Reisealltag — El Baño

Wenn etwas in unserer Rubrik Reisealltag nicht fehlen darf, dann ist dies der “tägliche Gang”. Wohl führen wir eine kleine, portable Toilette mit uns, aber die benutzen wir eher als Notfalltoilette, vielleicht einmal im Monat. Normalerweise weichen wir auf “Alternativen” aus, wobei hier in Südamerika einerseits (geistige) Flexibilität gefordert ist, andererseits aber auch einfach ein entspannterer Umgang mit dem Thema als in der Schweiz. Wobei zu sagen ist, dass man in Schweizer Städten ja auch nicht über öffentliche Toiletten stolpert und oft dazu gezwungen ist, Cafés, Restaurants, Warenhäuser, etc. aufzusuchen.

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Unsere Dometic 976 mit Wasserspülung; rüttelfest aber in der zweiten Reihe verstaut, weil wir sie selten benutzen — wenn, dann sind wir aber mega froh darum

In dieser Beziehung müssen Australien und Neuseeland Weltmeister sein: jede noch so kleine Gemeinde hat an der Hauptstrasse eine oder gleich mehrere saubere, öffentliche Toiletten. Das gleiche gilt für Strände, Campingplätze, Parkplätze bei Attraktionen, ja, da kann man stundenlang zu einer Lagune wandern und findet, dort angekommen, ein einwandfreies Klo, das in der Regel sogar mit WC-Papier bestückt ist. Es bleibt uns ein Rätsel, wer an all diesen entlegenen Orten die Toiletten instand hält und Papier nachschiebt.

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Öffentliche Toilette in New South Wales

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Öffentliche Toilette in Cooktown, Queensland
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Toilette in einem Nationalparkcamp in Western Australia
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An der Wand hängen die Instruktionen zur richtigen Bedienung; der blaue Kessel enthält eine biologisch verträgliche Desinfektionslösung die vor und nach Gebrauch in die Schüssel zu applizieren ist
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In den USA sagt man rest room und meint die Toilette — in Südaustralien haben sie sogar rest centres!

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Aber zurück zur südamerikanischen Realität. Doch bevor ein falsches Bild aufkommt: wir campieren im Durchschnitt etwa jede dritte Nacht auf einem eingerichteten Campingplatz, bei einem Hostel, Hotel, etc. Dort, wie auch in grösseren, modernen Tankstellen oder in den gepflegteren Cafés und Restaurants, gibt es fast immer akzeptable WCs. Aber wir erleben — gerade in Argentinien oder Bolivien — auch immer wieder wenig Erbauliches. (Auf die Bebilderung der Beispiele am unteren Ende der Skala verzichten wir im Folgenden)

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Toilette im Nationalpark Pumalin im Süden Chiles — aussen wie innen: wow!
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Toilette in einem Restaurant in Chilecito, Argentinien — nicht viel zu beanstanden
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Toilette in einem schönen Café in Argentinien — na ja …
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Salta, Argeninien — die Spülung sah schon bessere Zeiten …
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… aber ausser der Klobrille ist alles da
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Private Toilette und Dusche in Bolivien
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Toilette im privaten Nationalparkcamp El Beracco in Bolivien — wow!

 

Hier deshalb ein kleines Vademecum zur erfolgreichen Benutzung von öffentlichen baños.

  1. Der Hürdenlauf beginnt in öffentlichen WCs, wie man sie z.B. auf Märkten findet, bereits vor dem Betreten der eigentlichen Toilette, denn oft gibt es dort einen Toilettenwart, dem man ein paar Münzen gibt, was dieser mit einem Bündelchen Toilettenpapier beantwortet. Oder es hat einen gemeinschaftlichen WC-Papier-Dispenser, an dem man sich bedient, bevor man sich für ein Toilettenkabinchen entscheidet.
  2. Noch bevor man die Türe zur Toilette aufstösst, stellt sich einem Hürde Nr. 2 in den Weg, denn vor allem in Argentinien ist der Schliessmechanismus oft defekt, sodass man zuerst anklopft. Auf der Innenseite der Türe ist folglich immer eine Hand oder ein Fuss mit dem Zustossen resp. Zuhalten der Türe absorbiert.
  3. Einmal eingetreten, gilt es den Lichtschalter zu finden, der sich an den unwahrscheinlichsten Orten befinden kann. Die erfolgreiche Suche bedeutete aber nicht notwendigerweise Licht, denn machmal ist die Glühbirne defekt oder fehlt.
  4. Nun folgen zuerst zwei wichtige Kontrollen: unbedingt sicherstellen, dass der Abfluss nicht verstopft und dass Papier vorhanden ist (gegebenenfalls die eigene Notreserve aus der Tasche ziehen)
  5. Die nächste Hürde ist, sich dünn zu machen, denn teilweise ist die Toilette so eng, dass man sich fast auf die Kloschüssel stellen muss, um die Türe zu schliessen.
  6. Ist die Türe mit einem Riegel versehen, ist jetzt technisches Verständnis, Kreativität und Beharrungsvermögen gefragt (Hürde Nr. 6).
  7. Nun folgt ein Konditionstest, der an die Lauberhornabfahrt erinnert, denn aus Hygienegründen setzt man sich eher nicht auf die Klobrille — oder diese fehlt ganz.
  8. Schon fast am Ziel, gilt es eine wichtige Regel zu beachten: da die Abflussleitungen in allen südamerikanischen Ländern knapp dimensioniert, teilweise zugesetzt oder ganz einfach mies installiert sind, wirft man das Papier, ausser in den besten Hotels, nie in die Schüssel sondern in einen bereitgestellten Eimer oder Korb. Hier scheint es ein Protokoll zu geben, welches gebietet, das Papier mit der unverbrauchten Seite nach oben hineinzulegen. Wenn letzteres denn überhaupt möglich ist, denn oft quellen die Eimer über, und man sieht sich vor die Wahl gestellt, sein Papierbündelchen als Stössel zu benutzen und den Haufen zusammenzudrücken, bis genügend Platz vorhanden ist; oder es mikadoartig obendrauf zu platzieren, ohne dass es herunterfällt.
  9. Die zweitletzte Hürde ist noch einmal hoch: oft passiert nach dem Drücken, Ziehen oder Drehen des Spülhebels nichts, oder dieser brach schon vor langer Zeit ab. Jetzt hilft nur eines: den Deckel des Spülkastens heben (bei in die Wand eingelassenen Spülkasten ist der Deckel von den Vorbenutzern schon längstens demontiert worden) und wiederum mit viel Intuition den Spülmechanismus ertasten und betätigen. Manchmal kommt gar kein Wasser durch die Leitung, entweder weil diese leckte und zugedreht wurde, oder weil generell Trockenheit herrscht. In diesem Fall hat es im Toilettenvorraum eine Tonne mit Wasser, in der ein Kübelchen schwimmt, das als Schöpfbecher dient.
  10. Als letztes gilt es noch, die Türverriegelung wieder zu öffnen (Hürde Nr. 10)

Die Summe dieser Erfahrungen bringt uns zum kleinen “Sackbefehl” (offizielle Terminologie der Schweizer Armee) für einen garantiert reibungslosen und hygienischen Gang ans Stille Örtchen: 🚾-Papier, Taschenlampe, Seife, Taschenmesser (optional).

Als luxuriös klassieren wir eine Toilette übrigens dann, wenn es Seife oder einen aufgefüllten und funktionierenden Seifenspender, eventuell sogar Papiertücher oder einen Lufttrockner für die Hände gibt. Nach einem WC-Besen sucht man in der Regel vergebens.

Ein genialer Trick ist, ein paar Kilometer vor Ortschaften einen “Boxenstopp” in der freien, sauberen Natur einzulegen anstatt, im Ort angekommen, als erstes eine Toilette zu suchen und den geschilderten Hürdenlauf zu absolvieren.

Dass es auch anders geht, beweist u.a. das Hostel “Casita Torre del Agua” in Vilcabamba, Ecuador: hier hat Nathan auf einfachste Weise ein Kompostklo gebaut, in das man am Ende der “Sitzung” nicht nur das Papier sondern auch noch einen Becher voll Sägespäne gibt. Voilà, stinkt nicht und funktioniert immer. Nathan leert den Kübel alle 1-3 Tage auf seinen Kompost und stellt ihn mit einer frischen Bodendeckung aus Sägespänen wieder ins Holzgehäuse zurück.

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Häufig übernachten wir irgendwo in der freien Natur. Da gelten die Regeln der Natur, und ums “kleine Geschäft” macht man hier kein grosses Geschäft: «¡ahí nomás!», Männlein wie Weiblein; papierlos ist Ehrensache. Fürs grosse Geschäft benutzen wir unser “Kit”: für sandigen Boden kommt der kleine Spaten Aluminium zum Einsatz, sonst der robuste aus Stahl, der auch in hartem Boden rasch zu einer geeigneten Grube führt. Diese soll je nach Untergrund mindestens 20 cm tief und mindestens 20 m von fliessendem oder stehendem Gewässer entfernt sein. Das Papier wird im Anschluss in der Grube angezündet (bei Busch- oder Waldbrandgefahr nimmt man es in einem Plastiktütchen mit zum nächsten Abfalleimer), dann wird das Ganze mit Erde zugedeckt. Leider praktizieren die Südamerikaner diese Technik nicht, sodass man am Rand von Wegen, von Park- oder Abstellplätzen — oder mindestens hinter der ersten Buschreihe — zuverlässig auf Toilettenpapierbündel stösst. 🐷🐷🐷

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Nützliches Vokabular

el baño — wörtlich übersetzt das Bad (und wird auch so verwendet), gemeint ist aber meistens die Toilette
¿Dónde está el baño? — Wo ist bitte die Toilette?
ahí nomás — dort, wo man sich gerade befindet
libre — frei
ocupado — besetzt
tapado — verstopft
tirar de la cadena — spülen
la cadena — die Kette

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Die Krux mit dem täglichen muss. Aber eben, wenn keiner Geld hat, muss er die Spülung von einem öffentlichen WC mitnehmen, denn nicht jeder hat genügend Platz im WC um auch noch Sägemehl darin aufzubewahren. Auch kann nicht jeder mit dem natürlichen Kompost im Garten umgehen … hihihi
    Weiterhin gute Reise mit wenigen Verstopfungen

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  2. André Grubauer sagt:

    Sägespäne! Jetzt weis ich was wir künftig bei uns auf der Alphütte ins Plumpsklo werfen. Merci

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    1. uncachito sagt:

      Hoi Ändu
      Zwischenzeitlich waren wir auf einer Finca, die ebenfalls über ein Kompostklo verfügte. Dort warf man jeder Handvoll Sägespäne noch einen halben Joghurtbecher Asche hintendrein. Das soll angeblich den Geruch fast vollständig dämmen — ergibt auch Sinn, weil Asche ja Kohleanteile enthält, die chemische Verbindungen neutralisieren können. Und Asche werdet Ihr ja in der Alphütte sonst irgendwie entsorgen müssen. Voilà. Liebi Grüess!

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