Die Stadt der Alten

Die Schussfahrt runter vom Hügelzug des Cerro Mandango erinnert uns an diverse Veloreisen in Spanien. Bis zum abrupten Halt, denn vor uns macht sich (ohne Vorankündigung) ein Graben auf. Wir sind mitten in der Baustelle. Ein Bagger hat die Hälfte der Strasse aufgerissen und im bereits metertiefen Graben buddeln zwei Arbeiter weiter. Mit dem Fahrrad kommen wir durch, aber unser Begleitfahrzeug wird geheissen umzukehren — jetzt wirds spannend. Wir gringos hätten in dieser Situation wohl nicht viel erreicht, wären brav umgekehrt und hätten mit grosser Mühe einen alternativen Weg gesucht. Nicht so der Ecuadorianer René. Es wird diskutiert und verhandelt, bis schliesslich der Bagger den Erdhaufen auf der noch intakten Strassenseite planiert, und René mit seiner camioneta durchfahren kann.

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Cerro Mandango

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Zehn Minuten später …

Wir sind in Vilcabamba, unserem ersten Halt in Ecuador, der länger ausfallen wird als geplant, weil es sich gut lebt in diesem landschaftlich reizvollen Tal mit trockenem Mikroklima und einer interessanten Bevölkerung.

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Blick auf die Stadt von unserem Standplatz «Casita Torre de Agua» aus

„Den Kaffeebohnen auf der Spur“ ist das Thema unserer Genuss-Mountainbike-Tour, und zu Fuss schlendern wir durch eine Pflanzung mit vielerlei Essbarem: Bananen, Papaya, Kartoffeln, die man roh essen kann, Beeren, Süsszitronen, Süsstomaten, und dazwischen Stauden, die grüne und rote Kaffeebeeren tragen. Es ist die traditionelle Art des Kaffeeanbaus, welche, so erklärt uns René mehrfach, richtig guten und gesunden Kaffee generiert. Neben dem Verarbeitungsprozess dürfen wir das schwarze Gold natürlich auch verkosten und sind angenehm überrascht vom kräftigen, ausgewogenen, weder sauren noch bitteren Geschmack.

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Kaffeestrauch: nicht unüblich, dass eine Pflanze gleichzeitig Blüten und Früchte trägt. Gepflückt werden hier immer nur die roten Beeren, weil die grünen den Kaffee sauer und bitter machen würden. Das bedeutet kontinuierliches Pflücken der Sträucher.
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Trocknen der Kaffeefrüchte an der Sonne. In jeder Beere sind zwei Kaffeebohnen, die allerdings zuerst herausgeschält, dann geröstet werden müssen.
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Das Rösten ist ein proceso artesanal (Handarbeit)

Das milde Klima, die traditionellen Essgewohnheiten mit viel lokalen Gemüsen und Früchten, ein an Mineralien reiches Wasser und das bescheidene, beschauliche Leben haben dem pueblo wohl die Bekanntheit als Ort der Langlebigkeit eingebracht, denn die Bewohner wurden hier überproportional alt (statistisch nicht erhärtet).

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Strohhüte und Alte, zwei der traditionellen Markenzeichen von Vilcabamba

Heute ist der bunte Mix der Bewohner augenfällig. Viele US-Amerikanern aber auch Europäer lassen sich hier nieder für ihren dritten Lebensabschnitt, für welchen sie sich eine Villa leisten, die in ihrem Heimatland unerschwinglich wäre. «Pero se equivocaron (sie haben sich geirrt)», klärt uns René auf. Durch den Zuzug der grossen Anzahl Ausländer wurde ein Bauboom ausgelöst, welcher die Bodenpreise in die Höhe schiessen liess. Für die lokale Bevölkerung wurde das Bauland fast unerschwinglich, und die Zuwanderer können die neu erhobenen, hohen Liegenschaftssteuern für ihre Villen teilweise nicht mehr bezahlen.

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Groovige Vilcabamber in einem der zahlreichen Cafés
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Bunte Dorfkirche
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Häuserfront entlang der Plaza

Wir profitieren jedoch von den Blüten dieser internationalen Bevölkerung, denn die Anzahl an guten Restaurants in diesem 5000-Seelen-Dorf ist unübertroffen. Unter anderem bäckt der lokale, französische Bäcker das bisher beste Brot Südamerikas.

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Was für ein Segen eine solche Bäckerei !

René zeigt uns neben der schönen Landschaft, den tollen Trails und der Kaffeeproduktion auch noch die ursprüngliche Verarbeitung des Zuckerrohrs, zeigt Facetten der Multi-Kulti-Gesellschaft auf und macht uns auf eine sogenannte gated community aufmerksam, die fast ein ganzes Tal einnimmt und wiederum in US-Amerikanischer Hand ist. Unser „Gwunder“ ist geweckt, und am nächsten Tag möchten wir uns das anschauen. Um weniger aufzufallen, radeln wir hin und stehen bald vor einem stattlichen Eingangstor mit Wächter. Naiv fragen wir, ob wir die Hacienda San Joaquín (mit amerikanischem Akzent „Sän Hhhoääkin“ ausgesprochen) denn besuchen könnten und was hier angebaut werde. Seine Antwort fällt knapp aus und tönt einstudiert: «No se puede visitar la hacienda (Besuche sind nicht erlaubt)». Von einer gated community kein Wort !

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Handarbeit an der Trapiche – der Zuckerrohrpresse
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Letzte Siebung nach dem Kochen des Zuckerrohrsaftes, bevor er in Formen gegossen wird
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Nicht Ziegelsteine sondern panelas (Zuckerrohrblöcke). Ein Stück kostet US$ 0.50
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Das Eingangstor zur Hacienda San Joaquín

Nützliches Vokabular

el gringo – weisshäutige Person
la camioneta – der „Pickup“ (Auto mit Ladepritsche)
el pueblo – Dorf
equivocarse – sich täuschen
visitar – besuchen
la hacienda – Landgut

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bea Frei sagt:

    Liebe Jeannine
    Vielen Dank für eure tollen Reiseberichte. Ich lese diese immer mit grossem Interesse und ein Bisschen Fernweh 😉 So wie ich lese, geniesst ihr das Reisen immer noch in vollen Zügen. So cool! Könntest Du mir bei Gelegenheit mal Deine E-Mail-Adresse zukommen lassen. Diese ist mit meiner PC-Umstellung irgendwie abhanden gekommen. Ich würde Dir gerne ein Mail schicken 🙂
    Herzliche Grüsse an euch beide
    Bea

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  2. Stefan Graber sagt:

    das mit der Baustelle hätte auch hierzulande geschehen können – da kann ich euch etliche Müsterli erzählen. Und niemand hätte eine Planie gemacht, damit einer durchfahren kann – vergiss es. Man hätte viel lieber zum Handy gegriffen, eine Mail an die dummen Signalisierungsmenschen abgesetzt; natürlich mit einem cc an die Regierung. Zugegeben: hier sind die Umleitungen auch nicht so endlos wie in Ecuador.
    Und wenn ich die anderen schönen Bilder ansehe, so scheint es hier kultivierter zu sein. Eine wunderschöne Bäckerei; da hätte ich auch gerne eingekauft. Geniesst diesen Luxus, denn bald werde ihr wieder in der Pampas auf Euch selber abgestellt sein und eure Erlebnisse machen.
    Weiterhin eine gute Reise mit vielen spannenden und schönen Abenteuern.

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    1. otrocachito sagt:

      Ja Stefan, genau bei solchen Strassenblockaden oder Baustellen, denken wir immer wieder an Dich und können uns lebhaft vorstellen, wie Du vermutlich wenig angetan wärst von den fehlenden Signalisierungen resp. Baustellensicherheiten. Wir haben uns schon fast ein bisschen daran gewöhnt :-).

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