Caleta María — Fin del Mundo

Heute sind wir auf der Fahrt zum Ende der Welt. Bereits seit Tagen waren die grünen Wegweiser entlang der Ruta 9 mit der Überschrift “Ruta del Fin del Mundo” versehen gewesen, aber nun waren wir dem Ende der Welt wirklich nahe. Für die meisten Südamerika-Reisenden ist das Ende der Welt im argentinischen Ushuaia (mittlerweile 60’000 Einwohner), weil dieses einfach zu erreichen ist — man kann beispielsweise aus Buenos Aires direkt nach Ushuaia fliegen. 

Wir suchen das Ende der Welt im chilenischen Westen von Tierra del Fuego. Nach Pampa Guanaco hat die Schotterpiste zumindest auf unserer Copec-Landkarte, Ausgabe 2016, keine Nummer mehr. Bereits gestern waren wir viele Serpentinen über einen Pass gefahren und hatten am Lago Deseado campiert.

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Heute Morgen dann nochmals viel Serpentinen über einen weiteren Pass, und beim Puente über den Ausfluss des Lago Cami war die gelbe Linie auf unserer Karte zu Ende. Die Schotterpiste aber noch nicht, und sie war ziemlich neu: sie ging weiter nach Westen durch ein Tal, das vor Urzeiten von einem Gletscher in den Schieferfels gerieben wurde. Hier leistet die chilenische Regierung Entwicklungsarbeit. Beidseits der Piste sind relativ kürzlich deklarierte Nationalparks: südlich der Parque Yendegaia, nördlich der Parque Karukinka mit der Sierra Dientes del Dragón (Grat der Drachenzähne).
Soeben befahren wir eine neue, einspurige Stahlbrücke und passieren, was früher einmal eine Estancia gewesen sein muss. Auf einem Geräteschuppen steht in gelben, frechen Holzlettern: Caleta María. Hundert Meter später endet die Piste abrupt. Noch zwanzig Meter weiter, und unser Kasbah würde zum Amphibienfahrzeug: der Seno Almirantazgo. Das ist es also, das Ende der Welt: 54.48° Süd, 68.97° West.

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Bis hier und nicht weiter!

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Jemand hat aus Schwemmholz, Brettern und anderem Strandgut ein Häuschen mit einer Schublade gezimmert, und diese gelb bemalt. Darin befindet sich, in Plastik gepackt, die Ende-der-Sackgasse-Entsprechung zu einem Gipfelbuch, mit einer Kinderzeichnung in Wasserfarbe als Titelblatt. Wie sympathisch! Wir tragen uns ein und spazieren zu Fuss dem Kieselstrand entlang in den Wind hinein. Das Panorama ist grandios.

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Zurück beim Auto stellt sich die Frage nicht, in welche Richtung wir losfahren, sondern nur, wie weit heute noch. In diesem Moment knattert auf einem roten Quad ein grau melierter Señor in Läufermütze und Joggingkleidern heran. Julio ist Arzt in Punta Arenas, und ihm gehört Caleta María seit 19 Jahren (www.caletamaria.cl). Diesen Sommer verbringt er abwechselnd eine Woche in der Stadt, eine Woche al fin del mundo. «Bevor die Strasse hier vor zwei Jahren ankam, waren es bis zu drei Tagesmärsche vom Ende der Schotterpiste bis zur Estancia. Später kamen wir manchmal mit dem Schiff oder dem Flugzeug, eine Landepiste befindet sich weniger als einen Kilometer entfernt.» Wir dürften gerne hier übernachten, wenn es uns gefällt. So werden wir uns heute Abend vom Meeresrauschen am Ende der Welt in den Schlaf wiegen lassen.

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Die Estancia Caleta María vom Ende der Strasse aus gesehen

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Inspiriert von Roger Willemsens fesselndem Buch, Die Enden der Welt, 2010

Nützliches Vokabular

el fin del mundo — das Ende der Welt
el puente — die Brücke
el puente mecano — Stahlbrücke aus vorgefertigten Elementen
la estancia — der Bauernhof, die Farm
el seno — von einem Gletscher geformter Meeresarm (engl. sound)

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefan Graber sagt:

    Einfach nur schön – auch am Ende der Welt. Hier darf einem aber weder Wasser, Essen noch Treibstoff ausgehen, sonst ist man am Ende der Welt.
    Die Landschaft ist aber wunderbar und vermutlich kann man sich da auch sehr gut erholen.
    Weiterhin eine gute, schöne und unfallfreie Fahrt mit vielen Erlebnissen.

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