La Guajira

Dieser Artikel sollte ursprünglich «Fin del Mundo Norte» heissen, aber jetzt stehen wir am nördlichsten Punkt Südamerikas und haben so gar nicht dasselbe Ende-der-Welt-Gefühl, das uns am 16. Januar dieses Jahres beseelte, als wir etwa so weit südlich waren, wie man auf diesem Kontinent mit dem Auto fahren kann. Dann wollten wir ihn «Outback Südamerika, Teil 4» nennen, denn wieder einmal sind wir ziemlich weit weg von der organisierten Zivilisation, am Rand einer Wüste, die vor uns im Meer endet. Aber es hat hier in den letzten Wochen so viel geregnet, dass es ganz unnatürlich grün ist. Und zudem leben hier zahlreiche Wayúu-Familien, deren Grundstücke das karge Land wie einen Flickenteppich überziehen, sodass man nicht wirklich alleine ist.

Geographisch sind wir in La Guajira, einem kaum entwickelten und ebenso wenig besuchten, wilden Teil Kolumbiens. Der Staat hat hier nur wenig Einfluss. Diesen haben etwa 40 Wayúu-Clans, deren Angehörige alle sowohl die kolumbianische wie die venezolanische Staatsbürgerschaft tragen. Ausser einer Schotterstrasse und einer Bahnlinie, die eine grosse Steinkohlemine an einen Verladehafen anbinden, gibt es nur Pisten und Schleichwege, die von den Wayúu kontrolliert und mit Wegzöllen belegt werden: mittels einer gespannten Kette wird man zum Anhalten gezwungen, dann wird ein Preis verhandelt, der so um 2000 bis 3000 Pesos (1 USD) liegt.

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Ein einfaches Wayúu-Gehöft

Der nördlichste Punkt Südamerikas heisst Punta Gallinas und kann die meiste Zeit mit einem Geländewagen besucht werden. Aber im Moment ist wegen der heftigen Niederschläge der ganze nördliche Zipfel abgeschnitten, sodas wir vom Cabo de la Vela (60 km entfernt) mit einer Bootstour hier gelandet sind.

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Wayúu-Frauen verkaufen selbstgehäkelte, farbige mochilas
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Die Bootstour ist von der einfachen Sorte: man fährt auf Schaumgummimatratzen sitzend, Wetter- oder Spritzwasserschutz gibt es keinen. Dafür Schwimmwesten!
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Übernachtet wird in chinchorros

Wo Kolumbien entlang der Anden-Kordillere durch fast endlose, grüne Hügellandschaften besticht, wähnt man sich in La Guajira eher in Nordafrika. Gelblicher Sand, Steine, flache Hügel, kleine Bäume und Büsche, Ziegen und Kakteen. Bei Punta Gallinas sind Sand und Felsen ockerfarbig oder gar rötlich. Es gibt steile Sanddünen und flache Fiorde, die stark mit dem blauen Himmel kontrastieren. Und im Moment wird das Ganze durch frisches Grün akzentuiert. Das ist ein Ausnahmezustand und ein extremer Gegensatz zu vor ein paar Wochen, denn in den letzten sechs Jahren fiel in gewissen Zonen kaum Regen. Wasser musste zugeführt werden, die Natur gab kaum mehr Nahrung her, die Leute litten Hunger. Jetzt sind die vielen Ziegen bereits wieder fett.

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Ockerfarbene Felsen, grüne Mangroven, blaues Meer

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Playa Taroa
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Etwas überraschend war die Mirador-Düne gesperrt, weil hier in diesen Wochen eine Reality-TV-Show gedreht wird

Vor ein paar Tagen hatten wir nördlich von Valledupar den letzten Kontrollposten der Polizei passiert, die dort den florierenden Schmuggel mit Venezuela einzudämmen versucht. Tankstellen gibt es hier “oben” keine mehr, dafür werden an der Strasse überall Kanister mit geschmuggeltem Treibstoff angeboten. Die Gegend gilt allerdings als sicher, weil die Wayúu seit Jahrhunderten die Kontrolle ausüben, und die kolumbianische Guerilla (z.B. FARC) und die Paramilitärs hier nie Rückhalt finden konnten.

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Benzin- und Dieselverkauf. Oft stehen die Kanister ohne Dach direkt am Strassenrand
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Die Wayúu-Frauen benutzen eine Paste aus Pilzpulver und Ziegenfett (Quelle: Reise Know How) als Sonnenschutz fürs Gesicht

Auf der Fahrt von Uribia, einer an afrikanische Townships erinnernde, wuselnde Stadt voller dunkelhäutiger Menschen, nach Cabo de la Vela hatten wir uns auf unserer Karte— vielleicht etwas naiv — für die südliche Zufahrt nach Cabo entschieden. Überraschend war die links von der schlechten, ungeteerten Hauptroute abzweigende Strasse frisch asphaltiert. Doch das erledigte sich nach drei Kilometern, als der Asphalt schlagartig in eine Matschpiste überging. Noch zwei Kilometer später war auch keine Piste mehr zu sehen, nur noch relativ frische Reifenspuren, die zwischen grossen Regentümpeln, Sträuchern und Bäumen mäandrierten. Mit etwas Glück kamen wir nie an einen Schlammpool, den unser Kasbah nicht zu bewältigen vermochte, und erreichten nach 16 Kilometern und knapp zwei Stunden Cabo de la Vela.

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Hmmm, welchen Weg jetzt?
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Ortseinfahrt/-ausfahrt von Cabo de La Vela
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Statt nur trockenen Sand hat’s hinter den Hütten jetzt einen kleinen See

Nach etwas suchen und fragen stellten wir uns bei Paula und Etto hin, die direkt am Karibikstrand und etwa einen halben Kilometer ausserhalb der Ortschaft eine Kite-Schule betreiben.

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Das Cabo de la Vela

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Kite-Schule Eoletto

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Und jetzt stehen wir also just zum Sonnenuntergang am Fuss des nördlichsten Leuchtturms von Südamerika. Morgen um 05 Uhr geht es wieder zurück nach Cabo. Aber bis dahin geniessen wir noch die warme Nacht, den streulichtfreien Himmel und die Tatsache, dass es hier erstaunlicherweise praktisch keine Stechviecher gibt.

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Punta Gallinas, nördlichster Punkt und Leuchtturm Südamerikas

Nützliches Vokabular

la mochila — Rucksack;  hier eher eine Umhängetasche
el chinchorro — Hängematte, etwas grösser und komfortabler als die gewöhnliche hamaca
el mirador — Aussichtspunkt

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Ettinger sagt:

    gfallt miar dases eu guat got! für mi DAS wort vo dem bitrag: Stechviecher (tengo que lo recordar 😉
    Bündnergruass us Cartagena

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  2. Vincenz sagt:

    Hallo Ihr zwei, Euer Reisebericht nach Punta Gallinas ist atemberaubend, ebenso sind es die Bilder, atemberaubend schön! Ich bin beeindruckt von den Wayùu Frauen. Das war um die Weihnachtszeit. Ich denke, dass Ihr Euch noch weiter im Gebiet La Guajira aufhalten werdet, weil auf der groben Routenübersicht da ein Flugzeug wegfliegt … alles Gute noch für die letzten Wochen. Hebed Sorg! Irma, in 1 Woche im Engadin – der Winter ist doch noch gekommen bis ins Flachland.

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  3. Stefan Graber sagt:

    Einmal mehr: Wunderbare Bilder und ein imposanter Reisebericht. Glaube fast, dabei gewesen zu sein. Und wie so üblich für euch – ihr wählt keine einfache Route und geht dahin, wo keine anderen Touristen gehen.
    Weiterhin viel Freude beim Reisen.

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