Back to the Future

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Der Wecker geht, Jeannine steht zuerst auf. Der Alltag hat uns wieder. Allerdings  heute nicht. Denn heute ziehen wir wieder einmal um. Es ist zwar erst das zweite Mal, seit wir wieder in der Schweiz wohnen, aber vorderhand noch nicht das letzte. Die Leute um uns herum scheint unsere volatile Wohn- und Jobsituation mehr zu stressen als uns selbst, obwohl wir dereinst die Stabilität auch geniessen werden, denn es gibt drei ganz entscheidende Punkte, weshalb wir so gelassen sind.

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Ab morgen wird die Aussicht von der Terrasse eine andere sein (Forsthauskreuzung Bern mit Kehrichtverbrennungskraftwerk im Hintergrund)

Erstens geniessen wir es, uns hier in der Schweiz zu einem grossen Teil neu definieren zu können, weil wir nur wenige Altlasten haben: Weder Wohnung noch Jobs; unsere Sachen sind in einem Lager in Burgdorf sicher und trocken aufbewahrt. Jetzt können wir neu bestimmen, wo und wie wir die nächsten Jahre leben und arbeiten wollen. Diese Chance hat man nur ganz selten im Leben! Und dass wir diese Woche noch nicht genau wissen, wo wir nächste Woche wohnen werden, belastet uns nicht mehr sonderlich: wir wussten während mehr als zwei Jahren meistens morgens noch nicht, wo wir abends übernachten würden, weil wir den Zielort noch gar nicht kannten.

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(Zu) viel Zeug im Lager, hier während des Einräumens, Oktober 2014

Zweitens kamen wir nicht “abgebrannt” zurück und konnten es ein paar Monate aushalten, ohne sofort wieder Geld verdienen zu müssen. Auch das gehört zur Planung einer solchen Reise.

Und drittens sind wir in der aussergewöhnlich komfortablen Situation, dass uns unsere besten Freunde schon vor unserer Rückkehr anboten, ihr Haus oder ihre Wohnung für ein paar Wochen in eine WG umzufunktionieren. Natürlich wollen wir diese tolle Gastfreundschaft auf keinen Fall überstrapazieren. Aber diese Möglichkeit ist unser Joker, den wir mit kurzer Vorankündigung spielen dürfen, falls sich eine “Wohnlücke” auftut. Mittlerweile ist auch unser Reisegefährt zurück, aber wir haben nicht so recht Lust, damit auf einem Schweizer Campingplatz zu hausen. Gleich nach unserer Rückkehr wohnten wir bei André und Eveline, nun hatten wir für zweieinhalb Monate eine Zweieinhalbzimmerwohnung in Untermiete, und heute geht’s also zu Beat nach Thun.

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Schneeschuhtour zur Alphütte von André und Eveline im Simmental, Februar 2017

In den ersten drei Monaten in der Schweiz nahmen wir uns Zeit für Sport. So unfit waren wir wohl in unserem Leben noch nie. Natürlich hatten wir auch unterwegs eine Art Fitnessprogramm (wir haben sogar ein paar kleine Hanteln an Bord, um etwas Gymnastik machen zu können — der Rücken dankt’s). Aber ein bisschen Wandern und etwas Velofahren machen es halt noch nicht. Mittlerweile haben wir uns doch schon etwas zurückkämpfen und ein paar Pfunde abbauen können.

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Velotour mit Beat und Katja von Bern nach Solothurn, April 2017
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Gleich mit fünf anderen Bremachs trafen wir uns im Jura, April 2017

Jeannine arbeitet schon seit dem 1. April wieder. Sie ist bei den Jowa-Bäckereien in Zollikofen bei Bern verantwortlich für die Produktionsprozesse. Das ist eine neue und anfangs komplexe Welt für sie, denn der Standort Zollikofen produziert sehr viele verschiedene Bäckerei- und Konditoreiprodukte, und ein grosser Anteil wird in Handarbeit erledigt. Viel zu lernen, also.

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Industrielle Brotproduktion bei Jowa

Oliver wird am 1. Juni wieder ins Berufsleben einsteigen. Die Details sind geklärt, der Vertrag aber noch nicht unterschrieben. Eigentlich wäre es sein Ziel gewesen, jetzt Informatik und Energieprojekte zu kombinieren. Dafür hatte er ja von 2011 bis 2014 ein Masterstudium in Energiemanagement in Deutschland absolviert. Aber in der Schweiz herrscht immer noch weitgehend Stillstand in Energieprojekten. Sechs Jahre lang kaut die Politik schon an der neuen Energiestrategie, über deren ungeliebtes Kind, das neue Energiegesetz, das Schweizer Volk am 21. Mai abstimmen wird. Es ist alles andere als ein grosser Wurf, viele Chancen wurden verpasst. Niemand will etwas wagen oder investieren. Der Hauptgrund scheint zu sein, dass Energie offenbar unter keinen Umständen mehr kosten darf, als sie das im Moment tut. Und dies, obwohl unser Energiekonsum extrem hohe, sogenannte externe Kosten, generiert, die mit den heutigen Energiepreisen nicht abgedeckt sind. Bezahlen tut’s grösstenteils die Umwelt. 75% der Energie, die wir in der Schweiz konsumieren, ist fossil und nicht erneuerbar. Wenn wir uns in der Schweiz kein nachhaltigeres Energiesystem leisten können, wer dann? Stattdessen leben wir lieber den Konsumwahn weiter (die Schweiz produzierte 2015 pro Kopf fast gleich viel Abfall wie die USA! ) und machen auf Besitzstandwahrung.
Die Preisfrage: Soll man für oder gegen das neue Energiegesetz stimmen? Unbedingt dafür, denn sonst gehen wir wieder zurück auf Feld «1» — das neue Gesetzt geht immerhin in die richtige Richtung, wenn auch mutlos. Die Zukunft gehört dem Wasserstoff.

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Eine der tausend Ölpumpen in Argentinien, März 2016

So bleibt Oliver vorderhand der Unternehmensinformatik in einer Führungsposition treu, hat aber in Bern eine dynamische Firma gefunden, die den Energiesektor als einen ihrer sieben strategischen Sektoren bezeichnet und dort expandieren möchte. ¡Crucemos dedos!

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Auf der Terrasse blüht das Apfelbäumchen, April 2017

Da wir jetzt schon einmal wissen, wo wir arbeiten (werden), können wir beginnen, nach einer Wohnung Ausschau zu halten. Wir schwanken noch zwischen zwei unterschiedlichen Wohnmodellen, aber das wird sich bald entscheiden. Als Zwischenlösung gibt es immer den Untermietservice, über den Jeannine die Wohnung fand, aus der wir heute ausziehen. Der Umzug nach Thun wird jedenfalls eine kurze Sache: Immer noch passen alle unsere Sachen (minus ein paar Velos — wir haben schon wieder sechs davon in Gebrauch …) in unser Fahrzeug. Die Wohnung ist rasch geputzt. Listo! Vamos!

Nützliches Vokabular

¡Crucemos dedos! — Daumen drücken (wörtlich wie im Englischen: «cross fingers»)
Listo — bereit, fertig

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