Gabo

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Wir schlendern durch die von einer dicken Mauer umringte Altstadt von Cartagena. Cartagena war zur Kolonialzeit unermesslich reich gewesen. Eine Gasse nach der anderen ist beidseitig gesäumt von den wunderbarsten, farbigen historischen Gebäuden.

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Cartagena war einst der karibische Haupthandelshafen Spaniens gewesen, aus dem ungezählte Tonnen Gold und Silber ausgeführt und über den die Kolonie mit Gütern aus Europa und mit Sklaven aus Afrika versorgt wurde.

Im prächtigen Stadtteil El Centro sind die Häuser zwei- oder sogar dreistöckig. Wir bestaunen den üppigen Blumenschmuck, die mit dicken Eisennippeln verzierten Kutschentore (jeder Nippel steht für einen Sklaven und somit für den Reichtum des Besitzers), die kostbaren Gussklopfer, mit denen man um Einlass bitten konnte. Und immer wieder die wunderbaren Farbenkombinationen.

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Jetzt öffnet sich die Calle Segunda zur Plaza Fernandez de Madrid, auf der Florentino Ariza auf seiner Violine nächtelang für seine Angebetete melancholische Lieder gespielt hatte. An der Ecke steht das Haus ihres Vaters, in dem Fermina Daza aufgewachsen ist. In der Calle Estanco del Aguardiente besichtigen wir den dicht bewachsenen Innenhof des ehemaligen Colegio (Gymnasiums), in dem Fermina Daza zur Schule ging, und aus dem sie hinausgeworfen wurde, als die Lehrerin sie beim Schreiben eines Liebesbriefes erwischte.

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Die Parks von Cartagena sind eines der Highlights der Stadt
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Das Haus, vor dem sich Fermina Daza zum Sticken in die Sonne setzte. Hier erblickte Florentino Ariza sie das erstemal. Der Park liegt gleich gegenüber.
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Das Colegio de la Presentación de la Santísima Virgen (so sein Name in Gabos Roman) ist heute  u.a. ein Museum mit einer Kaffeebar
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Innenhof, der im Buch ziemlich detailliert beschrieben ist

Florentino Ariza und Fermina Daza sind literarische Figuren aus Gabriel García Márquez’ Roman El Amor en los Tiempos de Cholera (Die Liebe in Zeiten der Cholera, 1985), und Hugo, unser Führer, zeigt uns die Altstadt Cartagenas auf den Spuren von Márquez’ Werken.

Gabriel García Márquez, oder Gabo, wie er hier meist genannt wird, ist gebürtiger Columbianer, studierte und arbeitete zeitweise in Cartagena, wurde 1982 mit dem Literaturnobelpreis u.a. für sein Werk Cien Años de Soledad (Hundert Jahre Einsamkeit, 1967) ausgezeichnet und ist sozusagen der Übervater der lateinamerikanischen Literatur. Er ist einer der Hauptvertreter, des sogn. realismo mágico Stils (magischer Realismus), der die Geschichten in der realen Welt verankert, ihnen jedoch mit je einer Prise Phantasie und Wunder eine bezaubernde Magie verleiht. Márquez soll einmal gesagt oder geschrieben haben, er hätte Zeit seines Lebens nie eine Person oder einen Ort in seinen Romanen verwendet, die nicht eine Entsprechung in seinem richtigen Leben gehabt hätten.

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Hugo
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Gabos ehemaliges Wohnhaus in Cartagena, bevor er nach Mexiko emigrierte
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Der Meister in zwei Wandgemälden (Bild aus Santa Fé de Antioquia)
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Das Portal de los Escribanos, vor dem Florentino Ariza im Auftrag Liebesbriefe für andere Leute schrieb — oft kam die Empfängerin eines Brief bei ihm vorbei, um eine Antwort schreiben zu lassen …

Als illustratives Beispiel hierzu soll La Luz es como el Agua (Das Licht ist wie das Wasser, 1978) dienen, eine Kurzgeschichte, die durch einen einzigen “magischen Trick” von einer durchschnittlichen Familienerzählung zu einer magischen Wunderfabel wird (Oliver hat die Geschichte ins Deutsche übersetzt). Gabo soll durch die Geschichten seines Grossvaters inspiriert worden sein, der «ausserordentliche Ereignisse und Anomalien einstreute, als hätte es nichts Normaleres und Alltäglicheres gegeben».

Als Einstiegsliteratur in die spanische Sprache eignen sich z.B. Gabos kurze Relato de un Náufrago (die Erzählungen eines Matrosen der kolumbianischen Marine, der über Bord gespült wurde und zehn Tage auf offener See verbrachte, um danach vom Helden zum Buhmann zu werden) oder Noticia de un Secuestro (eine auf Fakten basierte Chronik zu den frühen 90er-Jahren schon fast zur Tagesordnung gehörenden Entführungen in Medellín). Cien Años de Soledad ist zwar der berühmteste Roman von Gabo, aber El Amor en los Tiempos de Cholera ist wesentlich abwechslungsreicher und magischer. Leider sind Márquez‘ Werke in Spanisch noch kaum für e-Readers verfügbar. Oliver kann helfen.

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Oliver ist ein grosser Fan von García Márquez‘ Romanen, und heute kann er nach Lust und Laune mit Hugo diskutieren, einem profunden Gabo-Kenner (natürlich in Spanisch, Hugo hat die Werke aber auch in Englisch und Französisch gelesen), der frei aus den Romanen zitiert und uns einen gleichermassen magischen dreistündigen Rundgang durch diese aussergewöhnliche Altstadt bietet.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Danke für die interessanten Ausführungen und die schönen Fotos

    Gefällt mir

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