Die Auto-Bahn

Nach einer knappen Stunde endet die erste Hälfte unserer Bahnfahrt durch den Nebelwald. Um 12 Uhr fuhr ein Zug am entgegengesetzten Ende ab und wird uns in ein paar Minuten erreichen. Die Linie ist nur 20 km lang und einspurig. Kreuzen geht also nicht — wir werden buchstäblich umdrehen und vor der anderen Lokomotive herfahren, zurück zum Ausgangsbahnhof.

Das Geleise ist der heute noch übrig bleibende Teil der ehemals sehr wichtigen Linie, die das nördliche ecuadorianische Hochland mit dem Meer verband und auf der Hafenmole endete. Mit dem Bau der Strasse verlor die Strecke von Ibarra nach San Lorenzo an Bedeutung, wurde stillgelegt und sich selbst, d.h. dem Zerfall, überlassen. Heute ist einzig noch das 20 km lange Teilstück zwischen Alto Tambo und einem Dorf befahrbar, für welches es die einzige Verbindung zur Aussenwelt ist. Der Betrieb ging von der ecuadorianischen Staatsbahn an die Gemeinden über. Und weil sich letztere in einer wirtschaftlich nicht gerade prosperierenden Zone befindet (Nebelwaldgebiet auf 750 m.ü.M.), sind die Betriebsmittel extrem knapp. Der teure Geleiseunterhalt musste auf ein Minimum reduziert werden:

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Mit Schuss ins Tunnel

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Etwas unglücklich vielleicht, dass das Kabel der improvisierte Seilbahn (rechts im Bild) an der Schiene abgespannt wird
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Da die Schienen nicht mehr richtig auf den Schwellen befestigt sind, werden sie mit Balken und Stämmen am seitlichen Wegrutschen gehindert
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Der Härtefall an Gleisreparatur

Und wenn oben die Rede war von Zug und Lokomotive, so war das ein wenig übertrieben, denn streng genommen handelt es sich bei der Bahn um ein schienengängiges Auto. Eine Auto-Bahn, also. Vielleicht ist auch das noch übertrieben, denn es ist ein sehr einfaches Auto: es hat nicht einmal eine Bremse. Eine solche braucht es auch nicht, denn die Bahnlinie hat naturgemäss nur eine geringe Steigung, welcher der Dieselmotor abwärts genügend Widerstand entgegensetzen kann. Die Einheimischen nennen das Gefährt troque.

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„Unser“ troque (alle sehen ein bisschen anders aus). Die Räder sind abgeänderte Autofelgen mit einer Laufflächenbreite von ca. 20 cm — die gehen über alle Gleisanomalien drüber
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Der „Lokführerstand“. Der Motor wird über den frei hängenden Zündschalter (links oben) gestartet — auch das funktioniert einwandfrei!

Zurück also zu dem Moment, an der wir umkehren, kurz bevor die andere “Auto-Bahn” eintrifft. Damit der Kühler des troque beim Bergauffahren genügend Frischluft erhält — und damit der “Lokführer” nicht dauernd den Kopf drehen muss, wird die Lok an Ort gedreht. Natürlich gibt es keine Drehscheibe (eine solche gibt es übrigens auch an den beiden Enden der Linie nicht), aber der Lokführer und sein Gehilfe geraten deswegen nicht aus der Fassung: zuerst schaffen sie mit der Machete etwas Bewegungsraum im dichten Gewächs. Dann wird mit faustgrossen Steinen mittig zwischen den Schienen eine Art Fundament gelegt. Dann kommt der grosse Moment: der Hydraulikwagenheber wird platziert, die Lok zentimetergenau vorgeschoben, dann wird gepumpt. Nun fährt auch der andere troque ein, dessen Fahrer ebenfalls Hand anlegt, während sein Gehilfe sich als Gegengewicht nützlich macht. Voilà, so geht das.

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Hau-ruck!
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Die Passagiere des anderen troque warten geduldig, bis unser Gefährt gedreht ist

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Bei der Bergfahrt muss der Kühler aufgefüllt werden
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Kurze Wanderung zu einem schönen Wasserfall mit Bademöglichkeit

Die Bahnfahrt ist der letzte Höhepunkt der zweitägigen Tour an die ecuadorianische Nordküste, die Hans von der Finca Sommerwind in Ibarra organisiert und leitet. Wir kriegen dabei ein ganz anderes Ecuador zu sehen, als wir es bisher gewohnt sind. Eher fühlen wir uns in Schwarzafrika, denn diese Ecke wird vor allem von Nachkommen der ehemaligen Sklaven bewohnt. Farbig, lebenslustig und zumeist sehr einfach. Es ist eine Gegend, die — zu Unrecht — von den meisten Ecuadorreisenden gemieden wird. Hans hat ein Kaleidoskop von einer Tour zusammengestellt, das uns begeistert hat. Es begann mit einer Marisco-Platte, wie wir sie noch nie gegessen hatten, und endete mit der oben beschriebenen Bahnfahrt.

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Apéro am Strand von Las Peñas, wo wir auch unser Auto stellen konnten. Im Vordergrund Hans, dahinter Stefan und Iris
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Die Fischer von Las Peñas
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Bootsfahrt auf dem breiten Río Santiago

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Bis zu 25 m hohe Mangroven
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In den Strassen von Limones sind ausschliesslich Schwarze anzutreffen
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Neugierige Schulkinder, die uns im Museum besuchen. Das Mädchen rechts trägt den neusten Modeschrei in Sachen Kopfbedeckung: ein umgedrehter Kinderpullover.
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Pedro klettert auf die 12 m hohe Palme, um uns grüne Kokosnüsse herunterzuholen
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Leckere Cocada, eine Mischung aus Kokosraspel, Panela (Rohrzucker) und Erdnüssen;ein typischer Rauchgeschmack ist garantiert
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Die Früchte einer Ölpalme
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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Eine abendteuerliche Erlebnisfahrt bei der es einem vermutlich nicht immer ganz wohl dabei ist. Eines muss man den Betreibern lassen; im Basteln und Improvisieren sind sie echt gut.
    Wünsche euch weiterhin so erlebnisvolle Reise

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  2. Klaus Loosli sagt:

    Hola Cachitos

    Vielen herzlichen Dank für eure Geburtagswünsche, hat mich sehr gefreut.

    Euer Beitrag über den Troque ist super, ich dachte schon beim Foto von der geflickten Schien wie dort ein Zug drüber fahren soll… Auch die Daten vom Uwe sind eindrücklich, denke würde 4 Jahre und 10 Euro Budget vorziehen, aber auch mit einem Zehner sind keine Panaderia Exzesse möglich ;-).

    Explora gehen langsam die spannenden Geschichten und Referenten aus,in meiner dritten Saison sehe ich schon einige Referenten zum zweiten Mal, bei einigen cool, mit anderen unterwegs ist es halt eher ein Job… Mit euren Fotos, euren sauber recherchierten Geschichten könnte man sicher etwas machen, ich schreibe das nur mal so…

    Saludos Claudio

    >

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