Die andere Optik, zum zweiten

Gastbeitrag von Beat Ambühl (Text und Bilder)

Ein Jahr nach meiner Mitreise durch Patagonien ergab sich über Weihnachten/Neujahr erneut die Gelegenheit, Jeannine & Oliver partiell zu begleiten, diesmal in Kolumbien.

Wieder hatte ich die „Ufzgis“ nicht gemacht, d.h. weder etwas besser Spanisch gelernt, noch einen Reiseführer im voraus studiert oder klare Reiseziele evaluiert. Dies im Wissen, dass zu viele Köche den Brei verderben, und ich in der ausgeklügelten Vorgehensweise und Umsetzungsart der beiden Langzeitreisenden nicht das Sandkorn (oder den Granitbrocken) spielen wollte.
[Anmerkung der Redaktion: Beat hatte seinen eigenen Reise-Know-How-Führer «Kolumbien» im Gepäck, las eifrig darin und half mit, Schwerpunkte zu setzen].

Ich traf also meine Freunde in Cartagena. Wir fuhren entlang der Karibikküste fast bis zur Grenze nach Panama, über Medellín via Guatapé nach Manizales, und weiter durch die Zona Cafetera nach Bogotá.

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Hier meine subjektiven Eindrücke von unserer Reise in 15 Bildformaten.

Playa Turistica

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Touristenstrand in Bocagrande, Cartagena

Dies soll Kolumbien sein? Spontan ging mir dieser Gedanke durch den Kopf, als wir am zweiten Reisetag zu Fuss durch den neueren Stadtteil Bocagrande von Cartagena schlenderten. Als Grünschnabel dachte ich, Kolumbien sei fast nur grün…! Dieses Strandleben war wenig einladend.

Aufdringliche Liegeplatzverkäufer, mässige Infrastruktur, langweilige Strandgestaltung. Vieles wirkte nur halbfertig, die Hochhäuser im Rohbau steckengeblieben. Kurzum: bestimmt nicht mein Ferienspot für den Strandplausch an der Karibikküste.

Playa Local

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Karibikstrand in Capurganá

Schon anders siehts im weniger bequem zugänglichen Capurganá aus: Das Strandleben wird hier geprägt von einheimischen Feriengästen, die auf Plastikstühlen sitzen, diskutieren, trinken (viel), tanzen und so laut Musik hören, dass sie bestimmt schwerhörig werden (falls Sie es nicht schon sind).

Zwar keine sandweissen Bounty-Beaches und die Strände oft mit starker Brandung, Strömungen oder Schwemmholz — von der Vielzahl grosser Flüsse die ins Meer führen — belastet. Aber authentisch.

Frutas y Grafiti

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Auf den Strassen von Cartagena

Klarheit zur Kulinarik: Wegen dem Essen braucht man nicht nach Kolumbien zu gehen. Aber wegen den vielfältigen Früchten und den tollen Graffitis schon!

Für Jeannine (sie kocht immer noch herausragend) war es stets eine grosse Freude, lokal einzukaufen. Für Oli und mich die noch grössere Freude, das frische Früchtemüesli zu schlemmen.

In den omnipräsenten Graffitis stecken viele, oft auch politische Botschaften. In Bogotá machten wir eine spannende, 12 km lange City-Bike-Graffiti-Tour.

Gente

personas
Spontantreff auf 4‘158 M.ü.M.

Die vielgepriesene Freundlichkeit der Kolumbianer erlebten wir erst im Landesinnern. Es ergaben sich einige schöne Begegnungen, so wie hier auf der Höhe unserer Jungfrau beim Nevado de Ruíz, wo eine Familie aus Bogotá ihren Wochenendausflug machte (9 Stunden Fahrzeit!) und uns spontan auf ihre Champignon-Hacienda einluden (was wir dann auch machten).

Zudem half uns am Silvesterabend eine kolumbianische Schönheit mit ihrer Uber-Mitgliedschaft aus der Patsche (alle Taxifahrer weilten ab 21:00 Uhr bei ihren Familien).

Muñeco de Nieve

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Bechermann in Cartagena

Schnee gibt’s in Kolumbien nur bei den Volcanos, ab rund 5‘000 M.ü.M. In den unteren Höhenlagen behelfen sich die Einheimischen auf Ihre Art. Warum eigentlich nicht — auch bei uns könnte dieser „Bechermann“ mit der Zeit eine Alternative werden.

Schnee scheint die Kolumbianer zu verzaubern: Weisse „Chügeli“ liessen sie von Hand über die künstlichen Tannenbäume rieseln und lächelten dazu. Und die weissen Wattenbüschel über den Fenstern suggerierten Eiszapfen. Kitsch pur — aber herzig!

Sandalia

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Keen „Bison“, Santa Fé de Antioquia

Ich weiss, Oli hat etwas gegen Sandalen. Doch auch auf dieser Reise waren diese mein ultimatives Lieblingsteil. Man stelle sich vor: mit nur einem Schuhwerk konnte ich mich immer off road bewegen, hatte nie kalt und nie heiss, wanderte durch schlammige Wege, schwamm im Meer, sass am Steuer, hatte immer Frischluft und einen Zehenschutz! Tauglich auch für die Mini-Beiz (O.K., allenfalls nur bis 3-Stern-Restaurant).

PS: Und für’s Tourenvelölen gibt es ein Damen- und ein Herrenmodell mit integrierten Klickplatten. ¡Compra obvia!

[Anmerkung der Redaktion: Oliver hat nichts gegen Sandalen per se, jedoch höhere ästhetische Ansprüche 😉 ]

¿Travesía o Travesura?

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Spassbremsen in Guatapé

Überall im Land und in ganz unterschiedlichen, buckligen Ausprägungen gab es diese Schwellen, manchmal Ton in Ton mit dem Strassenbelag (wunderbar leicht zu übersehen!). Ich nannte Sie Spassbremsen.

Während diese in bewohnten Dörfern noch nachvollziehbar sind, scheint deren Zweck bei doppelspurigen Passfahrten bergauf, auf Überlandabschnitten und im 10-Meter-Abstand gesetzt, eher fragwürdig.

Meistens nur im 1. oder 2. Gang befahrbar. So blieb stets genügend Zeit, nach links und rechts zu schauen.

Navidad

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Auf der Champignon-Hacienda bei Facatativá

Es war Weihnachtszeit in Kolumbien (min. 90% der Kolumbianer sind Katholiken). Egal ob vor einer Fabrik, bei einem Hostal-Eingang oder im Garten an der Karibikküste: Ein Weihnachtsbaum — fast immer ergänzt mit einem Krippenspiel – wird platziert, gehegt und gepflegt. Wie gläubig die Einheimischen wirklich (noch) sind, weiss ich aber nicht. Die Kirchen waren jedenfalls fast so leer wie bei uns.

Wir verbrachten Heilig Abend mit einer Grossfamilie am Meer. Diese führte uns beim Strandfeuer in ihr Tequila-Ritual ein.

Corrida

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Corrida in Manizales

Ein Höhepunkt meiner Reise war der Besuch eines Stierkampfes in Manizales (Jeannine hat darüber schon berichtet). Man stelle sich vor: Zusammen mit 6‘000 Kolumbianern, fast alle mit Hut und mit im Beutel mitgebrachtem Rum, frönten wir dieser alten Tradition. Bevor die drei Toreros (mit sehr unterschiedlichen Stilnoten) je zwei Kämpfe bestritten, standen alle auf und sangen inbrünstig die Nationalhymne.

Sowas gibt’s bei uns nur noch beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest.

Die Chancengleichheit beim Kampf selber war nicht gegeben — aber lange leiden mussten die Toros nicht. ¡Olé Torero!

Medellin

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Metro Cable Station Santo Domingo, Medellín

Auf 1‘500 m.ü.M. liegt Medellín, mit 4.5 Mio. Einwohner zweitgrösste Stadt Kolumbiens und mit dunkler Vergangenheit (Drogenkartell aus den Zeiten von Pablo Escobar sowie hohe Kriminalitätsrate), von der heute kaum mehr etwas spürbar ist.

Es ist also eindrücklich, in einen so dicht besiedelten Talkessel voller Backsteinbauten und Hochhäuser hineinzufahren!

Mittels vier Gondelbahnlinien werden die beiden Talseiten direkt ab der Metro erschlossen. Eine Gondelbahn führt bis ins Grüne hinauf in die grosse Parkanlage Arví („Gurten“ von Medellín, mal Faktor 20).

Policía, Ejercito y Bicicletas

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Militär und Velöler in den Strassen Bogotás

Omnipräsent in Kolumbien sind die Polizei bzw. das Militär sowie die Velofahrer! Stellvertretend hier in Bogotá, wo es an jedem Sonntag und Feiertag eine ciclovía (autofreie Strassen in der Innenstadt) gibt. Material und Aussehen spielen kaum eine Rolle, man macht einfach etwas, wobei man Spass hat. ¡Muy agradable!

Die Polizei (fast nur junge Burschen ohne Korruptionsvorbelastung) ist im ganzen Land auch mit Strassensperren präsent. Man ist ganz offensichtlich um mehr Sicherheit bemüht. An den Strassensperren gilt: wenn O.K. — Daumen hoch!

La sombra del cerro

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Ausblick vom Piedra de Peñol, Guatapé

Wer hätte das gedacht, dass ich mich auf dem Piedra de Peñol und nach 625 furchterregenden Treppenstufen plötzlich heimisch fühlte: Im Abendlicht tauchte ein Mini-Niesen-Schatten auf!

Nicht ganz so pyramidenförmig, wie der Berg im Berner Oberland von Sigriswil aus erscheint, aber fast so eindrücklich. Die Spitze dieses 200 m hohen Granitbrockens wanderte im Abendlicht sachte durch diese künstlich gestaute, fjordähnliche Seenlandschaft.

Arte

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Detail „Árbol de la Vida“ von Leobardo Pérez Jiménez, 2012, Medellin

Ob Märitfrauen-Bilderausstellung in Cartagena, Fernando Botero Museum in Medellín, Graffitis oder das Goldmuseum in Bogotá — auch für Kunst und Kultur nahmen wir uns Zeit.

Dabei beeindruckte mich ein „Messer-Menschen-Baum“ irgendwo in Medellín am meisten, wo ein Künstler aus 27’398 (!) Messerklingen, die während der Entwaffnung der Quartiere eingesammelt worden waren, einen 10 Meter hohen Baum aus Menschen, die miteinander verschlungen sind, gestaltete. Eine gelungene Transformation von Gewaltpotential in sinnliche Schönheit!

Paraguas

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Es regnet auch an der Karibikküste, Capurganá

Wenn es so kübelt, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man bleibt am „schärme“ oder besorgt sich einen Schirm.

Nein, nicht irgendeinen Schirm, sondern den „SENZ ORIGINAL STURMSCHIRM“. Mir geschehen und dank einer jungen Holländerin im Trockenen geblieben! Der Schirm ist asymmetrisch konzipiert (nach hinten länger) und vermag Wind bis 100 km/h zu trotzen. Ein geniales Produkt, erhältlich bei CONNOX.

Casa Carro

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Reisealltag mit Jeannine und Oliver, San Antero

Wir wissen es alle: Meine beiden Gastgeber sind seit langem ein eingespieltes Team. Während Jeannine flink und glücklich auch nach einem langen Fahrtag in ihrer Outdoor-Küche hantiert (Meditation mit kulinarischen Höhenflügen), optimiert Oli (immer noch analytisch im Denken und präzise im Handeln) sein Vehikel laufend und hält dieses vorbildlich im Schuss.

Dem Aussenstehenden bleibt bei soviel Kompetenz auf kleinem Raum nur noch das Staunen übrig. Proaktive Beihilfe wäre Wasser in den Rio Magdalena getragen [grösster Fluss Kolumbiens].

Conclusiones

  • Das freie Campieren ist im dicht besiedelten (50 Mio. Einwohner), zerklüfteten und bewaldeten Kolumbien massiv schwieriger als z. B. in Patagonien.
    [Anmerkung der Redaktion: es wäre wegen Paramilitärs und Kriminalität in gewissen Gebieten auch zu gefährlich].
  • Mit einem angepassten Verhalten lässt sich Kolumbien heute relativ gefahrlos bereisen (siehe vorstehenden Punkt).
  • Die Familie steht in Kolumbien im Mittelpunkt. Niemand hat verstanden, dass man als 50-Jähriger nicht verheiratet ist und keine Kinder hat.
  • Die Menschen in den Bergen und vom Lande kamen mir „schaffiger“ und aufmerksamer vor als die Einheimischen an der Karibikküste.
  • Im Strassenverkehr sind die Kolumbianer massiv toleranter als die Schweizer.
  • Ich begegnete weder arroganten noch wichtigtuerischen Kolumbianern oder Kolumbianerinnen.

Mit einem herzlichen Dankeschön an Jeannine und Oliver für die sehr vielseitige und interessante Reise durch Kolumbien!

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Heinz Kolb sagt:

    Hallo Beat, ich habe deinen Beitrag mit grossem Interesse gelesen. Insgesamt tönt alles sehr spannend wie auch abenteuerlich. Besonders sind natürlich auch drei Wochen am Stück erwähnenswert. Die Stierkämpfe hätte ich definitiv ausgelassen…… Ich könnte mir gut vorstellen rein fotografisch in dieser Gegend unterwegs zu sein, allein um das diesbetreffende Potential auszuschöpfen.
    Ab 06.02.17 bin ich für eine Woche im Finnischen Winter in Koosamo, nahe der russischen Grenze unterwegs. Bin gespannt auf die klirrende Kälte der dortigen Nationalparks!! Beste Grüsse, Heinz Kolb http://www.fotokolb.ch

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  2. Anne sagt:

    Hallo B.E.A.T.
    Danke für deinen erneut sehr spannenden und schön verfassten Beitrag. Du solltest durch die Welt reisen und Reiseführer schreiben oder Dokumentarfilme drehen.
    A.N.N.E

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