Todo orgánico

Die Antwort per Mail von Keith folgt innerhalb von 9 Stunden: «Están bienvenidos a quedarles con nosotros en nuestra finca (Gerne dürft ihr bei unserer Finca übernachten)», und gleichzeitig gibt er uns noch folgende Zusatzinformationen: «Der Weg von Mindo zu uns ist sehr schön, braucht aber Zeit, weil nur wenig asphaltierte Strasse. Der 2 km lange Zufahrtsweg von Santa Rosa zu uns ist nicht nur schwierig zu finden, sondern braucht auch ein 4×4 Fahrzeug».

Unsere äusserst nützliche App iOverlander*, in welcher wir diesen Übernachtungsplatz entdeckten, verrät ebenfalls die Details zur Zufahrt. Es ist das erste Mal, wo explizit nach einer Reservation gefragt wird.

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Das Anwesen der Finca San Antonio ist im roten Kreis

Während in der Schweiz der Bedarf an biologisch produzierten Lebensmitteln relativ hoch ist, und die Konsumenten sogar bereit sind mehr für diese Produkte zu bezahlen, ist das in ganz Ecuador noch kein Thema. Trotzdem leben Keith und Marisol ihren Traum, ihr 200 ha grosses Landstück biologisch und nachhaltig zu bewirtschaften. Dazu haben sie 80% als Primärwald (ursprünglicher Nebelwald mit einer aussergewöhnlichen Pflanzenvielfalt) belassen und somit vor dem Abholzen geschützt. Auf der verbleibenden Fläche sehen wir Zuckerrohr, Zitrusbäume, Bananenpalmen, Kaffee, Ananas, einen Gemüsegarten, Kräuter, Gewürze und Bienenhäuser. Die studierte Biologin und Umweltwissenschafterin und der ehemalige Marketingfachmann und Baumeister haben sich in den USA kennen gelernt und sind in Marisols Heimatland gezogen, wo sie nach harzigen Verhandlungen vor drei Jahren diese alte Finca kaufen konnten. Es erfüllte all ihre Bedingungen.

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Die hellgrüne Fläche am Hang ist Zuckerrohr

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Kaffeesträucher und Bananenpalmen
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Die Finca San Antonio bietet diversen Insekten Lebensraum
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Teil des Gartens und das Wohnhaus von Marisol, Keith und Yakina im Hintergrund
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Einer der drei Standorte der Bienenzucht

Die Reise von Mindo ist wirklich sehr schön und auf den letzten 2 km ist ein Fahrzeug mit viel Bodenfreiheit von Vorteil. Freudig klopfen wir an diesem gottverlassenen Ort an. Marisol kommt uns mit Gummistiefeln entgegen und bittet uns an den Tisch, wo wir mit einer selbst gemachten Limonade begrüsst werden. Yakina, die fünfjährige Tochter, welche im home-schooling unterrichtet wird, ist sehr aufgeschlossen und neugierig. Keith nimmt sich 2.5 Stunden Zeit, um uns die Finca zu zeigen und ihre Prinzipien zu erläutern. Wir sehen das Zuckerrohrfeld, bei welchem die dürren Blätter von Hand gelesen und geräumt werden. Bei traditionellem Anbau werden diese abgebrannt oder mit Gift gespritzt. Die molienda, wo der jugo de caña zu panela in Blöcken verarbeitet oder granuliert wird, ist muy artesanal

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Zuckerrohr-„schilf“
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Auch brachliegende Ackerfläche gehört zur biologischen Bewirtschaftung
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Die molienda – nicht mehr als ein Schuppen
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Zuckerrohrpresse
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In diesen Bottichen wird der jugo de caña (ein)gekocht. Der Haufen im Hintergrund bilden die ausgepressten Zuckkerrohrstängel, welche im Prozess als Brennmittel genutzt werden

Die Fruchtplantagen sind keine Monokulturen. Stattdessen stehen die Pflanzenarten bunt durchmischt in einer Wiese, wo jede viel Platz hat sich zu entfalten, was den Boden nicht auslaugt. Die Naranjilla-Stauden, welche mit dem Urin aus der Komposttoilette (dort wird fest von flüssig getrennt) gedüngt werden, wachsen signifikant schneller als diejenigen ohne diesen Dünger.

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Naranjilla-Früchte
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Das Haus der Komposttoilette
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Die Komposttoilette mit Instruktionen (Papier in den Korb links, Asche und Sägemehl hinein, Danke)

Wir mögen diesen ungewöhnlichen Campingplatz und die regelmässigen Besuche unserer „Adoptivtochter“ Yakina so sehr, dass wir Marisol am vierten Tag bei den Vorbereitungen für den Markttag unterstützen. Alle zwei Wochen fahren sie 80 km zum Markt und versuchen ihre Bioprodukte zu verkaufen. Einige Stammkunden wie Restaurants sind gute Abnehmer von Kaffee, Honig und Panela. Nach drei Jahren schreiben sie noch rote Zahlen, und das bisher einzige lukrative Produkt ist der Honig. Trotzdem arbeiten sie weiter mit viel Elan und der Hilfe von Volontären an neuen Ideen, um schliesslich vollautonom und nachhaltig zu sein. Wir wünschen den beiden, dass sie bald profitabel werden und sich ihr geträumtes Leben sorgenfrei erfüllen können.

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Yakina zu Besuch in unserem „Hüsli“
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Keith, Yakina und Marisol – die Biobauerfamilie
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Keith baut hier das neue Wohnhaus

Nützliches Vokabular

la molienda – Schuppen wo Zuckerrohr verarbeitet wird / oder Prozess des Mahlens
el jugo de caña oder el guarapo – Zuckerrohrsaft
panela – Rohrohrzucker
muy – sehr
artesanal – von Hand gemacht

* Reisende (Overlanders) tragen ihre Übernachtungsplätze, Sehenswürdigkeiten, Strassensperren etc. auf einer Südamerika-Karte (OSM – Open Street Map) ein und stellen sie so der Overlander-Gemeinde zur Verfügung.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Bericht und die wunderschönen und speziellen Bilder. Reiset weiterhin so gut wie bis jetzt und noch viele spannende Stunden mit speziellen Erlebnissen.

    Gefällt mir

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