Reisealltag — Sicherheit, Teil 1

Wenn man versucht, die Motivation zu verstehen, die Leute zu einem bestimmten Verhalten antreibt, dann hilft es, zwischen guten und wahren Gründen zu unterscheiden. Zu hören kriegt man nämlich oft die guten Gründe — nicht die wahren.

Wir fühlen uns sehr privilegiert, unsere Reise auf die Art unternehmen zu können, wie wir das taten. Und viele Freunde und Bekannte sagen oder schreiben uns, sie möchten auch einmal eine solche Reise machen. Wenn wir nachfragen, warum sie es dann nicht täten, dann ist die Antwort meist, sie könnten halt nicht: das Geld, das Haus, der Job, etc.

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Während das Geld ein wahrer Grund sein kann, sind die anderen Gründe wohl eher gute als wahre Gründe. Kratzen wir nämlich etwas an der Oberfläche der vorgebrachten Verhinderungsmotive, dann läuft es fast immer auf die folgenden zwei wahren Gründe hinaus:

  1. Fehlende Bereitschaft, Prioritäten zu setzen — man will “alles”: die berufliche Karriere, Kinder, das schöne Haus, engen Kontakt zu Familie und Freunden und die lange Reise
  2. Sicherheitsverlust – temporärer Verlust von geregeltem Leben, von täglichen Annehmlichkeiten (z.B. Reisealltag — El Baño), interessantem Job, komfortabler Wohnung, allumfassendem Versicherungsschutz, tiefer Kriminalität, zuverlässigen Behörden, etc.

Zu Punkt a:

Hier muss tatsächlich jeder selbst entscheiden, was ihm im Leben wichtig ist. Der Materialismus sitzt auch in der Schweiz sehr tief, und viele Leute definieren sich vor allem über den Besitz von Sachen statt über ihre Persönlichkeit, d.h. darüber, was sie besitzen, statt darüber, wer sie sind. Und vor lauter Besitztümern, die man erwerben oder nicht aufgeben will, kommt die lange Reise nie zustande.

Zu Punkt b:

Ja, es ist wahr, wer sein Dorf oder gar den Kontinent verlässt, der muss Sicherheit hergeben. Aber Sicherheit ist ein sehr diffuser Begriff, der oft missverstanden oder gar missbraucht wird. Im Folgenden wollen wir diesem “Gespenst”, das viele daheim zu halten scheint, etwas auf den Grund gehen und beschreiben, wie wir auf unserer Reise mit Sicherheitsrisiken umgegangen sind.

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Das Gegenteil von Sicherheit ist Unsicherheit. Unsicherheit ist eng mit dem Unbekannten verknüpft. Und Unbekanntes macht uns naturgemäss eher Angst, was aber noch nicht bedeutet, dass wir tatsächlich in Gefahr sind. Das Gefühl von Sicherheit und Angst ist extrem subjektiv und meist irrational, während sich Gefahren oft objektiv identifizieren lassen. Zudem ist man Gefahren in der Regel nicht schutzlos ausgesetzt, sondern kann sie vermeiden oder mildern. Und das kann man lernen.

Wo sind konkret die Gefahren?

Wir könnten jetzt an dieser Stelle langatmig über Risikomanagement und Eintretenswahrscheinlicheiten von gewissen Ereignissen dozieren, aber das wäre graue Theorie ohne grossen praktischen Nutzen. Deshalb hier zuerst einmal eine praktische Aufstellung möglicher Gefahren in Südamerika (die meisten Punkte gelten global):

Unfall, Krankheit

  • Strassenverkehr
  • Körperliche und sportliche Aktivität (wandern, schwimmen, etc.)
  • Naturgewalten (Sturm, Blitz, Überschwemmung, Schneefall, Schneelawine, Erdrutsch, Wald- oder Buschbrand, Vulkanausbruch, Erdbeben / Tsunami)
  • Essen, Trinken
  • Tiere (Schlangen, Insekten (z.B. Malariaüberträger), Hunde, Raubtiere)

Kriminalität

  • Diebstahl ohne Gewaltanwendung (Gelegenheits-, Trick-, Taschendiebe), Betrug
  • Einbruch, Raubüberfall
  • Erpressung (z.B. Polizei, Behörden!)
  • Entführung

Frühzeitiger Abbruch der Reise

  • Schwerer Defekt am Fahrzeug
  • “Ausbrennen”
  • Streit unter sich

Die letzgenannte Kategorie, Frühzeitiger Abbruch der Reise, deckt nicht die klassische körperliche oder materielle Sicherheit ab, sondern die Sicherheit, dass man die Reise etwa wie geplant zu Ende führen kann.

Im Folgenden werden wir auf die einzelnen Gefahren eingehen und mehr oder weniger detailliert aufzeigen, wie wir ihnen begegnen. Die Liste oben ist lang, aber ausser richtig giftigen Tieren und Tsunamis gibt es alles in Europa auch.

Den Gefahren begegnen

Wie oben bereits erwähnt, ist man den Gefahren meist nicht schutzlos ausgesetzt, jedoch hilft es, wenn man sich einer  Gefahr bewusst ist.

Generell gilt: sich vorbereiten und sich vor Ort über Gefahren informieren.

Aber Achtung: Die Einheimischen blenden Risiken oft aus, weil sie schlicht ein anderes Risikobewusstsein haben. Gerade in Südamerika sind die Leute oft sehr gläubig, wenig gebildet und haben ein schlechtes Vorstellungsvermögen, was als nächstes passieren könnte. Auch ist ein Leben vielerorts einfach weniger “wert” als für uns. Passiert ein Unfall, dann wird fatalistisch erklärt, Gott habe es halt so gewollt. Auch auf Behörden darf man nicht unbedingt zählen, denn oft fehlen die Mittel, um ein Risiko zu eliminieren oder um  auf eine akute Gefahr zumindest aufmerksam zu machen.

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Oben auf dem Schild heisst es, «Notausgang, nicht versperren»

Ohne paranoid sein zu wollen, kommt man also nicht darum herum:

Selbst Verantwortung übernehmen und laufend eigene Gefahrenanalysen machen.

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Es gibt zwar ein Geländer — aber man soll sich nicht darauf abstützen …»
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Heisse Quellen — können so heiss sein, dass man sich verbrüht. Angeschrieben ist freilich nichts.

Versicherungen

Wo man Gefahren nicht abwenden oder dämpfen kann, kann man deren Folgen manchmal mit einer Versicherung abfedern.

Aus Gründen, die wir später erklären werden, hatten wir für unser Auto jeweils nur eine Haftpflichtversicherung. Die erste, in Argentinien abgeschlossen, gab uns eine gute Deckung für Argentinien, Chile, Bolivien, Brasilien und Peru (Uruguay und Paraguay wären auch eingeschlossen gewesen). In Ecuador übernimmt der Staat kostenlos die gesetzliche Haftplichtdeckung von ausländischen Fahrzeugen. In Kolumbien kauft man sie — wie meistens — an der Grenze oder in der nächstgelegenen Stadt.

Wir selbst blieben in der Schweiz angemeldet und waren über die obligatorische Krankenkasse mit dem Zusatz International krankenversichert. Darüber hinaus hatten wir eine Unfallversicherung mit Taggeld nach 90 Tagen; eine Reiseversicherung, die Rücktransport, etc. übernimmt; und wir erhöhten die Deckung für Hausrat auswärts.

Vermeidung von Unfällen und Krankheit

Die im Folgenden aufgeführten Gefahren hat man in der Regel selbst in der Hand und kann ihnen gut begegnen. Trotzdem ist eine gut ausgerüstete Reiseapotheke, die z.B. Antibiotika und sterile Spritzen beinhaltet, eine sinnvolle Investition (Achtung: Für die Spritzen sollte man ein ärztliches Rezept mitführen, damit man nicht als Drogenkonsument verdächtigt wird).

Strassenverkehr

Entgegen der gängigen Vorstellung, ist das Fahren in Südamerika recht sicher. Die meisten Autofahrer haben keine Versicherung für ihr eigenes Auto, und wenn es zu einem Zusammenstoss kommt, würden sie einen Anteil selbst bezahlen. Und weil ihnen dafür das Geld fehlt, lassen sie es nicht darauf ankommen. Und trotzdem gilt:

Mit gemässigter Geschwindigkeit, defensiv und vorausschauend fahren.

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In 14 Monaten haben wir auf den Strassen nur einen einzigen Unfall gesehen, und ein paarmal lag im Strassengraben ein Auto oder ein LKW ohne die Spur von Personen. Wir selbst hatten in dieser Zeit nur einen— selbst verschuldeten! —  Zwischenfall, der in einem Unfall mit mehr als ein bisschen Blechschaden hätte enden können. Alle Kratzer an unserem Auto müssen wir Bäumen und Sträuchern anlasten, ausser den grössten, den ein LKW beim Kreuzen an enger Stelle verursachte.

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Der einzige Unfall, den wir in 15 Monaten sozusagen miterlebten

Es gibt allerdings eine Regel, die man nur im Notfall verletzen sollte:

Nur bei Tageslicht fahren.

Nachts sind Fahrzeuge ohne Licht unterwegs (vom Velo bis zum LKW); dunkel gekleidete Fussgänger gehen am Fahrbahnrand oder huschen über die Strasse; die Fahrbahn ist oft schlecht erkennbar; Baustellen oder gravierendste Strassenschäden sind nicht signalisiert; es hat Tiere  (z.B. Kühe), umgestürzte Bäume oder Steine auf der Strasse, etc. Nachtfahrten sind deshalb um ein Vielfaches risikoreicher als Fahrten am Tag.

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Diese Strecke nachts zu fahren hat den Vorteil, dass man vielleicht gar nicht merkt, dass links ein Graben von über 20 Metern Tiefe ist …
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Der Abbruch ist lediglich mit den zwei Steinen markiert, vorher gab’s keine Warnsignale

Körperliche und sportliche Aktivität

Beim Wandern, Schwimmen, etc. ist man für sich selbst verantwortlich. Medizinische Hilfe kann weit weg sein, und das Spital ist vielleicht schmutzig und schlecht ausgerüstet.

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Rafting in Futaleufú (Chile)

Die Gesetze und Vorschriften für von Veranstaltern angebotene Touren und sportliche Aktivitäten variieren sehr stark zwischen den einzelnen Ländern. Chile hat strikte Vorschriften, Kolumbien scheint fast keine zu haben. Deshalb muss man:

Tourenanbieter selbst auf ihre Sicherheitskultur und -ausrüstung hin prüfen und gegeneinander vergleichen.

Naturgewalten

In Südamerika sind die Leute generell kaum an Wettervorhersagen interessiert, sodass heftige Regen- oder Schneefälle, Gewitter oder Stürme (Blitzschlag!) meist überraschend eintreten. Hier kann man sich als Reisender über das Internet recht gut informieren. Wir haben dazu die Wetterkarten dieser Website verwendet, welche sich als recht zuverlässig erwiesen haben. Noch besser ist die  sensationelle iPad-App MeteoEarth, die gegen geringes Entgeld sieben Tage in die Zukunft blicken lässt und sich als genau erwiesen hat.

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Starkwind in Patagonien
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Information über Verhalten bei Vulkanausbruch (Chile)
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Ein Sandsturm zieht auf (Argentinien)

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Beim Strassenbau werden kaum Hänge gesichert, sodass starke Regenfälle oft zu Erdrutschen und Strassensperrungen führen. Als Mitteleuropäer sind wir Wald- oder Buschbrände, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis nicht gewohnt — alle diese Gefahren sind in gewissen Gebieten Südamerikas real. Deshalb muss man sich selbst rechtzeitig informieren und ausbilden!

Camping nahe am Pazifik ist Tsunami-gefährdet.

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Ein massiver Erdrutsch nach starkem Niederschlag. 4×4 ist hier von Vorteil

Essen, Trinken

Das Essen aus den Gassenküchen riecht oft so verlockend gut, dass man zugreifen möchte. Aber das Risiko, sich einen “Käfer” zu holen, ist erheblich. Viele Reisende erkranken. Und die Einheimischen auch! Das gilt auch für Leitungswasser (siehe Treue Reisebegleiter — Château Katadyn).

Micropur-Tabletten oder gleich ein Keramikfilter zur Wasserentkeimung mitführen.

Selbst kochen ist wesentlich sicherer, doch möchte man natürlich auch die lokalen Spezialitäten probieren. Grundsätzlich gilt:

Gassenküchen, praktisch geschnittene und vorbereitete Früchte, (Hack-)Fleischspeisen (mangels Kühlung), Refrescos (Fruchtbasis mit viel Eis) sind tabu.

Fruchtsäfte (unverdünnt), Joghurtspeisen (Säure), fermentierte Getränke (Chicha etc.), gekochte Gemüse sind o.k.

Restaurants mit kleiner Speisekarte und lokalen Speisen, in denen viele Leute essen, sind sicherer als andere.

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Hier essen kann gutgehen … oder auch nicht
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Fleischmarkt in Bolivien (Kühlung existiert nicht) — man beachte den Hund, unten rechts

Tiere

Über giftige Tiere (Schlangen, Insekten) und gefährliche Tiere (Pumas, Jaguare, etc.) muss man sich immer lokal informieren.

Nachts draussen immer mit Stirnlampe und geschlossenen Schuhen, um nicht auf etwas zu treten.

Hunde können ein Problem sein, doch alle südamerikanischen Hunde verstehen die eine Geste und hauen ab: man bückt sich und hebt einen Stein auf — auch dort, wo es gar keine Steine hat …

Dort, wo Mücken potenziell Malaria, Denguefieber, etc. übertragen können, schützt man sich mit langer Kleidung, Spray, Mückennetz, etc. so gut man kann. Malariaprophylaxe ist eine ziemliche Keule und in den meisten Fällen ein overkill.

Impfungen gehören zu den unabdingbaren Reisevorbereitungen.

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Punta Arenas (Chile)
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Río Grande (Bolivien)

Im Teil 2 beschreiben wir unseren Umgang mit Kriminalität und anderen Reiselustkillern. Hasta muy pronto.

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Ettinger sagt:

    Dä mim Stei ufneh muassi miar merka^^ widrmol interessant gschriba 😉

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    1. uncachito sagt:

      Die wirkliche Sicherheit nimmt aber zu, wenn man auch einen Stein in der Hand hält …

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  2. Beat Ambühl sagt:

    toller beitrag uncachito und sehr aussagekräftige fotos!! bin gespannt auf teil 2…

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