Reisealltag — Sicherheit, Teil 2

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Im Teil 1 hatten wir ein Inventar möglicher Gefahren erstellt und beschrieben, wie wir mit Gesundheitsrisiken (… fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker …) verfahren. In diesem Teil gehen wir auf unsere Ansätze zu Kriminalität und anderen Reiseverderbern ein und erstellen eine Schlussbilanz über die Sicherheit beim Reisen durch Südamerika.

Das Ziel dieser Aufstellung ist es, das Gespenst „Südamerika ist gefährlich“ zu demontieren, indem wir es rationalisieren und einfache Verhaltensregeln aufzeigen.

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Hier gibt es gar nichts zu befürchten, aber man muss damit leben lernen, ganz alleine zu sein — eine gute Erfahrung.
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Dieses ehemals gut gestellte Quartier in Medellín ist heute in der Nacht mindestens zu Fuss nicht mehr sicher

 

Umgang mit Kriminalität

Die alten Stereotypen zu Südamerika sind: gefährlich, dreckig, unorganisiert. Wir durften bereits vor zehn Jahren feststellen, dass Südamerika in den allermeisten Teilen sicher, recht sauber und erstaunlich organisiert ist. Natürlich gibt es Zonen, die gefährlich oder dreckig sind, und oft wird improvisiert statt geplant. Aber insgesamt ist es in Südamerika wohl nicht weniger sicher als z.B. in Italien vor ein paar Jahren war. Und natürlich werden meist nur die negativen Schlagzeilen verbreitet: Ängste werden häufig durch Erzählungen von Bekannten oder Medienberichte geschürt, die eben nur Einzelfälle — und dadurch statistisch irrelevant — sind. Man hört oder liest immer wieder Storys darüber, was anderen Touristen Schlimmes passiert ist. Es geht vorwiegend um Betrug, Diebstähle oder gar Überfälle. Die Umstände sind kaum je genauer beschrieben. «Das deutsche Paar hatte bei einem Maisfeld ausserhalb von Lima gecampt. Da kam ein Maskierter mit Pistole, sie mussten sich hinlegen, und er nahm sich Zeit, das Wohnmobil auszuräumen». Lima ist ein Moloch; hatten diese Reisenden sich vorher informiert, ob es sicher ist, dort zu campen? — Wir wissen es nicht … und schenken Geschichten, die wir nicht aus erster Hand haben, deshalb kein Gehör:

Glaube nicht alles, was herumerzählt wird!

Grundsätzlich ist es so, dass die lokal ansässige Bevölkerung nicht will, dass Besuchern Schlechtes passiert. Und weil die Leute dort leben und gut zwischen Einzelfällen und genereller Gefahr unterscheiden können — es ist auch für sie selbst relevant —, lohnt es sich immer, ein bisschen herumzufragen. Das bedingt natürlich, dass man sich verständigen kann — ein Grund mehr, etwas Zeit ins Erlernen der Sprache zu investieren! Ein Restrisiko bleibt aber immer. Und manchmal hat man einfach Pech oder ist zur falschen Zeit am falschen Ort.

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Medellín bei Nacht

Aber statt sich einzuigeln, statt bei der Einfahrt in eine Stadt alle Türen und Fenster zu verriegeln, ist die Vorwärtsstrategie fast immer die bessere Option: Fensterscheiben runter und:

Reden mit den Leuten. Das schafft auf beiden Seiten Vertrauen!

Doch oft sind die Touristen auch selbst schuld, dass sie zur Zielscheibe werden, wenn sie (GoPro-) Kameras, Uhren, Schmuck und andere Wertgegenstände öffentlich herumzeigen oder äusserst naiv damit in Städten und Parks herumspazieren. Und dass sie überhaupt sofort als Touristen erkennbar sind, denn es gibt auch viele europäisch-stämmige Argentinier, Brasilianer, Kolumbianer: Meist verraten sich Touristen aufgrund von Kleidung, Schmuck, Uhren, Accessoires, Rucksäcken und Verhalten. Deshalb:

Kleidung adaptieren und nicht mit teuren Markenartikeln (IWC-Uhr, Tommy-Hilfinger-Jeans, etc.) herumrennen. Kamera im Rucksack herumtragen.

Doch es ist tatsächlich so, dass es an gewissen Orten eine höhere Kriminalität gibt als in Bern — aber auch in Bern ist die Polizei täglich mit Einbrüchen, Entreissdiebstählen und sogar Überfällen beschäftigt. Auf dem Land, wo die soziale Kontrolle noch spielt, ist es in allen Ländern Südamerikas mindestens so sicher wie in Langnau im Emmental!

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Übernachtung an der Plaza Central in einem bolivianischen Dorf — 100% sicher
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Übernachtung in einem privaten Hinterhof (Bolivien) — 100 % sicher
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«Lachen! Du wirst soeben gefilmt» (Brasilien) — Überwachungskameras und Sicherheitspersonal sind omnipräsent

Leider kann man Polizei, Militär oder Zollbeamten in vielen Ländern nicht uneingeschränkt trauen. In Argentinien riet man uns regelmässig, bei Bedarf eher die nationale Gendarmería als die Polizei aufzusuchen. Deshalb gilt auch im Umgang mit Polizei und Militär:

Wertgegenstände (iPad, Laptop, Kamera) und Geld wegpacken.

Die Frage nach Reiseziel oder Reiseroute beantwortet man plausibel aber falsch.

Diebstahl ohne Gewaltanwendung, Betrug

Zu den neusten Methoden der Gelegenheits-, Trick-, Taschendieben gibt es in Reiseführern viele Tipps, aber der beste Tipp ist:

Nur genau so viel an Wertgegenständen, Geld und Bankkarten mitführen, wie man unmittelbar braucht. Den Rest im Auto oder Hotelsafe sicher verwahren.

Teure Uhren, Schmuck, Sonnenbrillen und Kleider lässt man gleich in der Schweiz.

Will man an einem Nachmittag kein Geld aus dem Automaten beziehen, lässt man die Maestro-Karte im Hotelsafe. Wenn man zu zweit unterwegs ist, muss wohl nicht jeder sein Smartphone mitführen. Und wenn man nicht viel zu verlieren hat, dann äussert sich das auch in der Ausstrahlung, man ist selbstsicherer, was potenzielle Diebe oder Räuber erkennen.

Wir verwenden in Südamerika grundsätzlich keine Portemonnaies: etwas Geld (20-50 Franken) tragen wir lose in der Hosentasche, mehr Geld sowie alle Karten in einer Hüfttasche unter den Kleidern. Die Noten ordnen wir jeweils ihrem Wert nach und falten den Stapel einmal, sodass die kleinen Noten aussen sind. Jetzt sieht beim Bezahlen keiner, dass in der Mitte noch drei ganz “grosse” Noten sind.

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Betrug: bevor man den Aufforderungen von Polizisten — vor allem, wenn sie in zivil auftreten — Folge leistet, vergewissert man sich, dass es echte Polizisten sind. Im Zweifelsfall besteht man darauf, die Angelegenheit auf dem nächstgelegenen Polizeiposten zu regeln, den man telefonisch oder bei Passanten erfragt. Wenn man sich dann wieder umdreht, sind die “Polizisten” wohl bereits verschwunden …

Einbruch

Auf Reise will man ja auch immer mal wieder etwas ausserhalb des Fahrzeugs oder Hotelzimmers erleben und muss diese deshalb manchmal alleine zurücklassen. Hier gilt wieder als erster Grundsatz:

Keine Wertgegenstände offen herumliegen lassen.

Laptops, iPads, Handys, Kameras immer wegschliessen oder mindestens “verstecken”; das gilt auch in Hotelzimmern, denn man weiss nie genau, wer noch einen Schlüssel hat.

Gewisse Tankstellen und Supermarktparkings, an denen viele Reisemobile vorbeikommen, werden notorisch von Kriminellen oder gar Banden heimgesucht. Die Überwachungskamera wird mit einem “zufällig” anhaltenden Lastwagen verdeckt und hopp! Wenn wir kein gutes Gefühl haben, dann bleibt einer von uns im Auto, während der andere tankt oder einkauft.

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Rollladen eines Verkaufsgeschäfts nach Ladenschluss
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Überwachtes Parking in Brasilien — ziemlich sicher
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Parqueadero (Kolumbien): Gegen eine Gebühr von 3-8 Franken kann man das Auto während 24 Stunden bewacht abstellen — sehr sicher

Unser Kasbah hat nicht zufällig so schmale Fenster (siehe die Foto oben): einerseits tritt weniger Wärmestrahlung ein und aus, andererseits kann man so ein Fenster wohl einschlagen, aber danach ist der Arm des Einbrechers zu kurz, um irgendwelche Schubladen zu öffnen und etwas zu greifen. Einen kleinen, versteckten Tresor haben wir trotzdem.

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Kasbahs Fenster werden mit einer einbruchsicheren Folie überzogen. Das Türschloss ist nach wie vor die Schwachstelle, aber wenn einer rasch die Scheibe einschmeissen will, realisiert er sofort, dass dieses Auto „gehärtet“ wurde — und lässt hoffentlich ab

Es hilft auch, dass unser Auto etwas grimmig und halb militärisch aussieht: die Leute erkennen es nicht sofort als Wohnmobil, und rechnen unter Umständen sogar damit, dass es ein Militär- oder Polizeifahrzeug ist (es wurde auch oft für eine Ambulanz gehalten, für einen fahrenden Marktstand oder für ein Übertragungswagen des Fernsehens. Der Bremach eines Freundes wurde in Argentinien einmal für einen Gefangenentransporter gehalten …). So oder so können potentielle Einbrecher sehr schlecht einschätzen, was der Aufwand ist, es zu knacken. Natürlich kann man jedes Auto aufbrechen, aber bloss mit einem grossen Schraubenzieher dauert das bei unserem Mobil eine Weile. Die Führerkabine bietet allerdings nicht so viel Widerstand, und weil wir keine Lust haben, aufgebrochene Schlösser zu ersetzen, lassen wir dort nichts liegen, auch keine Jacken oder Taschen. Denn es könnte einer auf die Idee kommen, da sei noch ein Portemonnaie oder Handy drin — und schon hat man den Schaden.

Raubüberfall

Meist sind Gefahrenzonen räumlich und zeitlich ziemlich scharf abgegrenzt: «Spaziert nicht dem Fluss entlang! — Meidet diesen Park zur Siestazeit! — Wandert nicht alleine zu diesem Ausguck! — Bleibt südlich der Calle 13 (Strasse Nr. 13)! — Fahrt nicht diese einsame Landstrasse!». Gerade in Städten ist man immer dort sicher, wo es Leute hat (was dann wiederum das Territorium von Taschendieben sein kann, siehe oben). Als Grundregel gilt:

Wo es Frauen und Kinder hat, ist man vor Gewalt ziemlich sicher.

In der Gruppe (ab zwei Personen …) ist man sicherer.

Wir haben ein ebenso einfaches wie effektives Prinzip von Uwe und Silke adoptiert:

Wenn einem von uns beiden ein Ort nicht geheuer vorkommt, dann sagt er das (auch ohne Begründung!), und wir ziehen weiter.

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Motorisierte Polizei auf einer Landstrasse in Kolumbien

Geld aus dem Automaten versuchen wir tagsüber an gut frequentierten Orten zu beziehen (z.B. Shopping Centers, bewachte Bancomaten, etc.) und teilen das Geld nach dem Bezug sofort unter uns auf. Jedoch hat mittlerweile jeder Südamerikaner aus der Mittel- oder Oberschicht Bankkarten und bezieht das meiste Geld aus dem Automaten, sodass man da nicht als “roter Hund” auffällt.

In Bolivien erzählte uns ein Taxifahrer, er hätte ein paar Wochen zuvor nachts einen Franzosen aufgeladen, der nur noch in der Unterhose dastand, nachdem er zuvor ein Taxi herangewinkt hatte — man hatte ihm alles abgenommen. Stattdessen ruft man ein Taxiunternehmen an, oder lässt das Restaurant oder Hotel ein Taxi ihres Vertrauens bestellen. Wo es den Taxidienst UBER gibt, bestellt man dort einen Fahrer; das ist meist erst noch billiger.

Viele Städte Südamerikas haben wunderbare Stadtparks, wo es oft von Polizei oder Sicherheitskräften wimmelt. Aber manchmal macht auch die Polizei Siesta … was die Räuber natürlich schon lange gemerkt haben. Also versichert man sich von Zeit zu Zeit, ob man nicht alleine ist.

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Schlechte Beleuchtung ist ein Grund, eine Gasse, einen Spazierweg, eine Unterführung oder einen Park zu meiden. Aber auch da: so lange genügend andere Leute dort unterwegs sind, besteht kaum Gefahr. Sonst sucht man besser nach einem anderen Weg oder ruft ein Taxi, denn, wie oben beschrieben, sind Touristen lohnende Ziele. Und:

Auf die Hilfe von Passanten, sollte man doch einmal bedroht werden, kann man nicht zählen.

Wird man Opfer eines bewaffneten Überfalls, soll man auf keinen Fall “Held” spielen, sondern Stück für Stück rausrücken, was man hat. Wir führen im Tagesrucksack ein “Überfallportemonnaie” mit, das Münz und Noten im Wert von 50-100 Franken und alte, ungültige Bankkarten enthält. Im Falle eines Falles würden wir zuerst das Geld aus der Hosentasche herausrücken, und, wenn das nicht genügt, das Überfallportemonnaie, und so fort.

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Überfallportemonnaie

Pfefferspray soll man nur einsetzen, wenn man danach sofort an einen sicheren Ort flüchten kann.

Erpressung

In diese Rubrik gehören alle Versuche von Polizei, Militär oder Beamten, einem eine Busse oder ein Bestechungsgeld abzupressen, das nicht gerechtfertigt ist, und einen unterdessen zu schikanieren oder nicht weiterfahren zu lassen (in der Regel haben sie vorher los documentos gefordert, die sie vorderhand einbehalten). Hier gibt es einen zwei Grundsätze, denn auch Behörden holen sich das Geld dort, wo es am einfachsten geht:

Demonstrieren, dass man alle Zeit in der Welt hat, um die Forderung auszusitzen.

Nie emotional werden.

Und es gibt zwei Strategien: man spricht die Landessprache, oder man spricht nur Schweizerdeutsch. Uns war letzteres zu dumm, denn in 95% der Fälle sind Polizei, Militär, Grenzbeamte etc. korrekt, respektvoll und hilfsbereit, sodass wir sie nicht mit «ich verstehe gar nix» bestrafen wollen. Und wenn man einmal angefangen hat, Spanisch zu sprechen, kann man nicht wieder zurück. Also muss man Erpressungsversuche ausdiskutieren.

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Dabei bleibt man unbedingt immer ruhig und bestimmt  — so sehr man sich auch ärgert! Man lässt sich von dem Beamten den Paragraphen zeigen und erklären, gegen den man angeblich verstossen hat. Das bereitet denen meist grosse Mühe, denn oft haben sie das Gesetzbuch nicht zur Hand oder haben die neue “Vorschrift” eben erst erfunden. Man kann vorschlagen, die Angelegenheit auf dem Polizeiposten zu regeln (wo es andere Polizisten hat) — und vielleicht lösen sich die Vorwürfe urplötzlich in nichts auf.

Ist eine Busse unausweichlich, kommt der  zweite wichtige Grundsatz ins Spiel:

Niemals bar bezahlen.

Stattdessen offeriert man, den Betrag bei einer Bank einzuzahlen, was fast in allen Ländern möglich ist, um zu verhindern, dass die Beamten die “Busse” in die eigene Tasche stecken.

Und manchmal hilft alles nichts, und man muss einfach bezahlen. Dafür hat man immer z.B. USD 100 in kleineren Scheinen an einem Ort bereit, wo man sie einfach holen kann.

Entführung

Worst case, von dem man nicht ausgehen muss. In Kolumbien in gewissen Zonen offenbar noch möglich, sodass man sich informieren und diese Zonen meiden muss.

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Árbol de la Vida — aus 28’398 konfiszierten Messerklingen geschweisstes Denkmal in Medellín

 

Frühzeitiger Abbruch der Reise

Schwerer Defekt am Fahrzeug

Hier denken wir vor allem an einen Unfall (mit oder ohne Beteiligung eines anderen Fahrzeugs), an eine technische Panne, einen Brand oder eine Naturkatastrophe, bei der das eigene Reisemobil so stark beschädigt wird, dass eine Reparatur vor Ort nicht mehr möglich ist. Auch hier gilt, dass man einfach nur Pech haben kann, aber generell hat man hier Mitverantwortung — und muss den Schaden zu 100% selbst tragen. Umso mehr, als es in Südamerika kaum möglich ist, für ausländische Reisefahrzeuge eine Kasko-Versicherung abzuschliessen. Eine Haftpflichtversicherung ist in allen Ländern Pflicht, aber man muss immer abklären, ob die Versicherung im Schadenfall dann auch zahlt resp. zahlen kann (Reiseforen, andere Reisende). Es lohnt sich deshalb umso mehr, defensiv zu fahren, laufend eigene Gefahrenabschätzungen vorzunehmen, und nicht zu sehr auf Leute zu hören, die im Schadenfall keine Haftung übernehmen (können).

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Während man technische Pannen nie ausschliessen kann, reduziert sich dieses Risiko mit gewissenhafter Vorbereitung und Wartung des Fahrzeugs. Eines der mittlerweile grössten Probleme für Fahrzeuge aus Europa sind die strengen Abgasnormen, die diese Fahrzeuge erfüllen. Der in Südamerika viel höhere Schwefelgehalt im Diesel kann einen unvorbereiteten Motor dauerhaft lahmlegen. Auch bei Mechanikern ist Vorsicht geboten:

Der Macho gibt nicht gerne zu, dass er etwas nicht kann, und er überschätzt sich andauernd.

Zudem lockt ja das gute Geld des Touristen, der auch kaum wiederkommen wird. Es lohnt sich, einen kompetenten Partner in Europa zu haben, den man anrufen kann, bevor z.B. der chilenische Mechaniker den Schaden grösser macht statt ihn zu beheben.

“Ausbrennen”

Immer wieder haben uns die Daheimgebliebenen über Email oder Whatsapp «weiterhin schöne Ferien!» gewünscht, und dabei nicht begriffen, dass Reisen über längere Zeit und in eigener Regie keine Ferien sind. Im Gegenteil: es ist anstrengend! Jeden Tag müssen wir aufs Neue die folgenden Aufgaben lösen:

  • einen sicheren, ebenen und möglichst schönen Übernachtungsplatz finden
  • Esswaren besorgen
  • einigermassen sauberes Wasser und / oder Diesel tanken
  • Reiseführer lesen, Karten und Klima studieren, Wetter abfragen
  • Touristeninformationsbüros finden
  • Online-Informationen und Reisetipps anderer Reisender auswerten
  • Stationen, Touren, Veranstalter und Optionen evaluieren und auswählen
  • Route festlegen, Strassen und Parkingmöglichkeiten finden
  • Sehenswürdigkeiten besuchen, Städte erkunden, Restaurants ausprobieren
  • wandern, velofahren, an Touren teilnehmen, fotografieren
  • Fotos bearbeiten
  • Preise verhandeln
  • kochen, essen, abwaschen (→ heisses Wasser machen)
  • Fahrzeug warten, Wäsche waschen, Ersatz besorgen, Zeug reparieren
  • Tagebuch führen
  • Blog-Einträge recherchieren und schreiben
  • und vieles mehr

Ist dann noch über längere Zeit das Wetter zu nass oder zu heiss, die Strasse schlecht, sind die Informationen falsch, gehen Ausrüstung oder das Auto kaputt, fährt man hinter dem Zeitplan oder verfährt sich, dann ist der burn-out nicht weit.

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Bevor der LKW freikommt, fahren wir auch nicht weiter …

Wir haben Reisende erlebt, die mit einem Excel-Sheet in Südamerika ankamen, in dem über sechs Monate alle Tagesetappen, alle Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsplätze im vornherein festgelegt waren — null Spielraum, falls eine Panne zuschlägt oder eine Strasse gesperrt ist. Das Disaster ist damit schon fast vorprogrammiert. Deshalb:

Rollend und flexibel planen.

Den Tag nicht überladen, gemächlich fahren.

Von Zeit zu Zeit ein paar Ferientage an einem schönen Ort einlegen und ausspannen, bis die Lust zurückkehrt weiterzufahren.

Mit rollender Planung meinen wir, dass man wohl einen grand plan hat, sich aber nicht auf einen Fahrplan fixiert, die Routenwahl laufend anpasst und Details erst dann beschliesst, wenn man genug weiss oder ohne eine Entscheidung nicht weiterfahren kann.

Streit unter sich

Wir hatten ein paarmal “dicke Luft”, doch die verging jeweils innert ein paar Minuten oder Stunden. Aber wir haben mindestens drei Paare erlebt, bei denen die Frau jeweils für drei bis sechs Monate eine Auszeit zuhause nahm, während der Mann in Südamerika wartete oder weiterreiste. In einem Fall kam sie nicht mehr zurück. Nun, wir sind nicht im Paartherapiegeschäft tätig, aber oft wäre eine weniger strikte Rollenteilung sicher hilfreich gewesen. Denn klassisch fährt er und kümmert sich ums Fahrzeug. Während sie den Haushalt schmeisst, Reiseführer liest und Spanisch spricht. Ah, und bei Navigationsfehlern ist jeweils auch die Frau zuständig.

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Wir haben auch unsere Spezialgebiete, aber nicht ausschliesslich: während Oliver grundsätzlich fürs Fahrzeug zuständig ist, kann Jeannine auch den täglichen Fahrzeug-Check machen, Räder wechseln und kleine Probleme beheben. Und während Jeannine die Vorräte und Menuplanung im Griff hat und meistens kocht, kann Oliver auch auf dem Markt einkaufen oder ein Nachtessen zubereiten. Sonst wechseln wir uns in fast allem ab: fahren, navigieren, planen, kommunizieren, putzen, reparieren, etc. Das fördert die Kompetenz und das Verständnis auf beiden Seiten. Ah, und Toleranz ist auch ganz wichtig!

Nachwort

Oben haben wir viele Gefahren aufgeführt, aber den meisten davon ist man auch bei einer ausgiebigen Europareise ausgesetzt. Kriminalität ist das “Hauptgespenst”, und es ist überbewertet! Die weitaus grösste Zeit verbringt man ohnehin ausserhalb der Zivilisation oder dort, wo die soziale Kontrolle spielt.

Wir haben in 15 Monaten Südamerika nur ganz wenige Situationen erlebt, die das Potenzial hatten, gefährlich zu werden, aber es kam nie dazu. Unter anderem trug auf dem Segelschiff nach Panama niemand je eine Rettungsweste, auch nicht die Crew, als sie nachts auf hoher See, bei Wellen von 5-6 Metern und starkem Wind, auf Deck herumkletterten. Die Sicherheitseinweisung gab es erst am zweiten Tag. Hatten wir schon geschrieben, dass man in Südamerika ein ganz anderes Risikobewusstsein hat?

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Solche Orte sind die Belohnung, wenn man sich auf eine Reise einlässt

Wer eine Reise durch Länder der zweiten und dritten Welt ins Auge fasst, wird sich mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen müssen, und es mag furchterregend klingen. Aber erstens ist es nicht so gefährlich, wie immer wieder beschrieben wird. Zweitens kann man viele Gefahren mildern oder eliminieren. Und drittens haben wir in der Schweiz ein so übersteigertes Sicherheitsbedürfnis, dem ab und zu ein Realitätscheck gar nicht schadet. Und selbst wieder mehr Verantwortung für unser eigenes Leben, für unsere eigene Gesundheit und für unsere eigenen Sachen zu übernehmen, ist auch nicht lätz, oder?

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Ettinger sagt:

    Escrita grandioso 😉 otra vez..

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  2. Stefan Graber sagt:

    Den Sicherheitsvorkehrungen und dem Zwischenmenschlichen kann ich nur zustimmen. Auch wenn wir hier in der CH als sicher gelten, kann man zur falschen Zeit am falschen Ort sein, und das Thema Raubüberfall usw. ist immer mehr in den Medien und gewisse Delikte, die früher noch für Furore sorgen, sind heute an der Tagesordnung und in den Printmedien unter „in Kürze“ kurz abgehandelt.
    Lustiger zu Lesen sind die zwischenmenschlichen Themen. Das ständige Zusammensein muss neu gelernt werden und erschwerend kommen die engen Verhältnisse hinzu. Das das nicht bei allen Reisenden funktioniert, ist nicht von der Hand zu weisen; auch dann nicht, wenn man eigentlich Spielregeln hat.
    Schön, dass ihr keine Paartherapie braucht.
    Ich freue mich, weiterhin von euren Erlebnissen zu hören.

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