardos Telekop fotografiert)
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White Hawk (durch Ricardos Telekop fotografiert)
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Neben all den Vögeln gibt es noch vieles mehr zu bestaunen: Blattschneiderameisen

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Fussabdruck eines Tapirs

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Schnecke (Schale ca. 12 cm lang)
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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klaus Loosli sagt:

    Hola dos cachitos

    Muchas gracias für die super Bilder aus dem Regenwald! Ihr kniet euch beim fotografieren richtig rein, die werden von Newsletter zu Newsletter besser und bald könnt ihr euch schon bei Explora melden 🙂

    Hier war übers Wochendende das Stadtfest, Bern hat in Bümpliz und Betlehem mit viel Musik und Attraktionen gefeiert. Leider war am Samstag gerade wieder einmal ein Zwischentief als Speilverderber dabei, erst zum Müslüm Konzert um 22 Uhr hat es wieder aufgehört. Der war übrigens ziemlich cool, hat hinter seiner dicken Augsbraue einiges mitzuteilen, meist mit Humor statt Zeigefinger…

    Wünsche euch weiterhin eine gute Zeit und nicht zuviel Schlamm beim durch den Dschungel fahren…

    Saludos Klaus >

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  2. Stefan Graber sagt:

    Auf dem Titelblatt ist auch ein selten gesehener Vogel zu sehen …. hihihi. Die Natur schein hier noch intakt zu sein und die Menschen die da Leben sind alle Experten.
    Was aber beeindruckt ist die Gastfreundschaft und die schöne Aufmachung für seine Gäste – da könnte sich manch eine Berghütte hierzulande eine Scheibe abschneiden.
    Weiterhin viele Erlebnisse auf den Fahrten und in der Natur usw.

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    1. otrocachito sagt:

      Der Vogel auf dem Titelbild ist nicht nur rar, sondern einzigartig :-).
      Ja die Professionalität der Uchupiamonas ist grossartig. Ein solches Erlebnis ist für bolivianische Verhältnisse aber auch SEHR teuer, aber wir finden, das lohnt sich allemal. Wir wissen mittlerweile auch, dass nicht alle „Vogelparadiese“ gleich gut geführt und spektakulär sind. Wir waren in Peru in einem (unangemeldet muss man fairerweise sagen) und da haben wir erlebt, was diese Gäste für einen vergleichbaren Preis bekommen. Gottlob waren wir nicht unter den „offiziellen“ Gästen …

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  3. Vincenz sagt:

    Hallo Ihr zwei
    Eben habe ich genüsslich und gespannt und verwundert und ungläubig die Beiträge El Carino Peruano, über den Dächern von Ayacucho und Im Vogelparadies von Sadiri gelesen/betrachtet. Ein Sonntagsvergnügen vom Feinsten. Grossartig und bewundernswert auf was alles Ihr Euch einlässt … Da nimmt sich Kinobesuch um 16 Uhr in Männedorf „Rosalie Blum“ (eine Zeitung schreibt : „eine Prise pures Glück“) bescheiden aus. Bliebed dra und heben Sorg! Irma

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    1. otrocachito sagt:

      Danke Irma für Deine motivierenden Worte und für Dein Interesse an unseren Geschichten. Es freut uns, wenn diese auf offene Ohren und Augen stossen in den Schweizer Stuben und dem einen oder anderen einen Moment der genüsslichen Ablenkung bieten.

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