Der Salztempel

Gleich drei Dinge schrecken uns etwas vom Besuch der catedral de sal in Zipaquirá, 50 km nördlich von Bogotá, ab. Erstens wird die Salzkathedrale als die meistbesuchte Attraktion Kolumbiens vermarktet. Zweitens erinnert die Aufmachung des Geländes mit seinen Souvenirshops, mit Ständen, die u.a. im Innern der Kathedrale geschossene Portaits auf Tassen und Kalender drucken, und mit einer riesigen Kletterwand, eher an Disney Land als an ein sakrales Monument. Und drittens müssen wir uns bei der Billetverkäuferin zuerst darüber beschweren, dass Ausländer wieder einmal gezielt diskriminiert werden und den doppelten Eintrittspreis bezahlen wie Einheimische: das Geld reut uns nicht, aber 50’000 Pesos (16 Franken) scheint für Kolumbien extrem steil.

In Zipaquirá wurde bereits lange vor der Kolonialisierung oberirdisch Salz gewonnen. Die ersten unterirdischen Salzminen wurden von den Spaniern gegründet und in Sklaverei ausgebeutet. Die Bergbautechnik war damals das Schlagen von domförmigen Kammern, in denen man Säulen zur Abstützung stehen liess. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das salzhaltige Gestein tiefer im Berg aus riesigen, parallelen Kavernen ohne Säulen ins Salzgestein gesprengt. In jeder dieser Kammern könnte man ohne Weiteres einen Airbus A-380 (ohne Flügel) versorgen. Heute wird das Salz noch tiefer unten mit Wasser und Druck aus vertikalen Schächten herausgelöst.

Eine einfache Salzkathedrale gab es bereits früher, aber sie musste 1992 aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Ein Architekt wurde damit beauftragt, in den parallelen, mittlerweile nicht mehr genutzten Kavernen eine neue catedral de sal zu konzipieren. Das Resultat ist in seiner Grösse, Formgebung, Ausgestaltung und Beleuchtung schlicht spektakulär.

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Über einen eher profanen Zugangsstollen, stahlgekleidet und rot ausgeleuchtet, gelangen wir — ganz ohne Helm und Sicherheitsweste — zum Anfang des Kreuzwegs. Unser Führer Miguel, ein ehemaliger Mineur mit sonorer Stimme und schönem, verständlichen Spanisch (was in Kolumbien eher die Ausnahme zu sein scheint und uns täglich von neuem fordert), kommentiert mal witzig, mal dramatisch, gibt bergbauliche Hintergründe und erklärt die Inszenierung der Stationen des Kreuzwegs:

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«Aquí, caballeros, ven donde Jesús se cayó por primera vez. La cruz está a mitad hundida. Tres mineros trabajaron por ocho meses tallando este monumento (Hier, meine Damen und Herren, brach Jesus zum ersten Mal zusammen. Das Kreuz ist nur halb so hoch dargestellt. Drei Mineure arbeiteten acht Monate lang an diesem Monument)».

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Der Kreuzweg, der sich über fünf der Riesenhöhlen spannt, bildet den Korridor zur eigentlichen Kathedrale mit drei Schiffen, in deren Mittelschiff ein 16 Meter hohes Kreuz aus dem Salzgestein steht. Jetzt wechselt das Licht von gelb zu blau … jetzt von blau zu rot. Die Stimmung ist andächtig, die Szenerie überwältigend. Miguel kommentiert die Statuen und weist dann den Weg zum natürlichen “Salzfall”. Was muss es für die Mineure für eine Überraschung gewesen sein, mitten im Berg auf diesen immensen Tropfstein zu stossen!

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Ein „Wasserfall“ aus Salz, erstarrt in alle Ewigkeit

Ganz unsüdamerikanisch gibt es unterwegs Übersichtspläne der Stollen und Attraktionen; beleuchtete Schilder, die den Weg zum Ausgang, zu den Toiletten und zur kommerziellen Zone, weisen; das Personal trägt zwecks Erkennung durchwegs Helme.

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Cool inszenierter Shop tief im Berg — die Verkäuferin mit Helm!

Wir erblicken das Tageslicht erst nach über zwei Stunden wieder und sind uns einig: diese 50’000 Pesos waren gut investiert. Danke für den Tipp, Claudia!


Und jetzt als Zugabe (oder vorgezogenes Weihnachtsgeschenk …) nun noch eine kurze Anleitung, um Miguels Kommentare richtig nachsprechen zu können:

Betonung

Versuche als vorbereitende Übung zuerst, das folgende Wort auf drei Arten zu betonen, d.h. das Wort dreimal sagen und je einen anderen Vokal etwas länger aussprechen:
bombero (Feuerwehrmann)

Das sollte tönen wie folgt: “boombero — bombeero — bomberoo

Die Betonungsregeln im Spanisch sind einfach:

  • bei Wörtern, die auf einen Vokal, auf S oder N enden (bombero, casas, andan), wird die zweitletzte Silbe betont;
  • sonst (comer, cartel, conaf) die letzte Silbe;
  • soll ein Wort dennoch anders betont werden (almacén statt almacen), wird immer ein Akzent gesetzt

Im Spanisch kann mal also Geschriebenes immer mit der richtigen Betonung aussprechen, anders als in Deutsch, wo die Betonung von der Bedeutung des Worts abhängt: “urinstinkt”  😉

Aussprache (Südamerikanisches Spanisch)

Zeichen oder Silben in Anführungszeichen sind gemäss deutscher / schweizerdeutscher Aussprache zu interpretieren; Wörter zwischen runden Klammern sind spanische Beispiele:

  • J — (Juanita) ist wie gekratztes “CH” in Schweizerdeutsch: “chu-e”
  • G — vor e oder i (gendarmería, girar) ist ebenfalls wie “CH” in Schweizerdeutsch: “chemifäger”, sonst (garantir) wie Deutsch “G”: Garantie
  • C — hat dieselben Regeln wie in Englisch oder Französisch: vor E oder I (centro, cilantro) ist wie “S”, sonst (calidad, cuadro) ähnlich “K” aber nicht als “KH”: “Cabernet”
  • CH — (charlar) tönt wie “tsch” in Deutsch: matschig
  • H —(hacer)  ist stumm:  “acer”
  • LL —(muelle) tönt wie ein langes “ii”: “mue-ii-e”
  • Ñ —(mañana) tönt das nasale gn im italienischen gnocchi)
  • Z — (zero) tönt in Südamerika wie “S”: “sero”

Jetzt der Test

«Aquí, caballeros, ven donde Jesús se cayó por primera vez. […]
Tres mineros trabajaron por ocho meses tallando este monumento».

In Schweizer-Sprech:
“Aki, caba-ii-eeros, wen donde Ch-esus se caioo por primeera vess. […]
Tres mineeros traba-ch-aaron por otscho meeses ta-ii-ando este monumento.”

Und wer’s noch genauer haben will:

  • B und V — (vaca, beca) tönen genau gleich: wie ein weich gesprochenes “b”
  • P und T — (Pablo, faltar) werden nie gehaucht, also NICHT wie Deutsch “P-h-eter” oder “T-h-al”
  • QU — (vaquero) tönt wie das  cch im italenischen macchina aber NICHT wie das deutsch gehauchte “k-h-alt“
  • S — ist scharf (tres: “tress”)
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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Wenn ich so euren Bericht lese, dann sind die 50’000 Pesos sicher gut investiert. Was mich immer wieder erstaunt, wie gut unsere Vorfahren Ingenieure waren. Wenn man sich vor Augen hält, mit welchen primitiven technischen Mitteln sie fast unmögliches schafften und heute im Grundsatz gleiche Techniken – einfach mit neuzeitlichen Mitteln/Werkzeugen/Techniken – angewendet werden. Alle Generationen hatten die gleiche Physik zur Verfügung und alle holten immer das Bestmögliche heraus.
    Und die Salzkathedrale wie auch das sich „verfärbende“ Kreuz sind sicher sehr eindrucksvoll; dass es vermarktet wird ist für mich mehr als verständlich.
    Weiterhin viele Erlebnisse wünsch ich euch auf eurer Reise und viel Freude und Gesundheit

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