Exklusiv-Interview

am

Für den doscachitos-Blog stehen Oliver &  Jeannine Rede und Antwort.

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Ihr seid also zurück. Wie kam es zum Entscheid, genau jetzt in die Schweiz zurückzukehren? Ist Euch das Geld ausgegangen?

Jeannine: Es ist der richtige Moment. Wir hatten eine wunderschöne Zeit, aber der Drang, noch mehr zu entdecken und nach Mittelamerika weiterzureisen (was nie geplant war), hielt sich bei uns beiden in Grenzen.

Oliver: Dieser Zeitpunkt erlaubte es uns, noch ein bisschen Schneesport zu betreiben und den baldigen Frühling zu geniessen. Und wir freuen uns, wieder näher an unseren Lieben zu sein und beruflich mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten und Ziele zu erreichen.

Welches Land, welcher Ort in Südamerika hat Euch am besten gefallen?

Oliver: Diese Frage wird uns häufig gestellt, aber sie lässt sich so nicht beantworten. In Argentinien haben wir uns erneut sehr wohl gefühlt, es war unser dritter Besuch. Chile ist recht gut organisiert, was das Reisen einfach macht. Die Peruaner sind sehr herzliche und offene Leute. Vom Naturerlebnis her stehen für uns die Carretera Austral in Chile, der Regenwald von Bolivien, die Tierwelt im brasilianischen Pantanal und die Galapagos-Inseln in Ecuador ganz oben. Aber es gibt noch mindestens ein Dutzend andere Orte, die wir jederzeit wieder besuchen würden.

Musstest Ihr etwas auslassen? Warum?

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Jeannine: Machu Pichu in Peru, weil die Region im August, als wir dort waren, so überlaufen war, dass es keinen Spass machte. Und die Iguazú-Fälle in Argentinien, weil wir unterwegs die Route änderten und von Ecuador nach Kolumbien weiter- statt nach Argentinien zurückfuhren.

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Oliver: Und den ganzen Norden von Chile, weil der Schnee früher kam als in anderen Jahren und plötzlich alle Andenpässe, die teilweise auf fast 5000 m.ü.M liegen, zugingen.

Was hat sich nicht gelohnt?

Jeannine: Nichts, es gibt überall etwas zu erleben oder zu erfahren, insbesondere wenn man nicht unter Zeitdruck steht, mit den Leuten reden und sich auf Einladungen und Chancen einlassen kann.

Das bedingt aber, dass man Spanisch spricht, oder kommt man mit Englisch auch durch?

Oliver: Überleben kann man mit Englisch sowie mit Händen und Füssen schon. Aber das wäre mir nicht genug, weil die Leute meistens kein oder nur rudimentäres Englisch sprechen. So erfährt man vieles nicht und wird als gringo links liegen gelassen. Die Reise reduziert sich auf schöne Landschaften und Märkte, und an kulturellen Hintergründen kriegt man fast nur das mit, was man in Büchern und im Internet lesen kann. Die meisten Museen und Informationstafeln — auch in den grossen Städten —bedienen ja nur Spanisch. Ich kann Reisende nicht verstehen, die ein oder zwei Jahre durch Lateinamerika reisen aber nicht vier oder sechs Wochen in einen Sprachaufenthalt investieren.

Braucht es ein 4×4-Fahrzeug um Südamerika bereisen zu können?

Oliver: Die Antwort ist klar nein. Sobald aber das Wetter schlecht wird, werden die Strassen ohne Allradantrieb schnell unpassierbar. Und dann ist da noch der „Fun“-Faktor beim Befahren von Pisten fern ab von allem, den ich persönlich nicht missen möchte. Es gibt spektakuläre Ziele, die man nur mit Allrad erreicht und wohin keine Touren angeboten werden.

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Nicht nach einer Sintflut, sondern nach ein paar Stunden Regen trafen wir auf dies …

Was werdet Ihr nicht vermissen?

  • Kolumbiens langsame, laute und stinkende Lastwagen
  • hundertmal am Tag einem Strassenverkäufer nein zu sagen (v.a. Cartagena)
  • Hunde, die unserem Auto dauernd an die Räder pinkeln
  • das oft unappetitliche Frischfleischangebot
  • die Männer, welche vorgaukeln alles zu können und nie eine Niederlage einstecken können (el machismo …)

Wieviele Kilometer seid ihr total gefahren? Was war der Verbrauch an Diesel? Und wie könnt ihr das ökologisch mit eurem Gewissen vereinbaren?

Oliver: In Südamerika sind wir in 15 Monaten 37’100 km gefahren. Das ist weniger als in 11 Monaten Australien (40’100 km). Der durchschnittliche Verbrauch lag bei 13.9 Liter Diesel pro 100km, was moderat ist für ein komplett ausgerüstetes Reisefahrzeug wie Kasbah (gut 3.5 Tonnen).

Jeannine: Dies haben wir Olivers sorgfältiger Leichtbauweise zu verdanken. Von wegen Gewissen: die Flugmeilen, die wir auf dieser Reise zurücklegten (Zürich – Auckland NZ – Zürich – Santiago de Chile, und von Panama City zurück nach Zürich), sind ökologisch viel bedenklicher als die Autokilometer. Aber insgesamt verbrauchten wir viel weniger Energie, als wenn wir in der Schweiz in einer Dreizimmerwohnung gewohnt hätten, die das ganze Jahr geheizt wird, wo dauernd zahlreiche Geräte laufen, und wo man täglich eine warme Dusche nimmt und zehnmal die Spülung betätigt. Und auch in der Schweiz fährt man mit dem Auto schnell einmal 20’000 km pro Jahr, allerdings natürlich mit tieferem Verbrauch.

Worauf freut Ihr Euch in der CH?

Oliver: Auf Sport, Kino, Musik (draussen in der Natur haben wir nur selten Musik gehört, beim Fahren nie), Konzerte, eine richtige Werkstatt.

Jeannine: Wieder näher bei Freunden und Familie zu sein

Oliver: Durch die Stadt schlendern, ohne alle paar Meter einem Strassenverkäufer eine freundliche Absage erteilen zu müssen.

Jeannine: Einen richtigen Backofen und die Auswahl an Kleidern und schönen Schuhen

Also nicht das Essen oder die Berge?

Jeannine: Nein, wir haben die ganze Zeit über sehr gut gegessen und viel Neues ausprobiert … wobei … wir es vor allem wieder schätzen werden, dass wir täglich und überall gutes Brot kaufen und das Wasser direkt vom Hahn trinken können.

Oliver: Die Berge in der Schweiz sind überschätzt. Da hat Südamerika — und insbesondere Argentinien, Chile, Peru — mehr zu bieten an Szenerie, bei welcher einem der Mund offen stehenbleibt.

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Gab es einen Kulturschock, nach Eurer Rückkehr in die CH?

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Jeannine: Beim ersten Toilettengang im Flughafen Madrid suchte ich vergeblich den Eimer fürs WC-Papier. Aha, hier wirft man ja das Papier einfach in die Kloschüssel, dämmerte es mir. Das ging mir noch ein paarmal so.

Oliver: Die Schweiz bedrückt mich mit ihrem Reichtum, dem Überfluss und der Konsumsucht der Leute. Ein teures Auto scheint immer noch der Statusanzeiger Nummer 1 zu sein. Kinderzimmer platzen aus allen Nähten vor Spielzeugen. Ich will nicht die Armut romantisieren, die macht nämlich nicht glücklich. Aber statt Zeit haben, kaufen die Schweizer Zeug wie wild. Die Leute klagen und haben Sörgeli auf ganz hohem Niveau.

Beide: Überalterung. In Südamerika liegt das Durchschnittsalter der Bevölkerung 10 Jahre (Chile) bis 18 Jahre (Bolivien) unter demjenigen der Schweiz.

Was von dem, was Ihr auf Eurer Reise gesehen oder gelernt habt, wollt Ihr zukünftig in Euer Leben aufnehmen?

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Oliver: Mehr Zeit haben …

Jeannine: Beweglich und flexibel bleiben durch weniger Besitztümer. Minimale, langfristige Planung von Terminen, um spontaner das tun zu können, worauf ich im Moment Lust habe.

Welche Gewohnheiten oder Verhaltensmuster wollt Ihr nicht wieder aufnehmen?

Oliver: Die Wörter schnell und hurti (wie in „I ga no hurti uf e Märit“) — ich will mir die Zeit für Erledigungen nehmen, die es halt braucht, und mir vorher nicht schon wieder zehn andere Sachen danach vornehmen

Jeannine: Auf die effiziente Organisation, wie sie in der Schweiz funktioniert, freue ich mich und werde insbesondere Einkäufe weiterhin hurti erledigen. Nicht jedoch Treffen mit Freunden. Ich werde nicht mehr versuchen, alle Bekanntschaften aufrecht zu erhalten, sondern investiere mehr Zeit in eine kleinere Zahl von Kontakten.

Eine Eurer Leidenschaften ist ja das Velofahren. Wie oft habt Ihr denn unterwegs Eure Velos benutzt?

Jeannine: Etwa alle 2-3 Wochen, was nicht sehr viel ist. Es war aber jedes Mal ein tolles Erlebnis. Wir radelten oft in Städten und auf verkehrsarmen Wegen und machten immer mindestens einen Halbtagesausflug, damit es sich lohnte. Unsere Räder reisten ja rüttelsicher verzurrt in Kasbahs Garage mit; das Ein- und Auspacken nahm jeweils rund 10 Minuten in Anspruch. Wir radelten in allen bereisten Ländern (ausser Bolivien).

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Kompakte Ladung in Kasbahs Velogarage: unsere Velos, auf der Auszugsschublade festgezurrt

Hand aufs Herz: was hat Euch besser gefallen, Australien oder Südamerika?

Oliver: an spektakulären Landschaften nehmen sich die beiden nicht viel. Was in Australien die Küsten sind, sind in Südamerika die Berge und Flüsse.

Jeannine: Hauptunterschied ist der Entwicklungs- und Bildungsstand, was die Art der Kontakte beeinflusst. Die spanische Sprache gefällt mir besser als die englische, obwohl mir das Sprechen in Spanisch weiterhin schwerer fällt als in Englisch.

Sind nicht die Südamerikaner viel offener und herzlicher?

Jeannine: Das ist sicher nicht allgemein gültig, denn auch die Australier sind ingesamt offener und zugänglicher als die Schweizer. In Südamerika variiert das von Land zu Land. Wie auch schon erwähnt, hatten uns alle von der Freundlichkeit der Kolumbianer vorgeschwärmt, was sich nicht mit unseren Erfahrungen deckt.

Was ist Euer Tipp für alle, die auch eine solche Reise unternehmen möchten

Oliver: Die Länder zur richtigen Jahreszeit bereisen. Das ist bei einer Reise, die ein Jahr oder länger dauert, nicht immer ganz einfach einzuhalten. Und natürlich gilt das Motto unserer Freunde Peter und Susanna, «Überhaupt aufzuBRECHen ist erstmal das Wichtigste».

Jeannine: Ganz wichtig ist auch, dass man sich nicht zu viel vornimmt, keiner terminierten Route folgt und den individuellen Reiserhythmus findet — Reisen ist anstrengend. Das war auch für uns Neuland, und es dauerte einen Moment, bis das für uns funktionierte. Ich kann nur allen Leuten Mut machen, die gewohnte „Sicherheit“ aufzugeben und eine solche Reise in Angriff zu nehmen. Die Erfahrungen, Eindrücke und Bekanntschaften sind unbezahlbar und bereichernd. Das nimmt einem niemand mehr! Reist man im eigenen Fahrzeug, dann sollte mindestens ein Reiseteilnehmer Technik-affin ist. Das war in unserem „Gspann“ natürlich ich :-).

Ist die nächste Reise schon in Planung?

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Jeannine: An interessanten Reisezielen würde es nicht fehlen, aber wir bringen von dieser langen Reisezeit sehr viele Eindrücke mit und sind nun primär daran interessiert, wieder in der Schweiz Fuss zu fassen und eine spannende Arbeit zu finden.

Oliver: Und solche Arbeitsstellen verlässt man nicht gerne nach zwei Jahren wieder. Aber die Freude am Reisen bleibt für uns ein Lebensbegleiter, schliesslich haben wir uns beim Reisen kennen gelernt und entdecken seither die Welt gemeinsam.

Gibt es Umstände, die Euch unterwegs zum Schmunzeln brachten?

Jeannine: Es scheint für die südamerikanischen Männer extrem befreiend zu sein, wenn sie das T-Shirt über den Bauch hochziehen und so durch die Gegend laufen können. Insbesondere natürlich, wenn es heiss ist.

Oliver: Die Strassenverkäufer welche, einer neben dem andern, das genau Gleiche verkaufen – sich nicht einmal in der Darreichungsform vom Nachbarn unterscheiden. Zehnmal werden genau die gleichen Brötchen oder Fische verkauft.

Was versetzte Euch in Staunen?

Jeannine: In allen Ländern trifft man viele, aber kaum quengelnde oder zwängende Kinder. Auch auf langen, unbequemen Busreisen nimmt man sie kaum wahr.

Oliver: Es berührt mich nach wie vor zu sehen, mit wie wenig sich die ärmeren Südamerikaner zufrieden geben. Aber gleichzeitig ist es  für mich unverständlich, wie sie kein Bestreben haben, ihre Situation durch einfache Massnahmen zu verbessern. In Bolivien und andernorts wird am Boden, im Dreck geschweisst, gezimmert und genagelt — in Werkstätten, in denen zur Genüge Material herumliegt, um einen behelfsmässigen Arbeitstisch zu bauen …

Jeannine: … oder auch die Verarbeitung  des Zuckerrohrs auf dem Land oder die Herstellung von Backsteinen sind muy artesanal. Doch die Leute sind überzeugt, dass man das nicht verbessern kann.

Hat das Nomadenleben jetzt ein Ende? Oder ist Euer Auto bereits zurück und Ihr auf einem Campingplatz zuhause?

Jeannine: Wir haben uns vorerst in Bern niedergelassen, durften wiederum bei Eveline, Ändu und den beiden Kindern wohnen, was wir unheimlich genossen haben. Seit März sind wir an der Waldheimstrasse 2 in der Länggasse zuhause, wo wir die Wohnung zweier Reisevögel untermieten, die Mitte Mai zurück sein werden. Da sind wir soweit eingerichtet, dass wir gerne auch unangemeldeten Besuch empfangen!

Oliver: Kasbah ist zurück und im Container fand ich sogar das vergessene iPhone in der Arbeitshose. Unser treuster Reisebegleiter hat aber nun eine Generalüberholung verdient. Und falls ich Zeit finde, sind da noch einige Optimierungsprojekte die ich gerne umsetzen würde.

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Im Container statt mit Oliver in die Schweiz gereist
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Auch im Schnee waren wir bereits mehrfach. Die Langlaufausrüstung war in unserem Lager, wo unser Hab und Gut weiterhin auf eine schöne Wohnung wartet, gut platziert – nicht ganz zufällig …

Nos vemos chicos – hasta pronto !

 

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gaby Egli sagt:

    jetzt sind ja alle meine Fragen schon beantwortet….. 😉 Freue mich, darauf, euch am Donnerstag zu sehen! Gruss, Gaby

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  2. Corinne Moser sagt:

    Welcome back!
    Hat Spass gemacht dank den Erzählungen und Bildern im Blog an eurer Reise teilzuhaben. Merci fürs Mitnehmen!
    Lg & hoffentlich bis gly

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  3. willkommen zurück 😉

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  4. Schwertfeger / Strassenverkehrsamt sagt:

    🙂 sehr gute Fragen und noch bessere Antworten! Schön syter wider da!

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