¡ Olé !

Alle stehen auf und singen inbrünstig Kolumbiens Nationalhymne, begleitet vom Live-Orchester auf dem Balkon. Wir tun es der Zuschauermenge gleich und erheben uns, nehmen den Hut vom Haupt, aber in den Gesang stimmen wir nicht ein — weil wir den Text nicht kennen …

Dreissig Minuten vorher: Wir stehen in einer langen Schlange. Beat mit den Männern, Jeannine mit den Frauen. Einmal mehr sind wir erstaunt, wie geduldig und gesittet die Kolumbianer anstehen und warten. Weil einem die Plastikflaschen bei der Kontrolle abgenommen werden, lassen die Eingeweihten ihre Getränke in lederne Trinkbeutel abfüllen, was den geschäftstüchtigen Verkäufern auf dem Festplatz ein gutes Geschäft generiert.

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Buntes Treiben am Eingang zur Stierkampfarena
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Das Geschäft des Tages: ein Trinkbeutel kostet knapp zehn Schweizerfranken — teuer für Kolumbien

Auf den sonnengewärmten Steinbänken in der Plaza de Toros sitzend, sind wir umgeben von fröhlichen und geschwätzigen Manizaleños , wo im Rahmen der Feria de Manizales Stierkämpfe geboten werden. Etwas, das die Spanier in der Kolonialzeit erfolgreich an mehrere Länder Lateinamerikas exportiert hatten, und wo diese heute noch einen traditionellen Festbestandteil bilden.

Nach der Nationalhymne nehmen wir Platz und: Peng! geht es pünktlich los mit dem ersten Auftritt. Der Steckbrief des Stiers wird auf eine Tafel geschrieben von zwei Männern durchs ruedo getragen. Der mit Sand bedeckte Kampfplatz hat einen Durchmesser von geschätzt 50 m und ist von der barrera umgeben, einer 1.6 m hohen Balustrade aus Holz mit vier Toren.

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Hier kommt der Stier in die Arena

Durch eines davon trabt jetzt der Stier in die Arena und wird sogleich vom matador mit der capote empfangen. Er lenkt das Tier damit umher, macht es müde und studiert dabei sein Angriffs- und Bewegungsverhalten. Nach wenigen Minuten erscheinen zwei picaderos zu Pferd. Der Stier wird von den banderilleros mit ihren capotes in Schach, d.h. nahe bei den burladeros (Schutzwänden) gehalten, bis die picaderos ungefährdet ihren Platz eingenommen haben.

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Drei banderilleros und der matador mit den capotes, picadero zu Pferd; und der Stier

Zu unserem Entsetzen wird der kampflustige Stier nun von einem der picaderos mit einem heftigen Lanzenstoss im Nackenbereich verwundet. Das zwingt das Tier, ab sofort den Kopf in gesenkter Stellung zu tragen, was es dem matador später erst möglich macht, dem Stier den finalen Todesstoss zu verpassen. Doch so weit sind wir noch nicht!

Das unfaire Spiel geht weiter mit den banderilleros, die den Stier weiter verletzen, indem sie ihm je zwei lange, mit bunten Bändern verzierte Spiesse in den Rücken setzen. Trotz Widerhaken bleibt nicht jeder Spiess hängen. Der Akt des Zustechens ist allerdings spektakulär: der bandillero streckt sich aus, in jeder Hand einen Spiess, beugt sich nach hinten und sobald der Stier frontal auf ihn zustürmt, sticht er mit voller Gewalt zu. Eine echte Mutprobe. Im finalen Teil folgen noch mehr davon.

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Banderillero auf der Flucht, nachdem er dem Stier erfolgreich zwei Stechlanzen gesetzt hat

Danach verbleiben einzig der matador mit seiner roten muleta, hinter der er seinen Säbel versteckt, und der verwundete Stier in der Arena. In einem rund zehn Minuten dauernden Tanz lässt der matador mit Hilfe des Tuches den Stier harmonische Kreise oder Achten rennen, deren Ablauf in der Tradition des Stierkampfes festgelegt ist. Dieser Tanz wird von Musik begleitet und von den Zuschauern mit Olé-Rufen unterstützt. Dabei zelebriert der Stierkämpfer seine Überlegenheit, welche damit endet, dass er dem Tier seinen 80 cm langen Säbel in den Spalt zwischen die Schulterblätter stösst, womit das Herz oder die Aorta verletzt werden, und der Stier zu Boden sinkt.

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Der junge spanische Torero ist sehr risikobereit und bietet dem Publikum tolle Unterhaltung
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Zum zweitenmal auf die Hörner genommen!
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Finaler Stoss! Ab heute Abend gibt’s in den Restaurants Ochsenschwanzsuppe.

Nun flitzt innert Sekunden ein Pferdegespann mit Wagen in die Arena, um den erlegten Stier aus der Arena zu ziehen und dem nächsten Platz zu machen. Die beiden roten Kreise im Sand werden (mit Blut) nachgezeichnet, und der nächste torero macht sich bereit.

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Sechsmal können wir dieses Schauspiel an diesem Nachmittag verfolgen und stellen grosse Unterschiede zwischen den drei matadores fest. Der Jüngste, ein Spanier, geht am meisten Risiko ein, und sein Kampf ist kunstvoll und harmonisch. Trotzdem wird dies unser erster und einziger Stierkampf gewesen sein – zu unfair das Spiel, aber ein wichtiges Stück Tradition ! ¡Olé!

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Weil Oliver vor 25 Jahren einen Stierkampf in Spanien verfolgt hatte, verzichtete er auf das Spektakel in Manizales. Beat übernahm das Fotografieren. Dank für die Bilder!

Nützliches Vokabular

los manizaleños — Einwohner von Mainzales, eine Stadt in der Kaffeezone Kolumbiens
la feria — das Fest, „Chilby“
la plaza de toros — Stierkampfarena
las corridas de toro — Stierkämpfe
el ruedo — Kampfplatz
la barrera — Bande / Abschrankung
el torero — Stierkampfcrew, bestehend aus:
el matador — wörtlich (Stier-) Töter
dos picadores — zwei Lanzenreiter
tres banderilleros — drei Kämpfer mit je zwei Stechlanzen
el capote — das rote oder pinkfarbene Tuch des Stierkämpfers mit meist gelber Rückseite
el burladero — Wände, hinter welchen der matador und die banderilleros bei Bedarf Schutz suchen
la muleta — kleines, dunkelrotes Tuch, welches der Matador für den finalen Teil braucht und hinter dem er seinen Degen versteckt

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Anstehen wie an einem Fussballmatch. Hätte mir auch besser gefallen; so ein Stierkampf ist ja echte Tierquälerei. Ich verstehe Oli, dass er darauf verzichtete.
    Was aber spannend ist: die lederne Trinkflasche hatte ich als Junge in der Pfadi. Damals bekam ich die von irgendwo aus Spanien.
    Aus der verschneiten Schweiz coole Grüsse

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