Über den Dächern von Ayacucho

Wie üblich endet an der Ortseinfahrt der Asphalt, und wir fahren auf übler Holperpiste durch die Aussenquartiere. Hier wohnen die armen Leute, links und rechts hat es Müll. Und wie wenn es im Netz von Einbahnstrassen nicht schon schwierig genug wäre, den Weg ins Stadtzentrum zu finden, versperrt eine Baustelle die gewählte Route. Das fängt ja gut an — zum Glück sind die Karten in “unserem” Pocket Earth ziemlich zuverlässig.

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Die letzten Meter Teer … Bezeichnend übrigens, dass ein Mobilfunkanbieter das Ortsschild sponsert.
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Die Häuser der ärmeren Bevölkerung kleben am Hang …
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… buchstäblich!
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Die OpenStreetMaps (OSM) von Pocket Earth sind teilweise mit schier unglaublichem Detailreichtum — und Detailtreue! — versehen. Da fällt es nicht allzu schwer, einen Umweg zu finden (Ausschnitt Ayacucho)

In eine peruanische Stadt hineinzufahren läuft immer etwa gleich ab; Ayacucho ist hier keine Ausnahme. Und trotzdem ist Ayacucho eine besondere Stadt. Zwar meiden viele Overlanders die Städte und suchen vorwiegend das Naturerlebnis, doch kulturell spielt die Musik natürlich vorwiegend in der Zivilisation: Märkte, Feste, Umzüge, Konzerte, Kirchen, Museen, Restaurants, etc.

 

Nach Ayacucho kommt man nicht zufällig, denn die Stadt liegt nicht nur auf 2800 m.ü.M., sondern sie ist aus allen Richtungen nur über 1001 Kurven und mit viel auf und ab zu erreichen. Huancayo, die nächste grössere Stadt, ist 258 km (4,5 Std) entfernt. Von Cuzco (430’000 Einwohner) brauchten wir fünf Tage und fuhren dabei schätzungsweise 8000 Höhenmeter.

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Die Fahrt nach Ayachucho führte entlang blühender Quinoa-Felder …
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… ausgesetzter Strassen …
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… und Camps bei Inka-Pyramiden auf 3800 m.ü.M.

Wie in fast jedem Ort mit spanischem Hintergrund ist das Stadtzentrum auch in Ayacucho die sogn. Plaza de Armas. Wir fahren aber nicht bis zur Plaza, sondern parken drei cuadras vorher und gehen zu Fuss. Wir möchten hier ein paar Tage bleiben und suchen einen sicheren Ort, wo wir Kasbah abstellen können. Das Hotel Samary hat einen Hinterhof mit einem Tor, durch das wir gerade hindurch passen. Ein Doppelzimmer mit Etagenbad kostet 50 Soles (CHF 15), Parkplatz inklusive. Zudem hat es eine wunderbare Dachterrasse mit Blick über die Altstadt (siehe Feature-Bild auf unserer Website).

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Plaza de Armas. Im Hintergrund die Kathedrale
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Iglesia de Santo Domingo

Ayacuchos Geschichte ist durch zwei Ereignisse geprägt: hier schlug General Sucre am 9. Dezember 1824 die spanischen Truppen und besiegelte damit Südamerikas Unabhängigkeit; und hier war die Wiege der maoistische Terrororganisation Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad), welche Peru von 1982 bis weit in die 90er-Jahre im Würgegriff hatte. Das Militär riegelte die Provinz während beinahe zwanzig Jahren fast vollständig ab, sodass sich Ayacucho erst seit ca. 2000 wieder entwickelt hat. Das sollte sich aber als Glücksfall herausstellen, denn so wurden viele Fehler, die andernorts gemacht wurden, hier nicht wiederholt.

 

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Velotour nach Quinua, wo die letzte Schlacht gegen die Spanier stattfand
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General Sucre und seine Mannen
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Diese beiden Jungs wollten uns das Lied zu Ehren der Schlacht vorsingen
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Das kaum auffindbare, jedoch sehr interessante Museo de la Memoria, in dem den über 30’000 Opfern des Konflikts zwischen Sendero Luminoso und Militär gedacht wird

Wir schlendern stundenlang durchs Stadtzentrum und sind fast die einzigen Touristen. Einige Strassen sind verkehrsfrei, die zentralen Quartiere sind für Lastwagen, Busse und die dreirädrigen Mototaxis gesperrt. Trotzdem ist die Lärmkulisse erheblich: die Peruaner hupen, was das Zeug hält. Nicht das agressive «tüüüüüüüt» wie in Europa, sondern ein sehr kurzes ein- oder mehrmaliges «tüüt». So drückt schon mal jeder Taxifahrer ohne Fahrgast alle zehn Sekunden die Hupe, «tüüt». Weil es in den engen Gassen so etwas wie Rechtsvortritt nicht gibt, verlangsamen alle und hupen dann kurz vor der Hausecke, «tüüt-tüüt». Tritt ein Fussgänger vom Trottoir herunter oder macht Anstalten dazu, oder zwingt ein anderes Fahrzeug einen Auto- oder Motorradfahrer voraussichtlich zu einem leichten Brems- oder Lenkmanöver, warnt dieser bereits 20 Meter vorher, «tüüt-tüüt-tüüt». Und schliesslich sind die Peruaner extrem ungeduldig: hält ein Auto, parkt ein oder aus oder fährt bei Grün nicht unverzüglich los, wird sofort gehupt, nun etwas länger, «tüüüüt».

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Mototaxi

Im Zentrum ist Ayacucho eine relativ moderne und sehr saubere Stadt. Die Leute tragen vorwiegend westliche Mode (die üblichen Markenartikel), aber man sieht auch viele traditionell gekleidete Frauen. Supermarkt gibt es trotz knapp 200’000 Einwohnern keinen. Dafür gefühlt mehrere hundert Mobile-Shops und fast 40 Kirchen. Wir bleiben vier Tage hier und lassen es uns gut gehen.

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So viele Mobilfunkshops kann man gar nicht zählen
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Blick aus dem köstlichen Cafe La Miel auf die Plaza de Armas

Nützliches Vokabular

Overlander — Langzeitreisender mit eigenem Fahrzeug
Plaza de Armas — wörtlich „Waffenplatz“, heute aber einfach der (quadratische) Dorfplatz
la cuadra — der Häuserblock, typischerweise 100 x 100 m gross

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klaus Loosli sagt:

    Hallo Zäme Die Peruaner hupen auch bei jedem Velofahrer den sie überholen 😉 Saludos Klaus

    >

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  2. Louis Perrochon sagt:

    Interessant dass die Asphalt Straße am Eingang zur Stadt aufhört.

    Habe momentan kein Internet, so kann ich die Bilder nicht anschauen.

    Estoy appriendo español porqué quiero viajar a latín América. No hablo buen. Arielle y Natalie están appriendo a school. Hablamos spanglish.

    Vamos a viajar al Ecuador por Christmas,. Martin de urgoiti está en Bolivia. Latin America esta muy populares para los suizos.

    Louis

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    1. uncachito sagt:

      Ja, wenn man in die Vorquartiere hineinfährt, ist meist fertig mit Asphalt. Der beginnt dann erst gegen das Zentrum wieder. Das hat wohl damit zu tun, dass die Landstrassen von der Regierung oder der Region bezahlt werden, während die Quertierstrassen von der Stadt unterhalten werden müssen.

      ¡Qué bién que estas aprendiendo el español! — esto realmente vale la pena y van a disfrutar much más de su viaje a Ecuador si pueden comunicarse con la gente. De hecho, nosotros vamos a cruzar a Ecuador mañana. Lamentablemente ya no vamos estar cuando Ustedes llegan 😦

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