¡Ay, qué colores! Teil 3

Bogotá (2600 m.ü.M.) ist keine schöne Stadt. Im Osten durch eine Bergkette begrenzt, breitet sich die 8-Millionen-Metropole (gleich viele Einwohner wie die Schweiz) wie ein Teppich gegen Westen aus. Kolumbiens Konflikte über die letzten 30 Jahre trieben ebenfalls 8 Millionen Menschen vom Land in die Städte. Die meisten davon ohne Ausbildung, viele landeten in der Armut. Zwar darf Armut nie mit Kriminalität gleichsetzt werden, aber die Kriminalität in Bogotá ist hoch. Es gab und gibt soziale Unruhe. Und weil Bogotá auch noch Hauptstadt ist, sind die politischen Proteste und Bewegungen hier am stärksten ausgeprägt. Das äussert sich am augenfälligsten in den Graffitis, die vor allem die Quartiere im Stadtzentrum zieren und die grauen Betonbauten mit Farbtupfern versehen.

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Aussicht auf Bogotá vom Monserrate, dem Bergkamm im Osten der Stadt (d.h. Blick gegen Südwesten)

Das Problem mit politischen Aussagen — und solche stellen Graffitis oft dar — ist, dass man viel Kontextwissen braucht, um sie zu verstehen. Deshalb begeben wir uns heute nicht selbständig auf Graffiti-Suche, sondern mieten Velos und lassen uns von Daniel führen. Daniel studiert Psychologie, ist aber auch Grafikkünstler und zeichnet Illustrationen für Kinderbücher. Er kennt sich in der Graffiti-Szene aus und führt uns vier Stunden lang u.a durch Quartiere, die wir alleine nicht durchradeln würden.

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Daniel, unser Guide, mit seinem Fixie (Velo mit Starrlauf, ohne Bremsen oder Schaltung).  [Technik für das Graffiti im Hintergrund: Spraydose]
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Nicht eine der schönsten und sichersten Ecken Bogotás

Was uns an diesem Montag — es ist Feiertag, denn der Dreikönigstag wurde clevererweise vom Freitag auf Montag verschoben, damit die Sommerferien noch einen Tag länger dauern — zugute kommt, sind die ciclovía-Strassensperrungen: jeden Sonn- und Feiertag werden in vielen südamerikanischen Innenstädten ganze Strassennetze für den motorisierten Verkehr gesperrt, um das Velofahren zu ermöglichen und zu fördern. Deshalb können wir heute auch die wichtigen Graffitis in der sonst zu dicht befahrenen Calle 26 (nach unserem Begriff eine Autobahn) ansteuern.

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Auf einer ciclovía
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Die Calle 26, auf deren beiden Seiten sehr viele Graffitis zu finden sind

Graffitis haben in Bogotá Tradition, doch es war immer die Diskussion, ob Graffitis Vandalismus oder Kunst sind. Aber seit im August 2011 der 16-jährige Diego Felipe Becerra von der Polizei erschossen wurde, als er illegal einen Gato Félix sprayte, explodierte die Graffitibewegung, denn die Polizei hatte versucht, ihren Fehler zu vertuschen und Diego Felipe als Gangster darzustellen. 2012 wurde zudem ein linker Bürgermeister gewählt, der Graffitis als Bereicherung sah und finanziell förderte, indem die Stadt fortan Graffiti-Wettbewerbe ausschrieb und Werke (typischerweise an grossen Fassaden) in Auftrag gab.

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Der Gato Félix (weiss-schwarz-rot, oben links) ist eine Hommage anderer grafiteros an Diego Felipe. Unter den grafiteros gibt es den Codex, „gute“ Graffitis nicht gegenseitig zu übermalen oder zu verunstalten.  [Technik: Pinsel, Rolle, Spraydose]
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Auftragswerk der Stadtregierung Bogotá  [Technik: Pinsel und Rolle]
Die grafiteros gehen heute durch Quartiere und fragen an geeigneten Orten an, ob sie Graffitis anbringen dürfen. Immer mehr Privatleute und Firmen stellen ihre Fassaden für Graffitis zur Verfügung — oder geben gar Werke in Auftrag —, weil sie lieber ein interessantes Graffiti als eine Schmiererei an ihrem Haus haben. Daniel führt uns durch lebendige und gepflegte Strassen und Gassen, aber auch durch verwahrloste und stinkende Unterführungen und Plätze. Er erklärt uns die politischen und sozialen Anlässe, die zu diesem oder jenem Graffiti geführt haben; nimmt grafische Elemente und Produktionstechniken auseinander; und enthüllt für uns Aussagen und Anspielungen.

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«Wasser ist wertvoller als Gold»: Die Regierung vergibt laufend neue Gold-Schürflizenzen an Minenfirmen, doch diese verwenden Quecksilber oder Cyanidlauge, um das Gold aus dem Erz herauszlösen. Beides landet am Ende in den Flüssen.  [Technik: Rolle (Hintergrund), Spraydose mit Schablonen]
Eine ähnliche Tour, allerdings zu Fuss, hatten wir bereits in Cartagena unternommen. Der ausgewanderte Belgier Christof führte uns damals ebenfalls mit erleuchtenden Hintergrundinformationen durch den alten Stadtteil Getsemaní … und ermunterte uns, erst recht in Bogotá auf Graffiti-Tour zu gehen. Eine Aufforderung, der wir mit Eifer nachgekommen sind!

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Christof vor einem riesigen Auftragswerk in Cartagenas. Das Graffiti war eigentlich eine Werbung für Sprite und wurde von Coca-Cola finanziert, doch kurz nach der Fertigstellung „verschwand“ der Sprite-Schriftzug …

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«No le pegue a la negra (Lass‘ die schwarze Frau in Ruhe)»: eine Aussage gegen Gewalt und Diskriminierung. In der Graffiti-Szene sind auch viele Frauen artistisch tätig.  [Technik: Pinsel, Spray mit Schablonen]
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Die dargestellte Frau aus Cartagena existiert tatsächlich und war die Gewinnerin eines Wettbewerbs. Der renommierte grafitero FinDac hat sie in Szene gesetzt.  [Technik: Spraydose, Pinsel]
Hinweis: Das erste Bild anklicken und dann immer weiterblättern:

Hinweise zu den untersten sechs Bildern (im Uhrzeigersinn, oben links beginnend):

  1. Eine Hommage an den kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márques, dem Übervater der südamerikanischen Literatur
  2. Eine Hommage an den Renault R4, den man hier immer noch täglich auf den Strassen antrifft, und der für viele Familien das erste Auto war
  3. Eine Hommage an den Satiriker Jaime Garzón, der sich am Fernseher über Politiker mokierte und deswegen 1999 umgebracht wurde
  4. Eine Kampagne gegen genmanipulierte Pflanzen und insbesondere gegen den Saatguthersteller Monsanto, der eine Gesetzesänderung erwirkte, die es den Bauern verbot, Samen aus ihrer eigenen Ernte zu verwenden, wie sie das über Generationen getan hatten — was zu grossen Unruhen im Land führte
  5. Einer von vielen Vögeln, die entlang der Calle 26 als Teil einer Umweltkampagne dargestellt sind
  6. Ein Werk des renommierten grafiteros Toxicómano, aus dem der Bildausschnitt  «El agua vale más que el oro»(siehe oben) stammt

Mehr Bilder und Hintergrundinformationen (in Spanisch) zu Kolumbiens Graffitis.

 

Nützliches Vokabular

la ciclovía — Veloweg
el grafitero — Graffiti-Künstler
el artista callejero — wörtlich: Strassenkünstler (street artist)
rayar — (ver-) schmieren
el aerosol — Spray

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. André Grubauer sagt:

    Wow – fantastisch und sehr ausdrucksstark! Erinnert mich an einen Graffiti-Trip in L.A, bei welchem die schönsten (leider) in den gefährlichsten Stadt-Gebieten zu finden waren. Das ging dann etwa so: mit dem Auto schnell ins Gebiet reinfahren, aussteigen, Fotos schiessen, schnell einsteigen und noch schneller wieder wegfahren…

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  2. Stefan Graber sagt:

    Auch wenn ich die politischen Hintergründe nicht alle kenne oder deuten kann: mir gefallen die Grafiti wie auch der dazugehörende, informative Bericht.

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