Treue Reisebegleiter — Klimakammer

am

Der Hauptgrund, ein Fahrzeug mit Schneckenhaus durch die Welt zu fahren, ist, dass es uns Schutz bietet.

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Wir wollen Schutz vor

  • Nässe und Kälte — auf über 4000 m.ü.M. ist es auch mal unter –10°C
  • Sonne und Hitze — senkrechte Sonneneinstrahlung oder 40°C sind ohne Weiteres möglich
  • Wind und Staub — 60 km/h und mehr war in Patagonien keine Seltenheit
  • Insekten — z.B. Fliegen in Australien, die einem das Essen verunmöglichen
  • unlauterem Zugriff auf unsere Wertsachen und Ausrüstung.

Im Folgenden beschränken wir uns auf Wärme und Kälte. Zuerst ein klitzekleines Bisschen Physik (für alle, die glauben, dass sich ein schwarzes Auto in der Sonne viel schneller aufheizt als ein baugleiches weisses Auto):

Erstens, die Physik verwendet nur das Konzept von Wärme. Ein Kühlschrank produziert also nicht Kälte, sondern transferiert Wärme von seinem Innenraum an seine Umgebung.

Zweitens, Wärme kann auf drei Arten transportiert werden:

  1. durch Wärmeleitung (der Pfannenboden leitet Wärme von der Kochplatte zum Spiegelei)
  2. durch Konvektion (der Haarfön bläst Wärme als heissen Luftstrom ins nasse Haar)
  3. durch Strahlung (die Glühbirne strahlt neben etwas Licht vor allem 95% Wärme in den Raum).

Drittens, die meisten Materialien sind schlechte Wärmeleiter (siehe Punkt a), d.h. sie isolieren recht gut, und jeder Materialübergang (Wärmeübertragung von einem Material zum anderen) bremst die Wärmeleitung zusätzlich. Doppelglasfenster isolieren vor allem deshalb so gut, weil die Wärme von der Luft ins erste Glas, zurück in die Luft, ins zweite Glas und wieder in die Luft wechseln muss (Glas selbst leitet Wärme recht gut und hat nur wenig Isolationseffekt).

Doch jetzt zum Thema: Die Führerkabine unseres Bremach ist wie die eines normalen Autos mit einer “Konvektionsklimaanlage” (siehe Punkt b) ausgestattet, nämlich mit einer Lüftung, deren Luftstrom geheizt oder aktiv gekühlt werden kann.
Durch die grosse Frontscheibe — welche uns fast unbegrenzten Ausblick auf grandiose Natur gibt — kommt aber via Sonneneinstrahlung (siehe Punkt c) viel Wärme hinein. Und dies sowohl beim Fahren wie auch wenn das Fahrzeug geparkt ist.

Damit uns die Sonne beim Fahren weniger anscheint (Strahlung Punkt c) und blendet, haben wir in Argentinien einen gut 10 cm breiten Streifen getönte Folie oben auf die Windschutzscheibe geklebt. Der Unterschied ist gut spürbar, und die Sicht ist nicht eingeschränkt.

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Ist das Auto an der Sonne geparkt (schon wieder Punkt c), montieren wir einen reflektierenden Sonnenschutz hinter die Frontscheibe, der enorm viel bringt: statt in einen Backofen einzusteigen, können wir so in einem bloss etwas überheizten Cockpit losfahren.

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Im Wohnteil ist die Situation etwas anders. Dieser verfügt zuerst einmal rundum über eine 37 mm dicke Schaumisolation, die auf beiden Seiten mit einer Glasfaserschicht von 1.5 mm verklebt ist (siehe Bemerkung “Drittens”: Materialübergang). Dies verzögert das Aufheizen resp. Abkühlen des Innenraums, wenn die Aussentemperatur hoch resp. tief ist. Zudem haben wir nur kleine Fenster, durch die nicht viel Wärme als Sonneneinstrahlung eintritt resp. wenig Abstrahlung von Innenwärme an kalten Tagen oder Nächten austritt (siehe Punkt c).

So messen wir z.B. einem Tag, der mit 20°C startet und um die Mittagszeit auf 35°C steigt, am Mittag drinnen immer noch nur 25°C.

Wir verbringen so viel Zeit wie möglich draussen, aber Nässe, Kälte, Hitze, Dunkelheit oder Insekten zwingen uns oft nach innen. Bei Aussentemperaturen zwischen 10 und 20°C passen wir uns drinnen durch einen zusätzlichen Pullover oder mit einer Wolldecke an. Zwischen 20 und 30°C schaffen wir durch leichtere Kleidung und durch Öffnen von Fenstern, Türe und/oder Dachklappe ein angenehmes Innenklima.

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Dach und Fenster offen, über dem Bett entsteht ein Luftzug quer zum Fahrzeug

Wenn noch etwas Wind geht, halten wir drinnen auch höhere Temperaturen aus (Wärmeabfuhr durch Konvektion, Punkt b). Sonst kommt unsere eigene Windmaschine zum Einsatz (erneut Punkt b); in den Tropen, bei hoher Luftfeuchtigkeit auch schon unter 30°C. Zudem können wir draussen eine Markise aufstellen, die uns Schatten spendet (genau: Punkt c).

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Windmaschine: Zwei 12-Volt PC-Ventilatoren mit einer einfachen Steuerung (verbrauchen zusammen nur ca. 0.5 A Strom und sind sehr leise) sorgen für bewegte Luft im Innern (Olivers Bastelarbeit aus Darwin, Australien)
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38°C am Schatten: Markise als Schattenspender

Eine Klimaanlage haben wir im Wohnbereich nicht, weil eine solche extrem viel Strom verbrauchen würde, und dies vor allem nachts zum schlafen. Dafür müssten wir eine viel grössere und schwerere Zusatzbatterie mitführen.

Sinkt die Aussentemperatur unter ca. 10°C ab, wird es irgendwann Zeit, den Startknopf der Standheizung zu drücken. Diese zieht und verbrennt Diesel aus dem Haupttank des Autos und produziert damit warme Luft, die von einer elektrischen Turbine in unseren Wohnraum geblasen wird (Konvektion, Punkt b). Die Heizung hat eine Leistung von 2000 Watt. Mit der warmen Luft können wir im Wohnzimmer auch die Luftfeuchte reduzieren (Regentag). Wir haben die Heizung in den Anden über Erwarten viel benutzt, und sie hat ganz massgeblich zu unserem Komfort beigetragen, wo wir ohne eine Heizung oft schon um 20 Uhr im Schlafsack gesteckt hätten.

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Eberspächer Airtronic D2: die Umgebungsluft wird links ansaugt, die Warmluft rechts durch das Rohr ausgeblasen. Die Heizung hat einen Auspuff, der hier nicht sichtbar ist
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Warmluftaustritt im „Wohnzimmer“

Und ja, das schwarze Auto heizt sich in der Sonne tatsächlich nur unwesentlich schneller auf als das weisse! Wohl reflektiert das weisse Dach mehr Sonnenlicht (Strahlung, Punkt c), aber das Blech plus der Dachhimmel isolieren recht ordentlich (Wärmeleitung, Punkt a), während weitaus die meiste Wärme als Strahlung (Punkt c) durch die grossen Fensterflächen ins Wageninnere tritt und dort die Oberflächen aufheizt. Getönte Scheiben bringen deshalb viel mehr als eine helle Wagenfarbe.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Ohne einen bastelnden Techniker wäre die Reise zu einer Tortur geworden. Mega spannend zu lesen, an was alles ihr gedacht, gebaut oder nachgerüstet habt. Ein Job als Berater für Spezialreisende wäre auch etwas für euch.
    Geniesst euren Segelturn und bis bald

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