Retrospectiva I

Dieser Blogeintrag ist ein Rückblick auf unsere ersten drei Reisemonate in Südamerika und gibt Dir die Möglichkeit, unsere Route nachzuvollziehen, was mit den bisher veröffentlichten Erlebnissen kaum möglich war. Etwa alle drei Monate werden wir zukünftig die Route und ein paar zusammenfassende Reiseeindrücke veröffentlichen.

Route detail Q1
Weiss – Reiseroute / gelb gestrichelt – Grenze zwischen Chile und Argentinien, grün – Carretera Austral / Die Nummern 1-7 sind im Text referenziert

Zusammenfassend dürfen wir feststellen, dass es wohl weise war, Australien vor Südamerika zu bereisen. Das gab uns die Möglichkeit, in einer einfachen und sicheren Umgebung die Planung und das Reisen mit dem Auto zu üben sowie Ausrüstung und Fahrzeug zu optimieren. Obwohl Chile und Argentinien zu den am besten entwickelten Ländern Südamerikas gehören, müssen wir hier viel mehr Energie und Zeit aufwenden, um an Information zu gelangen (die sich am Ende oft als unzuverlässig erweisen), um Internet-Zugriff zu erhalten, um die Güter des täglichen Gebrauchs einzukaufen oder um zu Bargeld zu kommen. Es ist ein viel engagierteres Reisen, das aber immer wieder durch überwältigende Landschaften und herzliche Kontakte belohnt wird. Leider fehlt hier der Tierreichtum — und insbesondere vermissen wir die Vögel und ihre vielfältigen Rufe, tags wie nachts.

Itinerario

Nachdem wir in Santiago de Chile drei Wochen lang sowohl in die südamerikanische Kultur wie auch in die spanische Sprache eintauchten, beginnt die eigentliche Reise am 7. Dezember 2015 mit dem Befreien von Kasbah aus seinem Container, der ihn per Schiff von Melbourne nach San Antonio (Containerhafen von Santiago) transportiert hat.
Die ersten neun Tage sind geprägt vom Einbau von kleinen Ersatzteilen, die wir aus der Schweiz mitbrachten; dem Ersatz der Starterbatterie; diversen Optimierungen am Fahrzeug; dem Upscale auf drei Passagiere und der Fahrt nach Puerto Montt. Unterwegs besuchen wir auf diesem rund 1300 km langen Weg Sehenswürdigkeiten, beschnuppern die chilenischen Seenlandschaft und lernen einen ersten Nationalpark kennen.
Am 16. Dezember „loggt“ sich unser Freund Beat bei uns ein (so beschreibt er seinen Besuch) und begleitet uns während dreieinhalb Wochen bis nach Punta Arenas. Wir waren ein super Reise-Team!

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Blick auf die Stadt Santiago vom Costanera-Turm

Carretera Austral

Diese 1240 km lange, legendäre Strecke zwischen Puerto Montt und Villa O’Higgins war ein Prestigeprojekt von General Pinochet und wurde 1996 nach mehr als 20 Jahren Bauzeit fertig gestellt. Sie bildet ein Rückgrat unserer ersten drei Reisemonate und hat uns begeistert mit ihrer vielfältigen Landschaft; den teilweise spektakulären Campingplätzen; den atemberaubend türkisblauen Flüssen und Seen; und den diversen Wanderungen in kaltem Regenwald. Zwei Drittel der Carretera sind (noch) nicht asphaltiert (ripio); dort dominiert Staub bei trockenem und Schmutz bei nassem Wetter. Wir hatten beides und schätzten oft den Vorteil des Autos und hätten nicht mit den vielen Radfahrern tauschen wollen. Manchmal beneideten wir sie, wenn es beispielsweise Bilderbuchwetter war, oder wenn wir kaum irgendwo anhalten konnten, um die Aussicht zu geniessen oder Fotos zu machen.
Aufgrund des unstabilen Wetters bereisten wir die Carretera in zwei „Anläufen“. Den Nordteil von Puerto Montt bis El Maitén (1, siehe Karte) mit Beat im Dezember, und von El Maitén bis Villa O’Higgins (2) anfangs Februar. Was beim Bereisen dieser Strasse besonders reizvoll ist, sind die vielen Abstecher, welche zu tollen Wanderungen, zu Nationalparks, zu Gletschern, zu Wasserfällen, ans Meer und zu eiskalten Flüssen führen. Unsere Favoriten waren der Nationalpark Pumalín, die Wanderungen zu den hängenden Gletschern Zum hängenden Gletscher, die Bootsfahrt durch die Capillas de Mármol in Río Tranquilo, der mächtige, türkisblaue Río Baker, das wilde Rafting auf dem Río Futaleufú (3). Sowie Villa O’Higgins als kleiner Ort, der unbedeutend scheint, aber in eine atemberaubend schöne Landschaft gesetzt wurde und für Autofahrer das „Ende der Strasse“ ist. Von dort geht’s lediglich mit dem Schiff und dann mit eigener Muskelkraft weiter.

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Durch diesen wilden Wald aufgestiegen …
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… um diesen herrlichen Ausblick zu bekommen
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Fabelhafte Landschaft entlang der Carretera Austral
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Unberührte Natur in Villa O’Higgins
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Capillas de Marmol

Tierra del Fuego

Die Landschaft von Feuerland is mehrheitlich flach, rauh und karg — grün ist es nur ganz im Süden. Unsere Reise ans südliche Ende des Kontinents (Insel des Feuers und Caleta María — Fin del Mundo) war eher kurz, weil das Wetter Mitte Januar (Hochsommer!?) wirklich kalt war, und konstant heftiger Wind herrschte. Den argentinischen Teil (mit Ushuaia) liessen wir gleich ganz weg. Der Besuch der Königspinguin-Kolonie in der Bahía Inútil (4) war jedoch einzigartig. Wohl nirgends auf der Welt kommt man diesen aussergewöhnlich schön gezeichneten Geschöpfen so nah, ohne eine lange Schifffahrt auf sich nehmen zu müssen.

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Die einen brüten die Eier aus, die anderen mausern sich

Patagonia y sus Mesetas

Der südliche Teil des argentinischen Patagoniens ist geprägt von riesigen Flächen mit äusserst kargem Weideland auf Tafelbergen (mesetas), die von Flüssen oder Seen durchschnitten sind. So ist es oft eine monotone und staubige Angelegenheit durch diese Landschaft zu reisen. Wir haben einen Teil davon erfahren (im wahrsten Sinne des Wortes), zwischen Río Gallegos und Bajo Caracoles. Neben dem Erleben der Weiten sind die Farben, welche die Tafelberge zum Teil aufweisen, sehr imposant.

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Guanacos sind die häufigsten Lebewesen in der Mesetalandschaft

An der Ostküste haben wir in diesen Breitengraden schöne Natur erlebt. Im Parque Nacional Monte León (5) haben wir die eindrückliche Küstenlandschaft entdeckt und Tiere beobachtet, was eine Fortsetzung entlang der Küste nördlich von Puerto San Juliàn fand. Durch viele Kilometer Meseta- und Erdölgebiet ging es in die beiden Parks mit versteinerten Wäldern (6) Bosques petrificados. Auch hier regierte der Wind.

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Küstenlandschaft im Monte Léon Nationalpark

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La Cordillera

Die Gebirgskette (cordillera) der Anden bildet die Grenze zwischen Chile und Argentinien, wobei sie gegen Süden ausläuft und an Höhe verliert. Die Pässe waren also in diesem Teil der Reise kaum als solche wahrnehmbar, aber landschaftlich meist wunderschön.
Der Parque Nacional Jenimeini schmiegt sich auf der chilenischen Seite direkt an die Grenze. Wir haben ihn von Chile Chico mit einem sympathischen lokalen Führer Ignácio besucht, weil wir ihn gerne unterstützten und seine lustige Art mochten. In diesem Tal hatte es nicht nur Felsen, die in allen Farben erstrahlten, sondern auch einen, dieser intensiv türkisblauen Seen.

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Die Fahrt durchs Valle Chacabuco war ein einzigartiges Naturerlebnis, und die Wanderung im Parque Nacional Patagonia (7) äusserst abwechslungsreich angelegt. Zudem hatten wir diesen 27 km langen Rundweg für uns alleine. Wir rundeten diesen schönen Tag ab mit einem grossartigen Nachtessen im neuen, aber alt-rustikal gestalteten Speisesaal der Lodge.

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Rund 900 km weiter nördlich liegt der Parque Nacional Lanín (3800 km2) mit dem gleichnamigen Vulkan in reizvoller Landschaft (8). Der patagonische Wald in diesem Park ist aussergewöhnlich und gespickt mit den für die Region typischen Araukarien.
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Numéricos

9760 gefahrene Kilometer
Keine nennenswerten Autopannen, aber ein kleines Leck an unserem Primus Benzinvergaserkocher mit der Konsequenz, für 3 Wochen nur einen Kocher zur Verfügung zu haben

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In dieser Werkstatt wurde unser Kocher fachmännisch und unter Einhaltung der gängigen Arbeitssicherheit erfolgreich repariert

6 Grenzübertritte zwischen Chile und Argentinien
8 mal die Autofähre benutzt, wobei die Überfahrten zwischen 5 Minuten und 5 Stunden gedauert haben
27% unserer Zeit in Argentinien, 73% in Chile verbracht

¡Barbaro!

Beste Übernachtungsplätze
Parque Nacional Pali Aike, den wir nachweislich für eine Nacht für uns alleine hatten

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Aussicht auf unseren Nachtplatz – Idylle und Ruhe sind garantiert

Camping Chachín Lago Nonthué

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Die Reisezeit zu Dritt mit unserem Freund Beat, der trotz mässigem Wetter und viel Wind das Übernachten im Zelt schätzte und sich mit den engen Platzverhältnisse bei schlechtem Wetter arrangierte. Wir haben seine Gesellschaft sehr geschätzt!

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Viele wertvolle Bekanntschaften. Und ganz besonders schön waren die gut zwei Wochen gemeinsame Reisezeit mit Silke und Uwe aus Hamburg, sie sind mit dem grossen Cousin von Kasbah unterwegs, einem Iveco Daily 4×4

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Viele wunderschöne Fahrten entlang von Seen und Flüssen mit türkisblauem, klarem Wasser
Morgenessen im Singular Hotel
Zahlreiche spektakuläre Sonnenauf- und -untergänge. Unsere Aussenküche beschert uns immer wieder unerwartete, spektakuläre Naturerlebnisse

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Camping und Kochen bei Abendstimmung am Lago Musters, Argentinien

¡Lástima!

Übernachtung am Fluss im Parque Nacional Queulat, neben der Strasse, die eine Baustelle ist. Dort werden wir, zusammen mit Silke und Uwe beim Morgenessen vom aufgebrachten Guardaparque unsanft rausgerückt.
Toilettenpapier und Abfall liegt herum bei Rast- und Campingplätzen und auch bei fast jeder Wanderung. Der Codex zum Outdoor-WC wird in Chile und Argentinien offenbar nicht thematisiert und folglich auch nicht befolgt.
Immer wieder haben wir uns in Gebieten bewegt, wo das seltene Huemul (Zwerghirsch) oft die Strassen überquere, aber weder dort noch auf zahlreichen Wanderungen blieb es uns vergönnt, dieses seltene Tier zu sehen, und schon bald sind wir ausserhalb seines Lebensraums.

¡Migas!

Toilettenpapier ist Mangelware und muss Mann/Frau immer auf sich tragen, in Argentinien teilweise auch in Restaurants (es nach Gebrauch nie in die Toilette, sondern in den Kübel daneben entsorgt).
Zu argentinischen Pesos zu kommen, ist und bleibt ein kompliziertes und zeitintensives Unterfangen, zudem sind die zerfledderten Geldscheine eklig anzufassen, und meist stinken sie.
Auf der Fähre von Punta Arenas nach Porvenir (Tierra del Fuego), treffen wir Motorradfahrer, die Surfbretter an Ihre Zweiräder geschnallt haben – this is unheard of! Später werden wir von ihnen auf unserem Range-Rover-Club-Victoria-Aufkleber angesprochen. Not surprisingly sind es drei junge Australier, die sich der Kälte und dem rauhen Klima aussetzen möchten – auch in den Wellen.
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Hunde sind sowohl in Chile wie Argentinien allgegenwärtig und haben IMMER das Bedürfnis, unsere Reifen zu markieren….

Próximamente

Hoffentlich bald stabil wärmeres, sonnigeres und weniger windiges Wetter finden.
Weiterreise nach Norden in Chile und Argentinien, Familie Fresneda in Mendoza besuchen (unsere Gastfamilie 2006), einen aktiven Vulkan besteigen, in schönen Thermen baden, Fahrrad fahren, Spanisch verbessern, weiterhin viele interessante Leute kennen lernen, Einreise nach Bolivien und/oder Peru.

Nützliches Vokabular

la retrospectiva – Rückblick
el itinerario – Reiseroute
el ripio – Schotterstrasse
la meseta – Tafelberg oder Hochebene
el numérico – Zahlenwert / Statistik
bárbaro – grossartig, im Sinne von Sternstunden
qué lástima! – wie schade!
la miga – „Brösmeli“ im Sinne von kunterbunten Bemerkungen am Rande
próximamente – nächstens

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Delia Reinhard sagt:

    Super Beitrag, danke für das „big picture“, das gibt wirklich ein gutes Bild über eure abwechslungsreichen Erfahrungen. Sehr eindrücklich, bin gespannt was der Norden so bringen wird. Lg Delia (aus Bern wo es wieder mal kalt ist und vorübergehend winterlich weiss war)

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    1. otrocachito sagt:

      Salut Delia, danke für den motivierenden Kommentar. Gut zu wissen, dass eine unsere Leserschaft einen solchen Rückblick von Zeit zu Zeit schätzt. Wir führen den weiter….. Gruss und schöne Sunntig

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  2. Stefan Graber sagt:

    Wenn ich so lese kommt mir das eine oder andere von den Blogs wieder in den Sinn. Und die Bilder sind ja Phantastisch. Hat aber auch wirklich schöne Ecken in diesem Land – und eure hohe Kunst besteht darin, diese auch zu finden. Könnt ihr überhaupt noch Aufnehmen oder müsst ihr mal ein Timeout machen?
    Weiter so, denn diese Eindrücke kann euch niemand mehr nehmen. Eine gute und weiterhin spannende Zeit wünsch ich euch

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    1. otrocachito sagt:

      Berechtigte Frage, ob wir noch aufnehmen können. Ja, aber nur weil wir den richtigen Reiserhythmus gefunden haben. Das hat ein paar Monate gedauert, aber jetzt erkennen wir Zeichen der Übersättigung frühzeitig. Danke für Deine Treue

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