Angebot mit Komplikation

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Bei der Verabschiedung unserer neuen Bekannten in San Vicente fragen wir pro forma «hay restriciones por la aduana brasilera? (irgendwelche Einschränkungen für den Grenzübertritt nach Brasilien?)». Mit grossen Augen versichern uns die bolivianische dueña des Lebensmittelgeschäfts und ihre brasilianische Geschäftsführerin Andreza, «nos dejan agua nada mas (ausser Wasser nichts)». Jetzt sind wir es, die staunen, denn unsere Lebensmittelschubladen sind randvoll. In der Kühlbox liegt seit gestern zudem ein tiefgefrorenes, geschenktes Rehbein, welches wir nun zurück geben müssen.

Rückblende: Nach unserer tollen Route entlang der Jesuitenkirchen, setzten wir die Reise fort Richtung Osten und Brasilien. Mittlerweile geübt im Finden von Nachtplätzen in Gegenden, wo es keinerlei touristische Infrastruktur gibt, parkten wir auch in San Vicente mitten im Dorf auf dem Fussballfeld, welches uns als sicherer Nachtplatz empfohlen wurde. Wir befinden uns nur 200 km von der Grenze entfernt. Kaum hatten wir den Motor abgestellt, kam Andrezas Partner auf seinem Roller angebraust. Nicht weit von hier hätte er uns einen viel komfortableren Platz. Wir folgten der Einladung. Zwar ist dieser Übernachtungsplatz neben der Lebensmittelhalle weniger schön dafür praktisch. Wir dürfen die Toilette und die kalte Dusche nutzen, und sie schenkten sie uns ein ganzes Rehbein.

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Willkommene Toilette und WC
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Auf dem Weg zum Grenzort San Matías

Zurück zu unseren Vorräten: Kurz gehen wir die Optionen durch. In unserer Reiseapp iOverlander finden wir einen aktuellen Hinweis eines Reisenden, der bei dem von uns angesteuerten Grenzübergang in San Matías sogar all seine Konserven abgeben musste. Was nun? Erneut erweisen sich unsere Gastgeber als äusserst hilfsbereit und offerieren, dass wir die Lebensmittel bei ihnen zwischenlagern dürften. Das dient uns insofern nicht, weil wir nicht nach San Vicente zurückkehren wollten. Ach so, dann sie würden die Ware zu ihrer Tochter nach Santa Cruz bringen, bietet die Besitzerin an. Ok, das ist super nett, und Jeannine meint die Sachen in zwei Kartonschachteln packen zu können. Weit gefehlt, denn schliesslich sind es vier Kartons (wohl etwa 40 kg!), zudem überlassen wir ein paar Köstlichkeiten unseren Helfern als Dankeschön und verabschieden uns. Allerdings nicht ohne ein Erinnerungsbild zu machen. Am Zoll geht alles gut.

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Alle Vorräte sorgfältig aber möglichst schnell verpackt
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Unsere hilfsbereiten Gastgeber: von links die beiden bolivianischen Besitzer, Andreza die Brasilianerin, Jeannine und eine Verkäuferin

Gut schweizerisch melden wir uns ein paar Tage bevor wir Brasilien wieder verlassen bei der Tochter in Santa Cruz, erhalten aber keine Antwort.
Drei Tage später Jeannines Nachfrage bezüglich Adresse und Verfügbarkeit. «OK», ist die knappe Antwort. Hmmm, langsam zweifeln wir, ob die Schachteln überhaupt in Santa Cruz sind.

Dort angekommen, will unsere bolivianische SIM-Karte nicht mehr funktionieren. Das macht jetzt die Nachforschung nach unseren Lebensmittel auch nicht einfacher. Mit Hilfe anderer Reisender können wir die eintreffenden, eher schwer verständlichen What’s App-Nachrichten von Andreza abrufen: breites portuñol erfordert unsere Kreativität.

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Das Unerklärliche ist eingetroffen: Die Schachteln sind in San Vicente, wir bereits in Santa Cruz! Ein Kurier macht es möglich, dass wir unsere Vorräte zwei Tage später im Depot der Transportfirma Pionera Trans Bolivia, in der Nähe des Busterminals, fast unversehrt in Empfang nehmen können. Die kratzbürstige Empfangsdame brüskiert die Kunden nicht nur am Telefon, sondern auch bei der Direktbegegnung. Hatte sie sich doch strikte geweigert nachzuschauen, ob die Pakete eingetroffen waren, weil Jeannine fälschlicherweise nach einer Lieferung aus San Vicente fragte. «Nosotros no trabajamos con San Vicente, adiós! (Wir transportieren nicht nach und von San Vicente, adieu)».

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Stadtverkehr im Zentrum von Santa Cruz, auf dem Weg zu unseren Lebensmittelschachteln

Es ist fast wie Weihnachten all die köstlichen Lebensmittel einzuräumen, und trotzdem sind wir uns einig, dass wir ab sofort an diesen Vorräten „arbeiten“ und zukünftig weniger Notvorräte mitführen wollen.

Nützliches Vokabular

la dueña – Besitzerin
el portuñol – Sprachmix zwischen Portugiesisch und Spanisch

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Vieles ist komplizierter als hierzulande und so wie es scheint, weiss keiner, was wirklich gilt. Und das macht alle zu hilfsbereiten Menschen. Nur so kann man gegen die Willkür überleben und für sich eine Scheibe abschneiden. Wenn ich da so lese, ist es mir hier in Europa recht wohl; wenn auch mal überorganisiert und ohne Eigeninitiative der hier lebenden Menschen. Hier delegiert man an die anderen – in Bolivien hilft man einander um Unannehmlichkeiten zu umgehen.
    Und wenn ich so WC/Dusche ansehe, ist man mit viel viel viel weniger Komfort auch schon zufrieden.
    Weiterhin eine schöne Reise mit so viel Glück wie ihr bis jetzt gehabt habt. HEbät Sorg!

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